Kultur
Selbstversuch: Eine geklaute Liebesgeschichte
Von Beat Metzler. Aktualisiert am 06.03.2010
Mit diesen Büchern gelang der Wurf für die Liebesgeschichte. (Bild: Sophie Stieger)
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Die Lesung
«Axolotl Roadkill» wird heute Abend von der Schauspielerin Birgit Minichmayr gelesen. Anschliessend spricht Helene Hegemann mit Stefan Zweifel. 22 Uhr, Theater Neumarkt.
Die Literaturkritik glühte vor Euphorie: In der 17-jährigen Helene Hegemann hatte man endlich wieder ein unverbrauchtes Originalgenie entdeckt. Bis sich herausstellte, dass die Berlinerin zahlreiche Passagen ihres Erstlings «Axolotl Roadkill» abgeschrieben hatte. Manche verteidigen Hegemann jetzt als authentische Vertreterin postmodernen Schreibens, das nun einmal daraus bestehe, sich am Vorhandenen abzuarbeiten. Andere beschuldigen sie des schamlosen Diebstahls, der sich durch keine noch so ausgeklügelten Theorien rechtfertigen liesse.
Eine weitere Frage blieb offen: Ist Plagiieren kinderleicht? Oder stellt es gar höhere Ansprüche als das Selberschreiben? Um eine Antwort zu erhalten, versuchten wir uns selber in der «Hegemann-Methode». Aus willkürlichen Griffen ins Büchergestell, zähem Blättern, fleissigem Abschreiben und etwas eigenem Sprachleim ergab sich folgende Liebesgeschichte. Wir finden sie herzerweichend.
Das Weltall erweitert sich
Misstrauisch versuchte Arthur im Auge, in der Stimme und im Angesicht seiner Geliebten eine Lüge zu erkennen. Er sah sie mit forschender Wehmut lange an, und da sie, nunmehr völlig verwirrt, den Kopf senkte, sagte er, und schon kochte in ihm der Zorn: «Du lügst also! Wo warst du wirklich?»
Je länger er sie betrachtete, desto tiefer fühlte er eine Kluft zwischen ihnen auftun. Er dachte daran, dass er sich nun gleich von ihr trennen müsse, unwiderruflich, ohne ihr auch nur in Erinnerung zu bleiben!
Die Welt ohne Liebe
Dabei hatte alles so sanft angefangen. Zum ersten Mal sah er sie in der Bäckeranlage. Sie sass da, mitten auf der Bank, ganz allein; als er vorüberging hob sie den Kopf. Arthur setzte sich auf eine der Bänke gegenüber. Sie glich den Frauen der romantischen Bücher. Er hätte ihrer Person nichts hinzufügen und nichts nehmen wollen. Das Weltall erweiterte sich mit einem Mal; sie war der strahlende Mittelpunkt, in dem die Gesamtheit der Dinge sich sammelte – und mit halb geschlossenen Lidern, geistesabwesendem Blick überliess er sich einer träumerischen, grenzenlosen Freude.
Was ist unserem Herzen die Welt ohne Liebe? Was eine Zauberlampe ist ohne Licht!
Der Reiz ihres Wuchses
Weil er nichts zu tun hatte, verbrachte er alle seine Nachmittage auf der gleichen Bank. Die Zeitungen diagnostizierten, dass der noch junge Sommer ungewöhnlich heiss sei, und tatsächlich gab es eine lange punktierte Linie schöner Tage, hin und wieder durch die Interjektion eines Gewitters unterbrochen. Eine Woche später ging sie erneut an ihm vorüber. Und lächelte. Vier Wochen lang das gleiche Schauspiel. Bis sie sich in der sechsten Woche neben ihn setzte und sagte: «Ich bin Sina.»
Ihre schwarzen Haarsträhnen legten sich um ihre weiten Augenbrauenbögen, reichten tief hinab und schienen das Oval ihres Gesichts zärtlich zu bedrängen. Nie zuvor hatte er diesen Glanz ihrer Haut gesehen, den Reiz ihres Wuchses oder diese Feinheit ihrer von Licht umflossenen Figur.
«Magst du Kerouac?», frage sie.
Sie trug ständig eine Ausgabe von «On the Road» in der Jackentasche und blätterte bei jeder Gelegenheit darin. Passagen, die sie ansprachen, unterstrich sie und lernte sie auswendig wie heilige Suren. Sie sprach viel, Arthur blieb stumm, der behände Verstand, den er bei Sina spürte, machte ihn verlegen. Er fürchtete, ihr einfältig zu erscheinen, zu scheu oder zu brutal, zu langsam oder zu schnell.
