Kultur
Sterben macht keinen Spass
Von Martin Halter. Aktualisiert am 14.11.2009
Unvollständig:«Modell für Laura».
Was wiegt höher, der letzte Wille des Autors oder das Recht der Nachwelt auf ein unverkürztes Weltkulturerbe? Vladimir Nabokov hatte unmissverständlich bestimmt, der Roman, an dem er bis zu seinem Tode 1977 fieberhaft gearbeitet hatte, sei ungelesen zu vernichten, sollte er nicht mehr die Kraft zur Fertigstellung finden. Schriftsteller lassen ihre Unsterblichkeit ungern durch aus dem Nachlass zusammengeklaubte, unautorisierte Fragmente beschädigen. Das gilt erst recht für den ästhetischen Perfektionisten Nabokov.
Seine Gattin Vera liess das unvollendete «Modell für Laura» bis zu ihrem Tod 1992 in einem Schweizer Banksafe liegen. Auch Sohn Dmitri zögerte lange, ehe er sich 2009 zur Veröffentlichung des «Meisterwerks im Embryonalstadium» entschloss. Und das soll nun das sagenumwobene, unbekannte Meisterwerk sein? 138 Karteikarten mit Entwürfen und Skizzen, Bausteine eines Puzzles, dessen innere Logik sich allenfalls erahnen lässt? Die auf Doppelseiten abgedruckten Kärtchen, eingeklemmt zwischen Vor- und Nachworten, aber nur nachlässig ediert und sparsam kommentiert, ergäben kaum vierzig Druckseiten. Nur gut die Hälfte sind noch von Nabokov durchnummeriert und ins Reine geschrieben worden; der Rest sind Bruchstücke, Notizen und Stichwörter, über deren Reihenfolge und Interpretation sich trefflich streiten lässt.
Einblicke in Nabokovs Arbeitstechnik
Bei allem Respekt vor dem grossen Zauberer und seinen Philologen: Dieses «Modell für Laura» ist nur das Modell eines Romans, interessant vor allem für Spezialisten. Immerhin erlaubt es unschätzbare Einblicke in Nabokovs Arbeitstechnik: Offenbar hatte er den Roman im Kopf bereits fertig, ehe er sich an die Niederschrift machte.
Aber worum geht es in «Laura?» Folgt man Dmitri Nabokovs Kartenmischung und seinem Hintergrundwissen aus erster Hand, wollte der Vater auf mehreren Ebenen mit Sprachgewalt und lustvoller Selbstvernichtung spielen. Philipp Wild, der berühmte Neurologe und Erzähler, wird von seiner jungen Frau Flora schamlos betrogen und nach allen Regeln der Nymphchen-Kunst gedemütigt. Der fette alte Mann seinerseits, geschlagen mit Mundgeruch, Fussschweiss und einem Prostatakarzinom, hat die Kunst entdeckt, sich durch «Hypnotrance» Stück für Stück von seinem ekligen Körper zu befreien.
Mit «masturbatorischer Lust»
Von den Zehen an aufwärts radiert er mit blosser Gedankenkraft und «masturbatorischer Lust» ein Glied nach dem anderen weg, bis zuletzt auch sein Kopf affiziert wird. Die Versuchsanordnung ist grotesk wie eine Novelle Gogols – und wohl Nabokovs letzter Versuch, dem Tod eines seiner ironischen Schnippchen zu schlagen. Nichts, heisst es auf Karteikarte 86, gewährt mehr Lust als «der Prozess des Sterbens durch Selbstauflösung». Nicht umsonst sollte Nabokovs Roman ursprünglich «Sterben macht Spass» heissen.
Ein kunstvoll verschachtelter Plot, kryptowissenschaftliche Intermezzi, theatralische Zaubertricks, typische Motive wie Schach, Nymphchen und boshafte Seitenhiebe gegen Dr. Freud: Oberflächlich betrachtet, ist «Das Modell für Laura» ein echter Nabokov. Aber die erotische Drastik wirkt heute altbacken, Flora wie eine schwüle Altmännerfantasie. Wilds tragikomische Selbstauflösung ist ein bemerkenswertes medizinisches Experiment, sein Resultat ein Roman ohne Unterleib und Mitte: Die Auseinandersetzung eines grossen Erzählers mit Krankheit, Verfall und Tod ist zugleich das Epitaph seiner schwindenden Kräfte. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.11.2009, 06:26 Uhr






