Kultur

Philipp Roth und die lesbische Leidenschaft

Von Nada Weigelt, dpa. Aktualisiert am 26.10.2009

Vielleicht haben die Nobeljuroren einfach keine Chance gehabt, das grossartige neue Buch von Philip Roth zu lesen? Es lag einige Tage vor der Vergabe des Preises wie zufällig in den US-Buchhandlungen.

Der ewige Nobelpreiskanditat legt eine grossartige Kurzgeschichte vor: Philipp Roth.

Der ewige Nobelpreiskanditat legt eine grossartige Kurzgeschichte vor: Philipp Roth.

Das Buch

Philip Roth: «The Humbling», Houghton Mifflin, Boston, 140 Seiten, ca. 30 Franken.

Offiziell erscheint es erst am 2. November. Für den Nobelpreis ist es jetzt ist es wieder zu spät. Dabei hätte Roths neues Buch «The Humbling» (Die Demütigung) jeden Preis verdient. Es ist mit seinen 140 locker bedruckten Seiten eher eine Kurzgeschichte - aber von so meisterhafter Eleganz, dass einem der Atem stockt.

Nach dem Jugendroman «Empörung» im letzten Jahr kehrt der 76-jährige Roth mit dem Buch zum zentralen Thema seines Spätwerks zurück: Es geht um Alter und Gebrechlichkeit, Versagen und Verfall - und um den Versuch, dem Unausweichlichen zu entgehen.

«Er hatte seinen Zauber verloren. Die Kraft war verbraucht.» Mit diesen Sätzen gibt der Autor von der ersten Zeile an den düsteren Tenor der Erzählung vor.

Verzweifelte Einsamkeit

Seine fiktive Hauptfigur Simon Axler, einst einer der berühmtesten Bühnendarsteller Amerikas, ist mit 65 am Ende: Er kann nicht mehr spielen, auf der Bühne zieht es ihm buchstäblich den Boden unter den Füssen weg.

Er verfällt in eine tiefe Depression, seine Frau verlässt ihn und aus Angst vor einem Suizid liefert er sich selbst in eine Klinik ein. So weit, so vertraut. Die Anklänge an frühere Werke wie «Jedermann» (2006) und «Exit Ghost» (2007) sind unüberhörbar.

Doch von da an nimmt die Geschichte ihre besondere Wende. Eine 40- jährige lesbische Frau, die Tochter eines befreundeten Ehepaares, taucht in Axlers Einsamkeit auf. Die beiden werden ein Paar, eine leidenschaftliche Beziehung beginnt.

Aussichtslose Beziehung

Doch von Anfang an sind die Brüche zu ahnen. Sie sucht nach zwei traumatischen Erfahrungen mit Frauen Trost und Wärme: «Du bist, was der Doktor mir verschrieben hat.» Er hofft auf ein zweites Leben, einen wirklichen Neuanfang.

Mit Schmuck, Designer-Klamotten und einem teuren Haarschnitt möchte er aus der Geliebten eine Frau machen, die von Männern begehrt wird statt von Frauen. Als es jedoch nach Axlers Altmänner-Fantasie zu einer «Menage à 3» kommt, brechen die Illusionen in sich zusammen.

Mit kühler Distanz seziert Roth die Leidenschaft und zugleich Aussichtslosigkeit dieser Beziehung - die ungewöhnlichen Sexpraktiken, den scheinbar normalen Alltag. Jeder Satz, jedes Wort trifft. In den drei dicht durchkomponierten Kapiteln (oder «Akten») wird der Leser in den düsteren Sog der Geschichte hineingezogen.

Nächster Roth im Frühling

«The Humbling» ist ein verstörendes Buch. Und dennoch möchte man nicht aufhören zu lesen und wünscht sich, Roth möge noch einmal Zeit finden zu einem opulenteren Werk.

Sein nächstes Buch ist für Frühling 2010 angekündigt: «Nemesis» soll die fiktive Geschichte um eine Polioepidemie im Jahr 1944 in seiner Heimatstadt Newark in New Jersey werden. «Ich bin einfach zum Schreiben da», sagte er einmal: «Wenn ich nicht schreibe, komme ich mir vor wie ein Wagen, dessen Räder im Schnee durchdrehen.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.10.2009, 14:06 Uhr

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