Die Unmöglichkeit, ein Tabu zu brechen
Sie trafen sich nun jede Woche auf der gleichen Bank. Sina arbeitete in einer Anwaltskanzlei. Über ihren Chef schimpfte sie so lebendig, so bitter und mit solchem Abscheu, dass Arthur alles sah und roch, als ob er selber jeden Tag dort wäre. Jedes Mal nahm er ihre Hand und zerbrach sich den Kopf, wie er zu Zärtlichkeiten übergehen könnte. Es gelang ihm nicht. Dafür kam er ins Schwärmen: «Das dumpfe Brüten ist mir zuwider. Ich bin kein Gefangener meiner Vernunft. Das Glück eines sicheren Lebens, ich will es nicht. Mein Leben flattert davon und schwebt hoch über aller Arbeit, diesen Lieblingspunkt der Welt. Die Unmöglichkeit, ein Tabu zu brechen, macht die Menschen zu vollkommen wirren Sklaven.»
An diesem Abend durfte er sie begleiten. Bis zu ihr nach Hause war es ein Spaziergang von zwanzig Minuten, und die Luft, die Dunkelheit, der Honigduft der blühenden Linden riefen im unteren Teil der Brust einen saugenden Schmerz hervor. Der Duft verlor sich zwischen zwei Linden, wurde dann von schwarzer Frische verdrängt, aber unter dem nächsten Baldachin wuchs erneut eine schwüle, berauschende Wolke an, und Sina sagte mit geblähten Nasenflügeln: «Ich will mit dir zusammen sein.»
Wie die Natur während einer Sonnenfinsternis
Kurz darauf meldete sich die Eifersucht. Sina erzählte von ihrem Ex-Freund. Sie habe ihn nie geliebt. Auch weigerte sie sich, seinen Namen zu verraten, und Arthur war ihr dafür dankbar, denn er begriff, dass ein Geist ohne Namen leichter verblasst. Trotzdem litt er unter einer widerwärtigen Eifersucht, die ständig gegenwärtig war. Der Gedanke, dass er den gramvollen Augen dieses Typen wahrscheinlich irgendwann begegnen könnte, liess alles um ihn herum nächtliche Gewohnheiten annehmen, wie die Natur während einer Sonnenfinsternis. Sina schwor nochmals, sie habe ihn nie geliebt.
«Wann hast du ihn das letzte Mal gesehen?» – «Kürzlich, zweimal», gestand sie. Die Antwort grub sich wie ein kreuzförmiger Schnitt in sein Herz. Es war seltsam, wie diese Wörter, nichts als Wörter, die in einer gewissen Entfernung in die Luft gesprochen wurden, einem so das Herz zerreissen konnten, als ob sie es wirklich träfen, und einen krank machten wie ein Gift, das man tatsächlich schluckte.
Ein Makel an ihrer Schönheit
Etwas Entspannung würde ihm nicht schaden, sagte Sina, und deshalb würden sie am Samstag zusammen auf einen Kostümball im Hause eines ihr befreundeten Künstlers gehen. Trotz grossen Widerwillens sagte Arthur zu. An diesem Abend war er fast erleichtert, als er einen Makel an ihrer Schönheit entdeckte. Plötzlich war sie verschwunden, erst nach einer halben Stunde rannte sie wieder auf ihn zu. Auf drückende Art und Weise legte sich die Gewissheit über ihn, dass sie mit ihrem Ex-Freund gesprochen hatte. Arthur machte Sina Vorwürfe, sie stritt ab.
«Du lügst. Wo warst du wirklich?», schrie er nochmals. Hierauf trat ein kräftiger, wohlgefütterter Bursche – verkleidet als Walfisch – auf sie zu und forderte ihn auf, den Raum zu verlassen. «Mach keinen Skandal hier!»
Hat es Ihnen gefallen?
Tiefe Schwermut erfüllte Arthurs Brust; fürchterlich schien ihm das Wesen, das über den Wolken waltet. Er erhob die Faust und liess sie mitten in das Gesicht des Walfisches sausen. Ein winziger Blutstropfen zeigte sich an der breiten Nasenwurzel, floss die Wange hinunter, wurde ein schmaler, roter Streifen. Ein schöner Schlag, dachte Arthur, sein Herz freute sich und füllte sich mit noch heisserem Grimm. Das Blut, das er vergossen hatte, entzündete seine Lust, noch mehr Blut zu sehen.
Hat es Ihnen gefallen? Die zitierten Autoren würden sich darüber freuen – falls sie sich nicht zu stark über die Zerstückelung ihrer Texte empören. Und Sie dürfen gerne Ihre literarische Gewandtheit unter Beweis stellen und darüber rätseln, welche Sätze von wem stammen.
Quellen: Joseph Roth: «Tarabas», Vladimir Nabokov: «Die Gabe», Guy de Maupassant: «Bel-Ami», Heinrich von Kleist: «Das Erdbeben in Chili», Marcel Proust: «In Swanns Welt», Johann Wolfgang Goethe: «Die Leiden des jungen Werther», Haruki Murakami: «Sputnik Sweetheart», Jean Arthur Rimbaud: «Ein Sommer in der Hölle», Gustave Flaubert: «Lehrjahre des Gefühls».
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.03.2010, 07:13 Uhr






