Kultur
Stephen King im Retrofieber
Von Andrian Kreye. Aktualisiert am 28.01.2012 4 Kommentare
Stephen King, Der Anschlag. Heyne, 1055 Seiten, ISBN: 978-3-453-26754-1.
«Der Anschlag»
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Der Überdruss an den politischen Verhältnissen ist in Amerika gross. Barack Obama hätte es richten sollen. Stattdessen ist die Unzufriedenheit in den vergangenen drei Jahren gewachsen. Weshalb Stephen King mit seinem neuen Buch über eine Zeitreise, mit welcher der Mord an John F. Kennedy verhindert wird, gerade richtig kommt in der anbrechenden Wahlkampfsaison. Denn in den USA flüchtet sich der Überdruss gerne in die vergeblichste Form der politischen Nostalgie, in die Frage «Was wäre, wenn?».
Natürlich sind solche Fragen eine Art Einstiegsdroge in den politischen Eskapismus der Verschwörungstheorien. Und der Anschlag auf John F. Kennedy ist nicht nur die Mutter aller «Was wäre, wenn?»-Fragen, er ist auch eine Art Urknall der modernen Verschwörungstheoriekultur. Stephen King packt all dies und eine kräftige Portion nostalgischer Gefühle in einen Wälzer, der in der deutschen Übersetzung «Der Anschlag» heisst, im Original «11/22/63». Das ist im amerikanischen Englisch das Kürzel für den Novembertag im Jahr 1963, an dem John F. Kennedy in Dallas ermordet wurde.
Der altbekannte Sog. Zunächst.
Liest man, nach Jahren der Abstinenz, wieder einmal einen Roman von King, erfasst einen schon auf der ersten Seite der altbekannte Sog, von dem man sich früher so gerne durch die Seiten ziehen liess. Zunächst. «Der Anschlag» ist das ehrgeizigste Buch, das King je geschrieben hat. Es verbindet einen klassischen Thriller mit einer Zeitreise, mit dem Historienroman und mit dem Pulp-Genre des «True Crime».
Die deutlichste literarische Tradition in Kings Gesamtwerk ist allerdings weniger der Roman als das Hollywood-Drehbuch. Dieses folgt immer noch streng dem Muster des aristotelischen Dramas mit seinem Spannungsverlauf und der Katharsis. Stephen King beginnt also ganz klassisch mit der Exposition. Die führt die Hauptfigur Jake Epping ein, einen frisch geschiedenen Englischlehrer, der wie die meisten von Kings Hauptfiguren im Hinterland von Maine lebt, dem nordöstlichsten Bundesstaat der USA, wo der Autor auch selber wohnt.
Hier treffen wir auf den unheilbar krebskranken Imbissbesitzer Al Templeton. Seine fixe Idee ist es, sich fünf Jahre lang in der Vergangenheit aufzuhalten, um auf diese Weise das Attentat auf Kennedy zu verhindern. Vielleicht, das ist Templetons Hoffnung, verhindere man so ja auch viele dunkle Kapitel der amerikanischen Geschichte, die der Mord am 35. Präsidenten der Vereinigten Staaten nach sich zog: die Rassenunruhen der 60er-Jahre, Lyndon B. Johnsons Eskalation des Vietnamkriegs, die korrupten Jahre unter Richard Nixon. Weil er aber selbst vom Krebs so geschwächt ist, bittet er Epping, sein Werk zu vollenden. Er führt den Lehrer in der Speisekammer seines Lokals zu einer Zeitschleuse, mit welcher dieser vom Jahr 2011 ins Jahr 1958 gelangt. Und so nimmt die Handlung ihren Lauf.
Wo ist die Vorspultaste?
Wobei man schon nach einem guten Dutzend Seiten kaum noch von Lauf sprechen kann. Ständig hat man das Bedürfnis, eine literarische Vorspultaste zu suchen. Denn sobald Jake Epping erst einmal in der Vergangenheit angekommen ist, kreist King um Zeitdetails, die penibel beschrieben werden. Der Geschmack der alten Limonaden, der Geruch der Kleinstädte, die Schönheit des Autodesigns, die schrulligen Anachronismen des Slangs und die altmodischen Jukebox-Hits. Stephen King begeht dabei die Todsünde so vieler Retrokulturen: Er verliert sich in einer Nostalgie, deren Antrieb nicht mehr der Reiz des Vergangenen, sondern der Überdruss am Gegenwärtigen ist.
