Kultur

Muss die Welt erfahren, wenn Max Frisch über seine Impotenz schreibt?

Gegen den Willen Max Frischs wird demnächst sein drittes Tagebuch veröffentlicht. Darin kommen auch Intimitäten und seine Verbitterung zur Sprache. Darf man das publizieren?

1/7 Mischte sich zeitlebens in die Gesellschaft ein: Der Schriftsteller und Architekt Max Frisch.
Bild: Keystone

   

Das Buch

Max Frisch: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch. Mit einem Nachwort von Peter von Matt. Suhrkamp, 213 Seiten, ca. 30 Franken.
Das Buch erscheint am 19. April.

Das Typoskript, das nun unter dem Titel «Entwürfe zu einem dritten Tagebuch» herauskommt, wurde vor wenigen Jahren in den Unterlagen von Frischs Sekretärin entdeckt. Dass der grosse Schweizer Schriftsteller den Text veröffentlicht haben wollte, gilt als ausgeschlossen. Zu bruchstückhaft sind die Notizen, zudem hat er sie nicht ins Archiv gegeben und glaubte wohl, sie seien vernichtet.

Bei der Max-Frisch-Stiftung war man sich uneinig über die Veröffentlichung, wie die Wochenzeitung «Die Zeit» schreibt. Die Schriftstellerkollegen Adolf Muschg und Peter Bichsel waren dagegen, der Literaturwissenschaftler Peter von Matt und der Suhrkamp-Verlag dafür. Muschg argumentierte in einem Brief an den Stiftungsrat mit der «illegitimen Herkunft» des Typoskripts und dass es den Ansprüchen des Autors nicht genügt hätte. «Ich sage nicht, dass er dieses Buch ‹nicht gewollt hätte›. Er hat es nicht gewollt. Daran gibt es für mich nichts besser zu wissen», so Muschg.

«Wie dieses Amerika mich ankotzt!»

Worum geht es in dem Tagebuch? Anfang der 1980er-Jahre wohnte Frisch in New York. In den fragmentartigen Aufzeichnungen von 1982 kommen sein Pessimismus, seine Verbitterung in den späten Jahren in aller Deutlichkeit zum Ausdruck. «Die Zeit» hat in einem Vorabdruck einige Passagen bereits veröffentlicht.

«Wie dieses Amerika mich ankotzt!», schreibt er. Die Amerikaner fühlten sich «als die beste Art von Menschen, die es geben kann», mit ihnen kritisch über das Selbstverständnis Amerikas zu reden, habe keinen Zweck. Frisch scheint in einem Negativ-Strudel gefangen, der auch das Schreiben beeinflusst:

Ein fast unüberwindlicher Ekel vor der Schreibmaschine, Versuche mit Handschrift, einmal auch mit Tonband, aber das hilft nicht.

Impotenz und Alkoholismus

Ganz persönliche Probleme kommen im Tagebuch zur Sprache, zum Beispiel seine Impotenz:

Wann gibt man die geschlechtliche Impotenz zu? Ich gehe noch immer zur Apotheke; das Rezept ist sieben Jahre alt. Warum findet man sich nicht endlich ab und ein für allemal? Weil in Träumen die Sexualität nicht schwindet, im Gegenteil, und weil auch auf Impotenz kein Verlass ist.

Oder sein Alkoholproblem:

Dass ich Alkoholiker sei, habe ich früher schon gesagt. Jetzt ist es keine Koketterie mehr. Ich bin Alkoholiker. Nur in einer Klinik gelingt der völlige Entzug.

Frischs in frühen Schriften noch häufige Ironie kommt hier nur noch selten zu Tragen. In einer Stelle beschreibt er, wie im Flugzeug, «meist über Labrador», eine Hostess komme, die «sich ein Autogramm von Friedrich Dürrenmatt wünscht». Wenn er ausführt, wie gut er haushalten kann, so tönt das fast wie eine Rechtfertigung:

Wenn Frauen, die keinen Beruf ausüben, weil sie mit mir leben, sich als Hausfrau behandelt fühlen, missbraucht als Magd, so bin ich bestürzt. Denn ich bin für die Emanzipation, die Revolution des Verhältnisses zwischen Frau und Mann. Nur nähen kann ich nicht, das gebe ich zu. (...) Hingegen kann ich immer noch Holz hacken (im Tessin) und Kehrichtsäcke hinunterbringen im Lift (in Manhattan und in Zürich) und es tut mir leid, wenn ich wieder vergessen habe, dass zugleich ein frischer Kehrichtsack in den Eimer gehört; solche Nachlässigkeit kommt immer wieder vor.

