Schweizer Buchpreis für Christian Kracht

Sein Roman «Die Toten» erhält die wichtigste literarische Auszeichnung der Deutschschweiz.

Stürmte nach der Preisverleihung aus dem Basler Theater: Preisträger Christian Kracht.

Stürmte nach der Preisverleihung aus dem Basler Theater: Preisträger Christian Kracht. Bild: Georgios Kefalas/Keystone

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So einen Abgang gabs noch nie. Jedenfalls nicht in neun Jahren Schweizer Buchpreis. Bisher trat der aus fünf Finalisten nach einer einstündigen Zeremonie gekürte Sieger auf die Bühne, nahm Urkunde und Blumenstrauss entgegen und sprach ein paar Worte – der Freude, der Überraschung, des Dankes. Christian Kracht verliess die Bühne wortlos, ausdruckslos, urkundenlos und stürmte nach draussen, auf sein Hotel zu.

Konsternierte Organisatoren, konsterniertes SRF, das ein halbstündiges Interview programmiert hatte. Und natürlich war dieser Abgang dann das Gesprächsthema im Foyer des Basler Theaters. Was war das – kultiviert da einer die Aura des unnahbaren Genies? Ist Kracht soziophob, fürchtet er Menschen? Ist es zu viel verlangt, für 30'000 Franken einmal kurz Danke zu sagen?

Das war der Aufreger an diesem Vormittag, weniger die Entscheidung der Jury, unter den fünf Nominierten gerade seinen Roman «Die Toten» auszuzeichnen. Man konnte das mehr oder weniger erwarten. Kracht gilt als Starautor, als internationale Grösse, der Kult um ihn hat lange Schatten auch unter die Juroren geworfen. Immerhin muss sie auch das Buch selbst ausreichend überzeugt haben, um die Trophäe zu erhalten. Dass die letzte Jurysitzung vier Stunden dauerte, spricht für ein hartes Ringen, eine knappe Entscheidung.

Hellsichtige Diagnose?

In der Laudatio wurde die «filmische Sprache» des Romans hervorgehoben sowie die «gelungene Verknüpfung von grossem literarischem Können mit einer hellsichtigen Diagnose unserer Gegenwart»: «Die Toten» spielt in den 30er-Jahren, als Japan und Deutschland faschistisch wurden und den Film als Mittel der kulturellen Dominanz massiv förderten. Emil Nägeli, ein fiktiver Schweizer Regisseur, soll die «zelluloidene Achse Berlin–Tokio» mit einer Grossproduktion festigen. Er bringt aus Japan aber nur dokumentarische Fragmente mit, gleichwohl, so der Roman: ein «Meisterwerk».

Die Reaktion der Feuilletons auf «Die Toten» war ambivalent: Sie reichte von totaler Begeisterung bis zum glatten Verriss. Dass den Berichterstatter das Buch nicht überzeugte, war im TA vom 10. 9. schon zu lesen. Die hanebüchene Handlung, die Ästhetisierung und Banalisierung der Gewalt, insbesondere der verschmockte, manierierte Stil machen es ihm schwer, hierin das «beste Deutschschweizer Buch» des Jahres zu erkennen, wie die Jury entschieden hat.

Die hatte es, zugegeben, in diesem eher schwachen Jahrgang auch nicht leicht. Keiner der anderen Titel (von Sacha Batthyany, Christoph Höhtker, Charles Lewinsky und Michelle Steinbeck) ist rundum gelungen. Ein kleines Literaturland wie die Deutschschweiz muss und kann aber schwache Jahrgänge ertragen. Der Schweizer Buchpreis hat sich, unabhängig vom 2016er-Entscheid, als wichtigste literarische Auszeichnung des Landes etabliert. Der Festakt im Rahmen der Buch Basel hat Stil, Niveau und inzwischen sogar eine kleine Tradition.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.11.2016, 18:33 Uhr

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