Stephen Kings Stärke war bisher immer, dass er – ähnlich wie Hollywood – universal gültige Geschichten erzählen konnte. Und das waren vor allem Geschichten von der Angst. In den Verzweigungen von «Der Anschlag» setzen sich die Genres indessen gegenseitig matt. Der Historienroman und die «True Crime»-Elemente bremsen den Thriller aus. Das wiederum lähmt die Gedankenspiele, mit denen der Schmetterlingseffekt sonst Zeitreisen in die Vergangenheit zu einem solchen Vergnügen macht. Denn wenn, so die Theorie, schon der Flügelschlag eines Schmetterlings den Lauf der Zeit verändert, was bewirken dann erst ein Mensch, sein Wille und seine Taten?
Hemmungslose Verklärung
Der Schmetterlingseffekt funktioniert dann wie eine der Dominostein-Kugelbahn-Installationen des Künstlerduos Fischli/Weiss, das die einfachsten physikalischen Gesetze und kindlichsten Versuchsanordnungen nutzt, um freundliche Überraschungseffekte zu erzeugen. Nur dass der Schmetterlingseffekt eben als Beschleuniger einer Gedankenkette dient, die so vergeblich ist wie jede «Was wäre, wenn?»-Überlegung. Aber gerade diese intellektuelle Verschwendung ist der Reiz der «Back to the Future»- und «Terminator»-Filme und von Hollywood-Komödien wie «Und täglich grüsst das Murmeltier».
Unter der Last des historischen Romans muss Stephen King in «Der Anschlag» jedoch das Regelwerk seiner Zeitschleuse erst einmal so umfassend etablieren, dass der Schmetterlingseffekt später weniger zum Beschleuniger als vielmehr zur bürokratischen Logik-Etüde gerät.
Nun widersteht King zwar den Verlockungen der Verschwörungstheorien und schlägt sich nach dem Prinzip, dass die einfachste Erklärung einer wissenschaftlichen Theorie den grössten Wahrheitsgehalt haben muss, auf die Seite der Vernunft. Er hält Lee Harvey Oswald für einen Einzeltäter. Der Stoff dürfte aber gerade in den Vereinigten Staaten das Gros der jüngeren Leser kaum berühren. Denn die endlosen Debatten um die wahren Mörder des Präsidenten sind eine Leidenschaft der Generation, die das Rentenalter erreicht hat. Amerika ist längst voller neuer Verschwörungstheorien. Da sind 9/11, die Irak-Kriege und die Machenschaften der Wallstreet. John F. Kennedy ist ein Thema für «history buffs» geworden, für jene schrulligen Geschichtsfans, die grosse Wälzer über vergangene Epochen durcharbeiten und in ihren Ferien an historische Orte reisen, um dort Denkmäler zu bestaunen. Hinzu kommt die hemmungslose Verklärung der frühen Rock-’n’-Roll-Jahre der Nation, die heute längst Dekor biederer Imbissketten ist.
Mentale Lähmungserscheinungen
Über eintausend Seiten zieht sich «Der Anschlag» in der deutschen Übersetzung. Was vom Leseerlebnis bleibt, ist nicht das erhoffte Übersättigungsgefühl, das einen so oft beschleicht, wenn man seine Zeit mit virtuoser Unterhaltung verbringt. Es sind eher die mentalen Lähmungserscheinungen, die man bekommt, wenn man vor dem Fernseher im öffentlich-rechtlichen Wachkoma landet und nicht mehr die Kraft findet, umzuschalten. Selbst Kings grandiose Idee, dass die Zeit selbst zum Monster wird, das sich mit aller Macht gegen jeden Versuch der Einflussnahme wehrt, ist viel zu früh und deutlich eingeführt, um bei ihrer richtigen Umsetzung noch zu überraschen. Nach den Büchern von Stieg Larsson und den Filmen von David Fincher liegen die Messlatten für Thriller höher.
«Der Anschlag» ist leider nur eine plumpe Bestätigung der kulturpessimistischen Reflexe, auf denen die «Was wäre, wenn?»-Fragen, die Verschwörungstheorien und das Malaise des Überdrusses an der Politik beruhen. Ein Glück nur, dass Stephen King seine Bücher nach den Erzählmustern Hollywoods anlegt. So wird das Kino die guten Ideen retten. Jonathan Demme hat sich die Filmrechte an «Der Anschlag» gesichert, noch bevor das Buch in Amerika im November erschienen ist. Drehbeginn soll im kommenden Herbst sein. Der Mann, der einen Oscar für «Das Schweigen der Lämmer» und damit für einen der spannendsten Thriller der Filmgeschichte bekam, kann aus tausend verfahrenen Seiten sicher zwei grandiose Stunden herausdestillieren. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.01.2012, 13:02 Uhr
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