«Ich werde ein Greis»

Der Autor beschäftigt sich schon sehr mit seinem Ende, schriftstellerisch hat er bereits abgeschlossen. Er bedauert, sein letztes Buch, «Blaubart», veröffentlicht zu haben. «Was habe ich da geschrieben? Eine Fratze, eine gekonnte Grimasse – als letztes Buch? Das vorletzte [«Der Mensch erscheint im Holozän»] hätte verdient, das letzte zu sein.»

Ich werde ein Greis. Man wird ein Greis, wenn man sich zu nichts mehr verpflichtet fühlt, wenn man nicht meint, irgendjemand in der Welt irgend etwas zu schulden, und dazu braucht einer noch nicht am Stock zu gehen oder im Rollstuhl zu sitzen; es gibt auch wanderfähige Greise.

Wie diese Texte qualitativ auch immer einzuordnen sind, sie werfen eine Frage auf, mit der Hinterbliebene und Verlage nach dem Tod von Autoren immer wieder konfrontiert sind: Was wiegt schwerer, der Wille des Autors oder das Bedürfnis der Öffentlichkeit, sich ein möglichst vollständiges Bild des Schriftstellers zu machen? Adolf Muschg bringt im Fall von Max Frisch einen plausiblen Lösungsvorschlag für dieses Dilemma: «Natürlich kann man einen Text, der nun einmal in der Welt ist, nicht dauerhaft unter Verschluss halten. Ich stelle mir vor, dass er etwa als Anhang des ‹Tagebuchs 2› einen Platz hätte, der zugleich die biografischen Verbindungen herzustellen und die Proportionen zu wahren erlaubt.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.03.2010, 14:07 Uhr

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24 Kommentare

majo naef

31.03.2010, 10:24 Uhr
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@Rosemarie Primault sie hätten sie verbrennen sollen. Der grösste Vertrauensbruch den man als Eltern machen kann, ist die Tagebücher und Briefe der Kinder zu lesen. Das sollte auch für berühmte Schriftsteller gelten. Für die heutigen Schriftsteller gilt, alles noch zu lebzeiten verbrennen was nicht in die Oeffentlichkeit gehört. Antworten


René Bosshard

30.03.2010, 22:09 Uhr
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Ich möchte das gerne lesen – ohne Voyeurismus – bereits im 2. Tagebuch war viel die Rede vom Alter(n) – nun von seinen Gedanken im «erreichten» Alter lesen zu können, davon verspreche ich mir einige Erkenntnis. Auch ohne stilistische Überarbeitung – er war ein grosser Stilist. Zur Verbitterung im Alter – vielleicht war er einfach Realist ?? Wenn auch mit leichten Vorbehalten – veröffentlichen. Antworten


carlo bernasconi

30.03.2010, 18:04 Uhr
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kommentiert: ja, unkommentiert: nicht unbedingt. Ich freue mich auf die Lektüre und mehr noch: auf mein eigenes Urteil. Frisch lese ich, seit ich denken kann (das ist auch schon eine weile her...). dem urteil von peter von matt vertraue ich, seit ich ihn auch persönlich kenne. und ich freue mich auf noch mehr: auf das 'berliner journal' und weitere texte von m.f. Antworten


