Muss die Welt erfahren, wenn Max Frisch über seine Impotenz schreibt?

Von Rico Bandle. Aktualisiert am 19.03.2010 24 Kommentare

Gegen den Willen Max Frischs wird demnächst sein drittes Tagebuch veröffentlicht. Darin kommen auch Intimitäten und seine Verbitterung zur Sprache. Darf man das publizieren?

1/7 Mischte sich zeitlebens in die Gesellschaft ein: Der Schriftsteller und Architekt Max Frisch.
Bild: Keystone

   

Das Buch

Max Frisch: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch. Mit einem Nachwort von Peter von Matt. Suhrkamp, 213 Seiten, ca. 30 Franken.
Das Buch erscheint am 19. April.

Das Typoskript, das nun unter dem Titel «Entwürfe zu einem dritten Tagebuch» herauskommt, wurde vor wenigen Jahren in den Unterlagen von Frischs Sekretärin entdeckt. Dass der grosse Schweizer Schriftsteller den Text veröffentlicht haben wollte, gilt als ausgeschlossen. Zu bruchstückhaft sind die Notizen, zudem hat er sie nicht ins Archiv gegeben und glaubte wohl, sie seien vernichtet.

Bei der Max-Frisch-Stiftung war man sich uneinig über die Veröffentlichung, wie die Wochenzeitung «Die Zeit» schreibt. Die Schriftstellerkollegen Adolf Muschg und Peter Bichsel waren dagegen, der Literaturwissenschaftler Peter von Matt und der Suhrkamp-Verlag dafür. Muschg argumentierte in einem Brief an den Stiftungsrat mit der «illegitimen Herkunft» des Typoskripts und dass es den Ansprüchen des Autors nicht genügt hätte. «Ich sage nicht, dass er dieses Buch ‹nicht gewollt hätte›. Er hat es nicht gewollt. Daran gibt es für mich nichts besser zu wissen», so Muschg.

«Wie dieses Amerika mich ankotzt!»

Worum geht es in dem Tagebuch? Anfang der 1980er-Jahre wohnte Frisch in New York. In den fragmentartigen Aufzeichnungen von 1982 kommen sein Pessimismus, seine Verbitterung in den späten Jahren in aller Deutlichkeit zum Ausdruck. «Die Zeit» hat in einem Vorabdruck einige Passagen bereits veröffentlicht.

«Wie dieses Amerika mich ankotzt!», schreibt er. Die Amerikaner fühlten sich «als die beste Art von Menschen, die es geben kann», mit ihnen kritisch über das Selbstverständnis Amerikas zu reden, habe keinen Zweck. Frisch scheint in einem Negativ-Strudel gefangen, der auch das Schreiben beeinflusst:

Ein fast unüberwindlicher Ekel vor der Schreibmaschine, Versuche mit Handschrift, einmal auch mit Tonband, aber das hilft nicht.

Impotenz und Alkoholismus

Ganz persönliche Probleme kommen im Tagebuch zur Sprache, zum Beispiel seine Impotenz:

Wann gibt man die geschlechtliche Impotenz zu? Ich gehe noch immer zur Apotheke; das Rezept ist sieben Jahre alt. Warum findet man sich nicht endlich ab und ein für allemal? Weil in Träumen die Sexualität nicht schwindet, im Gegenteil, und weil auch auf Impotenz kein Verlass ist.

Oder sein Alkoholproblem:

Dass ich Alkoholiker sei, habe ich früher schon gesagt. Jetzt ist es keine Koketterie mehr. Ich bin Alkoholiker. Nur in einer Klinik gelingt der völlige Entzug.

Frischs in frühen Schriften noch häufige Ironie kommt hier nur noch selten zu Tragen. In einer Stelle beschreibt er, wie im Flugzeug, «meist über Labrador», eine Hostess komme, die «sich ein Autogramm von Friedrich Dürrenmatt wünscht». Wenn er ausführt, wie gut er haushalten kann, so tönt das fast wie eine Rechtfertigung:

Wenn Frauen, die keinen Beruf ausüben, weil sie mit mir leben, sich als Hausfrau behandelt fühlen, missbraucht als Magd, so bin ich bestürzt. Denn ich bin für die Emanzipation, die Revolution des Verhältnisses zwischen Frau und Mann. Nur nähen kann ich nicht, das gebe ich zu. (...) Hingegen kann ich immer noch Holz hacken (im Tessin) und Kehrichtsäcke hinunterbringen im Lift (in Manhattan und in Zürich) und es tut mir leid, wenn ich wieder vergessen habe, dass zugleich ein frischer Kehrichtsack in den Eimer gehört; solche Nachlässigkeit kommt immer wieder vor.

«Ich werde ein Greis»

Der Autor beschäftigt sich schon sehr mit seinem Ende, schriftstellerisch hat er bereits abgeschlossen. Er bedauert, sein letztes Buch, «Blaubart», veröffentlicht zu haben. «Was habe ich da geschrieben? Eine Fratze, eine gekonnte Grimasse – als letztes Buch? Das vorletzte [«Der Mensch erscheint im Holozän»] hätte verdient, das letzte zu sein.»

Ich werde ein Greis. Man wird ein Greis, wenn man sich zu nichts mehr verpflichtet fühlt, wenn man nicht meint, irgendjemand in der Welt irgend etwas zu schulden, und dazu braucht einer noch nicht am Stock zu gehen oder im Rollstuhl zu sitzen; es gibt auch wanderfähige Greise.

Wie diese Texte qualitativ auch immer einzuordnen sind, sie werfen eine Frage auf, mit der Hinterbliebene und Verlage nach dem Tod von Autoren immer wieder konfrontiert sind: Was wiegt schwerer, der Wille des Autors oder das Bedürfnis der Öffentlichkeit, sich ein möglichst vollständiges Bild des Schriftstellers zu machen? Adolf Muschg bringt im Fall von Max Frisch einen plausiblen Lösungsvorschlag für dieses Dilemma: «Natürlich kann man einen Text, der nun einmal in der Welt ist, nicht dauerhaft unter Verschluss halten. Ich stelle mir vor, dass er etwa als Anhang des ‹Tagebuchs 2› einen Platz hätte, der zugleich die biografischen Verbindungen herzustellen und die Proportionen zu wahren erlaubt.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.03.2010, 14:07 Uhr

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24 Kommentare

Gerhard Keller

19.03.2010, 11:25 Uhr
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Das ist doch literarische Leichenfledderei. Aus der Tatsache, dass der Text "nun einmal in der Welt" ist kann man doch weder seine freie Verwertbarkeit ableiten noch die Legitimation herzerren, Geld damit zu machen. Es gilt der Wille des geistigen Eigentümers, auch wenn er nicht mehr unter uns weilt. Antworten


Dummel Barbara

19.03.2010, 11:27 Uhr
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Ich finde es aber auch total daneben, dass man im vorliegenden Artikel über die Intimität in einem Tagebuch schreibt! Für was dann diese Abstimmung, denn es wird ja hier¨in den Medien schon breitgeschlagen Antworten



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