Kultur

So bewarb sich Hugo Loetscher bei der «Weltwoche»

Ende 1963 stellte sich der verstorbene Schriftsteller beim damaligen Feuilletonchef der Zeitung vor – mit diesem Brief.

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Einer der bekanntesten Schweizer Schriftsteller ist tot: 1972 erhält Hugo Loetscher den Literaturpreis der Stadt Zürich.
Bild: Keystone

   

Lieber Gody Suter,

hier einige Angaben meine Person betreffend:

geboren am 22. Dezember 1929 in Zürich als Sohn eines Handwerkers, der Zeit seines Lebens zwischen selbständig und unselbständig schwankte, bis er am Ende unselbständig wurde

und als Sohn einer deutschen Mutter, die dem Kind von den «Besseren» predigte, womit sie nicht nur an die vom Zürichberg dachte, sondern die «Besseren» begannen schon mit den Primarlehrern. Aufgewachsen in einem Arbeiterviertel zur Zeit der Arbeitslosigkeit, behütet von einer Grossmutter, die unter der Matratze Goldstücklein verbarg, die schönsten selbstgestrickten Pullover des Quartiers tragend als Anfang alles Besseren – politische Zeiten, sodass der Vater der Arbeitermusik beitrat.

Katholisch getauft, unter nicht praktizierenden katholischen Eltern aufgewachsen, war ich aktiver Ministrant, auch wenn ich später an Altären diente, deretwegen man nicht in aller Frühe aufstand, sondern deretwegen man erst spät ins Bett ging – katholische Jugendbewegung mit Höhenfeuer, Fahnenwacht und Kameradschafts-Onanie.

Gymnasium in Zürich – Vollhumanismus. Hätte ich als Student auch in Griechisch Nachhilfestunden geben müssen, könnte ich es vielleicht noch lesen. Aber die Lateiner blieben dank Gymnasiasten, die ich in die gallischen Kriege begleitete und mit denen ich periodenlang gegen Catilina wetterte.

Ein Semester Germanistik, dann ein Semester Geschichte – dann ein Unterbruch: Aufenthalt in Paris. La France devient la maîtresse de ma sensibilité. Las dort die Autoren, über die ich dissertieren sollte: Sartre, Camus, Merleau-Ponty, die Marxisten wie Lefèvre und die Katholiken wie Maritain und Gilson. Entschluss, Philosophie zu studieren – Politische Philosophie. In Zürich gab es keine eigentlichen «Politischen Wissenschaften», man hatte sich für die Juristisch-Volkswirtschaftliche oder die Philosophische Fakultät zu entscheiden. Entschied mich zum Phil-einer, Wirtschaftsgeschichte und Soziologie kamen dazu. Unregelmässiges Studium – war zwei Jahre Präsident des Verbandes Schweizerischer Studentenschaften, wobei die schönste Tat das erste Stipendium der Schweizer Studenten für einen Negerstudenten in Südafrika war. Lernte Sitzungen präsidieren und Kommissionen bilden, stellte Ordnungsanträge und wurde überstimmt, war dafür in Nancy, Paris, Berlin, Kopenhagen, London, Edingburgh - immer in der Studenten-Uno. Genoss die Vorzüge des Funktionärs und litt unter dem Managertum ohne Bühlerhöhe oder ein anderes Sanatorium.

Verschiedene Male gründete ich Europa. Wurde für eine Amtsperiode Mitglied der Schweizerischen Unesco-Kommission. Leitete das Petitionskomitee für die Mitarbeit der Schweiz in Europa. Eines Tages entschloss ich mich dann – viel später – Nomade zu sein, und wählte als Wüste Europa.

Was ich schreib und was ich mit dem Schreiben treib, das wissen Sie – sonst fällt mir nichts mehr ein – doch: ich bin glücklich, dass es nur zwei Geschlechter gibt.

Aus diesen Angaben ist ein Briefhock geworden.

Noch einmal meinen Dank.

Ich werde Ihnen aus Griechenland eine oder zwei Sachen schicken für die Literaturseite – nichts Kritisches, aber hoffentlich Drucktüchtiges.

Mit den besten Grüssen

Ihr Loetscher

Der Brief wird hier zum ersten Mal veröffentlicht.

Erstellt: 20.08.2009, 09:18 Uhr

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10 Kommentare

christian zweifel

28.09.2010, 22:13 Uhr
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...ein Lächeln umspielt den Mund bei der Lektüre solcher Zeilen. Wie insbesondere die schweizer Intellektuellen in krankhaft Meienbergscher Manier stets darum bemüht waren und sind, ihre Wurzeln als kleinbürgerlich, als proletarisch zu propagieren. Gymnasium, Universität und Paris: Das klingt nicht gerade nach einem bescheidenen Elternhaus - warum nur dieser ewige Drang zur Selbstverstellung ? Antworten


Ursula Hausheer

21.08.2009, 08:31 Uhr
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Absolut herrlich! Antworten


Roland Di Dario

20.08.2009, 17:30 Uhr
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Ein grosser Schreiber ist verstummt. Neben Jacko und Ilona Christen ein weiterer, dessen Ableben ich im laufenden Jahr sehr bedaure. Ruhen Sie in Frieden, Herr Lötscher! Antworten


Anja Müller

20.08.2009, 16:44 Uhr
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Schöne Zeiten, in denen so kreativ-witzige Bewerbungen noch Erfolg hatten! Antworten


Ursula Testorelli

20.08.2009, 12:18 Uhr
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...einfach nur genial!! Antworten


Hans Walter

20.08.2009, 12:03 Uhr
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WOW WOW WOW! Weiter so, lieber Tagi! Das erste Mal seit langer Zeit, dass man hier wieder mal etwas Exklusives und Wertvolles lesen kann. Toll! Auch toll, dass man kommentieren kann, ist bei viel zu wenig Artikeln möglich. Antworten


albert muri

20.08.2009, 11:31 Uhr
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Jede Wette, dass er heute auf diesen Brief folgende Antwort erhalten würde: Sehr geehrter Herr Loetscher, vielen Dank für Ihre Bewerbung und Ihr Interesse an unserem Unternehmen. Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir uns für einen Bewerber entschieden haben, der unsere Anforderungen noch etwas besser erfüllt. Zu unserer Entlastung schicken wir Ihnen Ihr Dossier zurück und wünschen.. Ruedi K. Antworten


Antoinette Osterwald

20.08.2009, 10:21 Uhr
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Wèrden so lustige, kreativ gestaltete Bewerbungen geschrieben, wàre die Stimmung an den Arbeitsplàtzen auch lockerer. Ich habe mich beim Lesen amèsiert Antworten


lena kournikova

20.08.2009, 09:52 Uhr
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wäre gar nicht übel auf solch eine unpretenziöse art sich heute für den bundesratssitz zu bewerben. man wächst mit den aufgaben. müssen denn die br nur anwälte sein? es ist schrecklich, wenn man feststellt, dass alle personen, die das amt des br bekleiden, fast alle nur anwälte sind. schweiz, wo gehst du hin? Antworten


Donald M Henzi

20.08.2009, 09:07 Uhr
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Ich hatte das Glück nicht nur die meisten Werke von Hugo zu lesen sondern diente mit ihm zusammen im Zürcher Zivilschutz. Unvergesslich die Gespräche zwischen dem Pflegen von Kameraden. Wenn dann Hugo eines seiner blauen Büchlein uns dem Überkleid zog, grinste und eine "aufgeschnappte Weisheit" notierte und das Büchlein wieder zufrieden versorgte. Antworten



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