Dante Eggenberger

30.03.2010, 16:08 Uhr
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@D. Meili: Gar nicht einverstanden, dass MFs grosse Zeit die 50er-Jahre waren. Fuer mich und viele im Gegenteil. Ich finde, er wurde thematisch immer klarer und sprachlich luzider (die letzten Werke). "Biografie: ein Spiel" (1966), die Tagebuecher, "Montauk". "Holozaen" ('79): (wieder: fuer mich) mit "Blaubart" ('82) und "Gantenbein" ('64) Hoehepunkte. Obwohl MF "Blaubart" scheinbar verworfen hat. Antworten


face book

30.03.2010, 16:07 Uhr
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Herrlich. Die grossen Literaturverwalter warnen vor Facebook. Und veröffentlichen hinter dem Rücken ihrer toten Helden jedes Fötzeli Papier! Antworten


Alain Burky

30.03.2010, 15:08 Uhr
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Die Tagebuecher gehoeren sicher nicht zum Hauptwerk von Max Frisch. Im Fall Franz Kafka / Max Brod lagen die Dinge sicher anders. Antworten


Marc Keller

30.03.2010, 14:58 Uhr
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Warum eine solche Aufregung? Gerade die Tatsache, dass "unverfälschte" (von Frisch nicht x-mal überarbeitete Texte) veröffentlicht werden, macht doch das Ganze interessant. Aufgeschlossene Leser haben das Recht, einen unverfälschten Frisch zu lesen. Bravo Peter von Matt. Max Frisch hat sonst auch seine Meinung schonungslos kundgetan. Antworten


Marc Blattman

30.03.2010, 14:28 Uhr
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Es hat doch schon zu genügen, dass es gegen den Willen von Max Frisch war. Diese Texte gehören nicht veröffentlicht. Antworten


David Meili

30.03.2010, 14:25 Uhr
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Dürrenmatt wurde von seiner "Letzten" noch als Untoter vermarktet, Firschi blieb dieses Schicksal erspart. Die grosse Zeit von Frisch waren die fünfziger Jahre, das spätere Werk hat - unter uns - kaum mehr jemand gelesen. So ist das Tagebuch letztlich ein Zeugnis für den naturbedingten Zerfall, wie für den Verlag, der es publiziert. Antworten


Henry Adler

30.03.2010, 14:21 Uhr
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Das ist eine absolute Frechheit! Frischs Willen so zu übergehen und ihn zu kommerzialisieren ist eine absolute Frechheit! Antworten


Rosemarie Primault

26.03.2010, 10:13 Uhr
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die Notizen Max Frischs waren nie zur Veröffentlichung gedacht. Ich habe sie dem Archiv zur Aufbewahrung anvertraut genau mit diesem Hinweis. Die Kopie war bei mir liegengeblieben weil Max Frisch andere Arbeiten vorzog. Die Notizen gehörten aber auch nicht in meine Schublade, doch ich bedaure zutiefst, was damit geschah. Als literarische Notizen gehören sie in einen grösseren Zusammenhang gestellt Antworten


Luzia Keller

19.03.2010, 18:01 Uhr
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@Dante Eggenberger: ich teile Ihre Ansicht. Denn früher oder später werden diesen intimen Zeilen Frisch's pietätlos veröffentlicht und niemand will dann der/die Schuldige gewesen sein! Lieber in Form eines Anhangs zum 'Tagebuch 2' gemäss Muschg, wo eine biographische Verbindung hergestellt und im richtigen Kontext erscheint. So wird dem Schaffen des Autors respektvoll Rechnung getragen. Antworten


Peter Rupf

19.03.2010, 17:22 Uhr
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Akt 1: Frisch verkneift sich zu Lebzeiten nicht, zu allem und jedem seinen Kommentar zu geben. Akt 2: Frisch schreibt seine intimen Gedanken auf, auch wenn diese sein Bild in der Öffentlichkeit relativieren könnten. Akt 3: die Idolhuldiger entrüsten sich über die Veröffentlichung der Gedanken aus Akt 2. Finale: nach der unbefleckten Empfängnis kommt das unbefleckte Schreibheft des Messias. Antworten


minder romy

19.03.2010, 16:41 Uhr
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Ich bin erstaunt wie interessant die zitierten Stellen aus Frisch's Tagebuch mir gefallen haben.Ueberdies bin ich überzeugt,dass manchmal die alltäglichen Dinge aus dem Leben eines Schriftstellers mehr über ihn aussagen als Biografien oder Lobreden.Diese Notizen zeigen, wie verletzlich wir alle gegen Ende unseres Daseins sind. ich warte auf die Veröffentlichung seiner späten Gedanken - egal wie ! Antworten


