Kultur

«Putin ist wie ein Werwolf»

Von Hansjörg Müller. Aktualisiert am 07.11.2014 15 Kommentare

Der russische Schriftsteller Michail Schischkin über die Propaganda des Präsidenten, die Spaltung der Intelligenzija und den Krieg in der Ukraine.

«Als wirkliche Bedrohung betrachtet uns Putin kaum»: Bestseller-Autor Michail Schischkin.

«Als wirkliche Bedrohung betrachtet uns Putin kaum»: Bestseller-Autor Michail Schischkin.
Bild: Evgeniya Frolkova

Preisgekrönter Autor

Michail Schischkin wurde 1961 in ­Moskau geboren. Nach Abschluss ­seiner Studien arbeitete er zunächst als Redaktor für die Jugendzeitschrift Rowesnik, später unterrichtete er Deutsch und Englisch an einer Moskauer Schule. Schischkin ist mit einer Schweizerin verheiratet und lebt seit 1995 in Zürich, wo er unter anderem als Russischlehrer und Dolmetscher arbeitete. Heute zählt er zu den erfolgreichsten russischen Autoren; seine Romane sind Bestseller und wurden in Russland wie in Westeuropa mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Im Rahmen der BuchBasel diskutiert Schischkin am Sonntag um 14 Uhr im Volks­haus mit seinem ukrainischen Kollegen Juri Andruchowytsch über den «Brennpunkt Ukraine» (Rebgasse 14, 4058 Basel).

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Herr Schischkin, Sie haben das heutige Russland einmal als «Diktatur des 21. Jahrhunderts» bezeichnet. Wie unterscheidet sich ein solches Regime von herkömmlichen Diktaturen, etwa der früheren Sowjetunion?
Als Sowjetbürger bin ich ja noch in einer Diktatur des 20. Jahrhunderts aufgewachsen. Wir waren Sklaven des Regimes und das Regime brauchte uns, deshalb befand sich das ganze Land hinter Stacheldraht. Das System Putin basiert dagegen auf dem Verkauf von Erdöl und Gas ins Ausland. Putin braucht die Bevölkerung im Grunde überhaupt nicht mehr: Warum sollten die Herren im Kreml den Erlös der Rohstoffverkäufe mit einem Volk teilen wollen, das sie verachten?

Das heisst, die Bürger können immerhin mit den Füssen abstimmen und gehen.
Die Grenzen sind offen und alle, die unzufrieden sind, werden unzweideutig aufgefordert, das Land zu verlassen. Was sie auch tun. Unter Putins Herrschaft haben Millionen Russland verlassen oder denken darüber nach, dies zu tun. Dabei handelt es sich vor allem um Leute mit Hochschulbildung, also Ingenieure, Wissenschaftler, Informatiker, mithin die eigentliche Elite. Das Regime beraubt Russland nicht nur seiner Bodenschätze, sondern vor allem des menschlichen Kapitals und dieses ist ja die wichtigste Investition in die Zukunft. Je länger diese Diktatur andauert, desto düsterer sieht die Zukunft meines Landes aus.

Glaubt man Umfragen, scheint dennoch noch immer eine Mehrheit der Russen mit Putin zufrieden zu sein. Sitzt der Präsident fest im Sattel?
Für die Erschaffung der Realität sorgt heute das Fernsehen. Sie kennen vielleicht den amerikanischen Spielfilm «The Truman Show», deren Protagonist in einer künstlichen Welt leben muss. So haben die Russen jetzt in der «Putin-­Show» zu leben. Die schmähliche Flucht des russlandfreundlichen ukrai­nischen Präsidenten Viktor Janu­kowitsch aber war ein Alarmsignal für den Usurpator im Kreml. Wenn die Ukrainer eine solche Bande verjagen können, kann das für ihre russischen Brüder ein Beispiel sein. Deswegen kreiert Putins Regime Feinde. Das Fernsehen präsentiert den Russen ein perfektes Weltbild: Ukrainische Faschisten, die vom Westen unterstützt werden, führen Krieg gegen die «Russische Welt». Und wir müssen unsere Heimat wieder vor dem Faschismus retten. Der Kriegszustand ist das Lebenselixier des Regimes.

Fällt solche Propaganda in der Bevölkerung auf fruchtbaren Boden?
Propaganda ist nur dort wirkungsvoll, wo man ihr gerne zuhört. In Russland gibt es genug Möglich­keiten, an alternative Informationen zu kommen, etwa oppositionelle Web-Seiten oder den Radiosender Echo Moskau. Die Russen haben zwischen zwei Wahrheiten zu wählen. Die eine lautet: Wir werden von den Kriminellen an der Macht missbraucht, unsere Kinder töten und sterben als Soldaten in der Ost­ukraine in einem verwerf­lichen Krieg gegen ein Brudervolk, das den Weg zur Demokratie gewählt hat. Demgegenüber steht die Wahrheit des Regimes: Russland ist eine heilige Nation, die gegen den amerikanischen Faschismus kämpft, und wir sind stolz auf unsere Kinder, die ihr Leben als ­Helden opfern.

