Kultur
Martin Suter: «Ein Cocktail von Dummheit und Geldgier»
Interview: Rico Bandle. Aktualisiert am 01.10.2008 27 Kommentare
Keine Schadenfreude: Martin Suter. (Bild: Keystone)
Zur Person
Martin Suter
Martin Suter, geboren 1948 in Zürich, lebt auf Ibiza und in Guatemala. Seit 1991 arbeitet er als freier Schriftsteller und Autor, zuvor war er als Werber tätig. Sein erster Roman, «Small World», wurde zum Bestseller. Weiter sind von ihm erschienen: «Die dunkle Seite des Mondes», «Ein perfekter Freund», «Lila, Lila», «Der Teufel von Mailand» und «Der letzte Weynfeldt». Für seine Kolumnen («Business Class»), Drehbücher und Romane hat Martin Suter zahlreiche Auszeichnungen bekommen.
In Ihren Business-Class-Kolumnen funktionieren die Banker und Manager nach einem ziemlich einfachen Muster. Erkennen Sie das jetzt wieder?
Ja, alle Leute sind recht einfach, nicht nur die Banker. Ich glaube nicht, dass sich die Psychologie der Menschen sehr unterscheidet. Das Verhalten von uns allen ist durchschaubar und absehbar.
Dennoch kommt es immer wieder zu Überraschungen.
Diese neue, komplexe Finanzwelt gibt es erst seit Ende der 80er-Jahre. Vielleicht hat ein Teil der Banker keine Ahnung, was er überhaupt tut. In allen Berufen gibt es Stümper – oder sie überwiegen sogar. Wir vertrauen diesen Leuten einfach, obwohl es eigentlich wenig Grund dazu gibt: Der erste grosse Hedge-Fund, der Pleite ging, war von zwei Nobelpreisträgern gegründet worden. Die Ursache für solche Pleiten kann man auf einen Cocktail von Überheblichkeit, Dummheit, Geltungsbedürfnis, Karrieresucht und Geldgier reduzieren.
An gewissen Tagen kommt es zur Massenpanik. Weshalb?
Das ist ein bemerkenswertes Phänomen. Am gleichen Tag, an dem es eine Börsenpanik gab, brach auch in einem buddhistischen Tempel in Indien Panik aus, ich glaube, 110 Leute starben. Irgend etwas ist da dran.
Bestimmt haben auch Sie die Banker gesehen, die ihren Job verloren haben und mit Kartonschachteln ihren Arbeitsplatz verliessen. Was ging Ihnen da durch den Kopf?
Sicher nicht Schadenfreude. Die mit den Schachteln sind ja nicht die Verantwortlichen. Es ist keine Schande, bei einer Bank zu arbeiten. Das sind normale Berufsleute, die einem System und Leuten ausgeliefert sind, die skrupellos und vielleicht auch ein bisschen dumm sind. Es gibt diesen berühmten Warren Buffett, der hat schon vor Jahren gesagt, dass die neuen künstlichen Finanzprodukte eine Zeitbombe seien, eine ökonomische Massenvernichtungswaffe. Es gab auch andere Warner; intelligente Leute, die das Unheil kommen sahen. Warum fast alle trotzdem weitergemacht haben, kann man wohl nur auf den genannten Cocktail zurückführen.
Das Banker-Dasein ist mit einem gewissen Lifestyle verbunden, wird sich der jetzt ändern?
Nur, wenn das gesamte System zusammenbricht. Gewisse Leute haben sehr viel verdient – dass sie ihr Geld in zwei Lamborghinis und nicht in Aktien investiert haben, erweist sich nun als nicht so falsch.
Werden die Banker jetzt nicht etwas bescheidener auftreten müssen?
Die Krise nagt schon am Image. Und die Leute haben nicht zu Unrecht das Gefühl, sie seien diesen «Gamblern» ausgeliefert. Doch die Banker werden sich nicht ändern, ausser, dass sie in gewissen Kreisen ein bisschen leiser auftreten werden. In Wollerau jedenfalls müssen sie sich sicher nicht verstecken.
Bei vielen Leuten löst die Bankenkrise auch anti-amerikanische Ressentiments aus. Zu Recht?
Ich kann das nachvollziehen. Die Regierung Bush hat sich in den letzten acht Jahren sehr arrogant aufgeführt. Sie wollte aus dieser Welt einen sichereren Platz machen, das Resultat ist genau das Gegenteil. Als Schlussbouquet hat man das Gefühl, sie ruinierten auch noch die Weltwirtschaft. Als bekannt wurde, dass auch die soliden Schweizer Banken einbezogen waren, warf man ihnen eine Amerikanisierung des Geschäftgebarens vor. Genau dieses System, das auch die exorbitanten Löhne zu verantworten hat, hat diese Krise letztendlich ausgelöst.
Wird die Bankenkrise nun auch in Ihre Werke einfliessen?
Auf irgendeine Weise vielleicht schon, ob gewollt oder ungewollt. Ich arbeite gerade an einem neuen Roman und an einem Projekt mit Stephan Eicher. Mehr will ich dazu noch nicht sagen. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 01.10.2008, 11:12 Uhr
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27 Kommentare
Die 700 Mia. Dollar für dieses Rettungspaket scheinen eine Riesensumme zu sein. Das sind sie ja auch. Aber warum regt sich die ganze Welt jetzt so darüber auf? Immerhin hat der Irak-Krieg bis jetzt so ziemlich die selbe Summe gekostet. Und über diesen Riesenbetrag scheint sich die Oeffentlichkeit so ganz und gar nicht aufzuregen. Antworten