Dante Eggenberger

19.03.2010, 15:26 Uhr
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Wahrlich ein Dilemma. Ich faende eine kommentierte Ausgabe die respektvollste Loesung. Andereseits sprechen die zitierten Stellen unverkennbar Max Frischs Sprache. Sie klingen ueberhaupt nicht unreflektiert und im Affekt geschrieben. Und dass sich hier da und dort die Wut und das Leiden an der Welt und an sich selber unverhuellt vom hoechstfeinen Schleier seiner Ironie zeigen, ist ja nur der augenscheinliche Beweis dafuer, dass sich genau das dahinter befindet und befunden hat. Wenn die restlichen “Entwuerfe” nichts “Brisanteres” oder Verfaenglicheres an den Tag bringen, besteht nicht die Gefahr, dass sie Voyeuristenfutter sind, was meiner Meinung nach der billigste Effekt und niedrigste Zweck solcher Projekte waere. Antworten


Yves Mundorff

19.03.2010, 15:10 Uhr
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Die Veröffentlichung ist Geldmacherei auf die billigste Art und Weise. Einfach nicht kaufen! Antworten


Res Zaugg

19.03.2010, 15:03 Uhr
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Andere Frage: Muss die Welt denn den Inhalt dieses Tagebuches kennen? Ich meine: Um Himmel willen, nein!! Antworten


Matthias Künzi-Graf

19.03.2010, 14:58 Uhr
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Es gehört zur Würde einer sogenannt öffentlichen Person, dass nicht jeder private oder berufliche Paparazzi glaubt, seine Nase in's Privatleben stecken zu können. Bei einer Güterabwägung zwischen Persönlichkeitsschutz und öffentlichem Interesse muss dem Schutz der Privatsphäre höhere Beachtung geschenkt werden. Umso mehr, als dass es der Öffentlichkeit ja oft nur um Schaulust geht, nicht um Anteil Antworten


Bachmann Dieter

19.03.2010, 12:59 Uhr
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In der Abstimmung fehlt die Option "ja, aber erst 2066". Dass geistiges Eigentum 75 Jahre nach dem Tod des Autors erlischt, halte ich für richtig. Nach dieser Zeitspanne wird der Autor von einem "Verstorbenen" zur historischen Figur. Intime Details über Verstorbene sind pietätlos, über historische Figuren sind sie aber allenfalls von akademischem Interesse. Also bitte erstmal 50 Jahre warten. Antworten


S.R. L.

19.03.2010, 12:24 Uhr
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Da gibt's doch Verlegerrechte, bzw. Autorenrechte, die im Sinne des Autors über "gut für Frisch" befinden! Antworten


Bernard Bosson

19.03.2010, 11:47 Uhr
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@ Barbara Dummel : Richtig, dieser Artikel ist scheinheilig. Wir indessen machen es auch nicht besser, wir haben ja schliesslich den Artikel angeklickt. Antworten


Ralph Treier

19.03.2010, 11:45 Uhr
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Nein, kann man heute weder in würde sterben noch das ansehen eines verstorbenen rein halten. Antworten


Dummel Barbara

19.03.2010, 11:27 Uhr
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Ich finde es aber auch total daneben, dass man im vorliegenden Artikel über die Intimität in einem Tagebuch schreibt! Für was dann diese Abstimmung, denn es wird ja hier¨in den Medien schon breitgeschlagen Antworten


Gerhard Keller

19.03.2010, 11:25 Uhr
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Das ist doch literarische Leichenfledderei. Aus der Tatsache, dass der Text "nun einmal in der Welt" ist kann man doch weder seine freie Verwertbarkeit ableiten noch die Legitimation herzerren, Geld damit zu machen. Es gilt der Wille des geistigen Eigentümers, auch wenn er nicht mehr unter uns weilt. Antworten



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