Für welche dieser Wahrheiten wird sich der Vater eines in der Ukraine gefallenen und heimlich begrabenen Soldaten ­entscheiden?
Särge aus Vietnam haben in den USA einst zu Massenprotesten gegen den Krieg geführt. Doch ich fürchte, dass Särge aus der Ukraine nur zu neuen Särgen führen werden. Die Heimatliebe der Russen wird von Putin brutal missbraucht.

Welche Rolle spielen Künstler und Intellektuelle im heutigen Russland? Sind Sie mehrheitlich korrumpiert oder marginalisiert? Oder sehen Sie auch Unterstützung für Ihre Positionen?
Die russische Intelligenzija ist gespalten. Den berühmten offenen Brief an den Präsidenten, der im März den Anschluss der Krim guthiess, haben vor allem diejenigen unterschrieben, die vom Staat abhängig sind: Theater- und Filmregisseure, Dirigenten und Museumsdirektoren. Letztendlich kann man diesen Leuten nicht einmal einen Vorwurf machen. Es ist wie zu Sowjetzeiten: Indem man der Macht huldigt, rettet man Theater und ­Museen. Künstler, die offen gegen die Politik des Kremls protestieren, sind entweder vom Staat unabhängig oder haben bereits am eigenen Leib gespürt, was es bedeutet, Putin zum Feind zu haben: So wurden zum Beispiel Konzerte von Andrej Makarewitsch oder Diana Arbenina, Superstars der russischen Rockszene, abgesagt, nachdem die Behörden bei den Organisatoren interveniert hatten.

Was können regimekritische Intellek­tuelle wie Sie in einem Land, in dem der Staat die Massenmedien kontrolliert, überhaupt bewegen?
Als wirkliche Bedrohung betrachtet uns Putin kaum. Unsere friedlichen Proteste werden ignoriert, das zeigt die Erfahrung der letzten Jahre. Eher sind es Nationalisten, die dem Kreml Sorgen bereiten: Sie sind gewalt­bereit und sehen das Regime als Hauptfeind Russlands. Auf dem ­Kiewer Maidan waren es schliesslich auch nicht die friedlichen Demonstranten, sondern bewaffnete Nationalisten, die den Sieg über Janukowitschs Bande gesichert haben.

Wie wird sich der russisch-ukrainische Konflikt auf längere Sicht auf Russland auswirken?
Der schlimmste Mythos über Russland ist, dass mein Land immer ein Land mit einer Sklavenmentalität war und dies auch immer bleiben wird. Eine freie, demokratische, wirtschaftlich florierende Ukraine könnte diesem Mythos ein Ende setzen: Ein Land mit grossem russischem Bevölkerungsanteil könnte sich zu den ­«europäischen» Werten bekennen. Gerade deshalb wird Putin die Ukraine nie in Ruhe lassen: Er will nicht, dass seiner Bevölkerung ein positives Beispiel präsentiert wird.

Was sollte der Westen tun?
Der Westen darf die Ukraine auf keinen Fall im Stich lassen. In der Ukraine wird auch über die Zukunft Russlands entschieden. Und über die Zukunft Europas. Das Überleben einer demokratischen Ukraine bedeutet das Überleben des heutigen Europa. Vor allem müssen die west­lichen Politiker Putin misstrauen. Er ist wie ein Werwolf: Am Tag unterstützt er Friedensinitiativen, in der Nacht schickt er neue Panzer. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.11.2014, 09:35 Uhr

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15 Kommentare

P. Müller

07.11.2014, 10:20 Uhr
Melden 145 Empfehlung 44

Herr Schischikin überschätzt wohl die Ukraine. In Wiefern soll die UKR der Europäischen Demokratie Beitragen? Mit ein Paar Oligarchen? die Uni Prinston in den USA hat kürzlich konstatiert, dass die USA keine Demokratie mehr ist aber eine Oligarchie. Fände toll mal hierzu was zu lesen. Antworten


Tanja Rohner

07.11.2014, 10:19 Uhr
Melden 167 Empfehlung 73

Schischkin wohnt seit 1995 in der Schweiz. Putin ist mit Unterbrüchen seit dem Jahr 2000 Präsident. Würde es nicht mehr Sinn machen, jemanden zur Lage in Russland zu befragen, der auch dort lebt? Antworten