Und Kuhn hat doch recht

Von Bettina Weber. Aktualisiert am 19.01.2010 85 Kommentare

Ex-SVP-Mann René Kuhn wirft den Schweizer Frauen nun auch schriftlich mangelndes modisches Flair vor. Nicht ganz zu Unrecht, meint Moderedaktorin Bettina Weber.

Der umstrittene Buchautor: Der ehemalige Luzerner SVP-Politiker René Kuhn beantwortet die Fragen der Medien im Juni 2009. Er kandidiert damals für den Luzerner Stadtrat.

Der umstrittene Buchautor: Der ehemalige Luzerner SVP-Politiker René Kuhn beantwortet die Fragen der Medien im Juni 2009. Er kandidiert damals für den Luzerner Stadtrat.
Bild: Keystone

Das neue Buch von SVP-Mann René Kuhn.

Das neue Buch von SVP-Mann René Kuhn.

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Ziemlich starker Tobak war das, was der Luzerner René Kuhn im Sommer in seinem Blog über die Kleidervorlieben der Schweizerinnen zum Besten gegeben hat. Von verfilzten Weibern war die Rede und davon, dass vor allem die linken Frauen, diese Emanzen und Männerhasserinnen, ihre Weiblichkeit verleugneten. Da lobte sich der SVP-Mann doch die Russinnen.

Nun hat er ein ganzes Buch darüber geschrieben, «Zurück zur Frau. Weg mit den Mannsweibern und Vogelscheuchen - ein Tabubruch», das man sich nicht antun sollte, es ist in sprachlicher Hinsicht bodenlos: Von der «Verluderung der Frau» schreibt er und von Busen, die «weitläufig» sind. Seine Glaubwürdigkeit wird auch nicht gerade dadurch erhöht, dass er das modische Flair der Russinnen preist; ganz offensichtlich verwechselt da einer offensive und häufig billige Sexiness mit Stil. Französinnen mit ihrer Klasse wären zur Untermauerung der These beweiskräftiger gewesen. Dennoch: Nüchtern und bei Lichte betrachtet, sprich, die parteipolitische Brille weggelassen, hat Kuhn im Kern Recht: Die Schweizer Frauen, nicht die linken, nicht die rechten, sondern die Schweizer Frauen an sich, haben es tatsächlich nicht so mit der Mode.

Das Bild auf den hiesigen Strassen ist ein trauriges. Man sieht vor allem die Unisex-Uniform aus Jeans und Turnschuhen und Windjacke, ein sich hartnäckig haltendes Überbleibsel aus den Neunzigern, als Calvin Klein mit seinem Parfum «One» die Androgynie neu erfand und für hip erklärte. Hohe Absätze mögen Schweizer Frauen nicht, es dominieren vor allem Bequemmodelle, Absätze gelten ja auch als so ungesund. Jupes sind inexistent. Besonders augenfällig ist die kaschierte Weiblichkeit bei beruflich erfolgreichen Frauen und bei Politikerinnen. Graue Mäuse sind das, deren Garderobe hauptsächlich aus schlecht geschnittenen Hosenanzügen besteht; elegant kann man das nicht nennen, sondern bloss unbeholfen.

Frau will kein Modepüppchen sein

Aber Nachlässigkeit gilt hierzulande als chic, wer sorgfältig auf seine Kleidung achtet, setzt sich dem Verdacht aus, seicht zu sein. Den Schweizerinnen ist die Mode zu frivol. Zu oberflächlich. Und das Land hat, wie Deutschland, wo die Misere ähnlich gross ist, keine modische Tradition. Im Gegensatz zu Italien, Frankreich und England fehlt hier das Bewusstsein dafür, dass es auch mit Höflichkeit zu tun hat, sich gepflegt zu kleiden, und vor allem: dass es sich bei der Mode nicht nur um ein Kulturgut handelt, sondern auch um einen mächtigen Wirtschaftszweig, und dass sie deshalb nicht belächelt werden sollte, mögen ihre Protagonisten noch so hysterisch daherkommen.

In der Schweiz hingegen gilt die Mode als Hobby von gelangweilten Hausfrauen mit zu viel Geld. Durch den Verzicht auf schöne Kleidung soll deshalb signalisiert werden: Ich bin eine ernst zu nehmende Frau mit Tiefgang und kein Modepüppchen, ich habe was im Kopf und nicht nur eine schöne Frisur obendrauf. Ein merkwürdiger Gedanke. Inwiefern sollen sich Kompetenz und guter Stil ausschliessen? Eine Französin würde darüber lachen, sich die Lippen nachziehen, und dann an die nächste Sitzung stöckeln. Weil sie erkannt hat, dass Mode immer eine Botschaft hat. Dass sie mit hohen Absätzen und rotem Mund schon auf den ersten Blick mehr Angriffslust und Selbstbewusstsein ausstrahlt als eine, die ungeschminkt, in einem formlosen Etwas und praktischen Schuhen auftaucht.

Das Geschlecht mit Kleidung neutralisieren

Französinnen unterliegen nicht dem fatalen Irrglauben, sie müssten möglichst unweiblich daherkommen, um im Berufsleben respektvoll behandelt zu werden. Das ist wahre Emanzipation, denn wenn Frauen ihr Geschlecht mit Kleidung neutralisieren, machen sie sich klein, bevor es überhaupt jemand anders tut. Und verkennen abgesehen davon die Macht der psychologischen Kriegsführung, wobei damit nicht kurze Röcke und tiefe Ausschnitte angesprochen sind: Tamara Mellon, Chefin des Luxus-Schuhlabels Jimmy Choo und eine der erfolgreichsten Geschäftsfrauen Englands, trägt nicht nur aus Imagegründen stets High Heels: Sie habe einfach keine Lust, kleiner als die Männer zu sein, mit denen sie verhandle, sie wolle denen auf Augenhöhe begegnen. Selbst Alice Schwarzer hat erkannt, dass Lippenstift die Frauen nicht knechtet, sondern einfach bloss schöner macht. Und dass ein Hauch Farbe einen durchaus willkommenen Nebeneffekt hat: Einem hübschen Gegenüber hört man lieber zu. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.01.2010, 20:21 Uhr

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85 Kommentare

Marion Beney

19.01.2010, 17:36 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher. Albert Einstein Antworten


Luna Deluisa

19.01.2010, 16:42 Uhr
Melden

ich sehe nicht ein, wieso Weiblichkeit immer noch mit Stöckelschuhen gleich gesetzt wird. Wenn das weiblich wäre, wären wir mit Absätzen geboren worden! Und wieso eigentlich dürfen die Schweizer Männer so verlumpt herumlaufen, wie sie wollen? HIER müsste man den Rotstift ansetzen! Antworten



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