Kultur

«Unsere Presselandschaft wird amerikanisiert»

Von Lucie Machac. Aktualisiert am 25.05.2009 1 Kommentar

Der Zürcher Schriftsteller und Kosmopolit Hugo Loetscher sprach an den Solothurner Literaturtagen über die Vorteile der Globalisierung und eine Schweizer Identitätskrise, die gar keine ist.

«Unsere  heilige Demokratie ist kein starrer Zustand»: Schriftsteller Hugo Loetscher.

«Unsere heilige Demokratie ist kein starrer Zustand»: Schriftsteller Hugo Loetscher.

Hugo Loetscher

Der literarische Durchbruch gelang Hugo Loetscher 1975 mit dem Roman «Der Immune». Davor war der promovierte Philosoph unter anderem Redaktor bei der Zeitschrift «du» und bei der «Weltwoche». Seit den 1960er-Jahren unternahm Loetscher ausgedehnte Reisen, erst nach Südeuropa, später nach Lateinamerika und in den Fernen Osten. Der 79-jährige Autor lebt in Zürich. Ende August erscheint seine Autobiografie «War meine Zeit meine Zeit» bei Diogenes.

Herr Loetscher, vor kurzem wurde bekannt, dass drei weitere Zeitungsredaktionen, in Zürich und in Bern, von Sparmassnahmen betroffen sind. Wie schätzen Sie als ehemaliger Journalist die aktuelle Situation der Printmedien ein?
Ich habe den Verdacht, dass unsere Presselandschaft amerikanisiert wird. In den USA gibt es einige wenige Topzeitungen mit Hintergrund und Reportagen, die aber nur von einer sehr kleinen, anspruchsvollen Leserschaft gelesen werden. Der grosse Rest der Zeitungen ist eher durchschnittlich und regionaler ausgerichtet.

Reagiert die Medienbranche damit auf die Bedürfnisse der Gesellschaft, oder ists umgekehrt?
Das geht Hand in Hand. Die Regionalisierung ist aber ein interessantes Phänomen. Es gibt den Ausdruck «glokal», also eine Mischung aus «global» und «lokal». Im gleichen Mass nämlich, wie sich die Welt uniformiert, strebt sie danach, sich regional durch Eigenheiten zu differenzieren. Das Leben zwischen diesen beiden Polen sollten wir als Spannungsfeld verstehen. Problematisch wirds dann, wenn wir das eine gegen das andere ausspielen, etwa indem wir das Regionale als das einzig Wahre ideologisieren. Als ob es auf der einen Seite uns, die Schweiz, und auf der anderen den Rest der Welt gäbe!

Befinden wir uns also in einer Identitätskrise?
Natürlich müssen wir im Zeitalter der Globalisierung unser Selbstverständnis und unsere Werte überprüfen. Wir müssen uns fragen, was macht die Schweiz in Abgrenzung zu anderen eigentlich aus? Aber das Schöne daran ist, es geht nicht nur uns Schweizern so, sondern allen. Und wenn man sich dies vor Augen hält, wird einem bewusst, dass sich nicht die Schweiz in einer Identitätskrise befindet, sondern dass dies der Normalzustand ist.

Trotzdem führt ein Sich-neu-Definieren erst zu einer Orientierungslosigkeit, die mit Verlustängsten verbunden ist.
Wissen Sie, unsere heilige Demokratie ist kein starrer Zustand, um den wir nun bangen müssten. Unsere Demokratie ist stetem Wandel unterworfen. Für Frauen zum Beispiel hat sie viel später begonnen als für Männer, was aber nicht bedeutet, dass wir vorher keine hatten. Und vergessen Sie nicht: Am Rütli war kein Romand dabei! Deshalb finde ich es höchst absurd, wenn die jüngste Debatte um die Aufgabe des Bankgeheimnisses zum Identitätsproblem stilisiert wird. Und dass Menschen, die das Bankgeheimnis lockern wollen, als Landesverräter dastehen.

Sie haben einmal geschrieben: «Wenn Gott Schweizer wäre, hätte er die Welt noch nicht erschaffen.» Sind wir ein Volk von Zauderern?
Ich würde sagen, uns fehlt eine mobile Identität. Wir sind sehr abwartend und haben ein grosses Beharrungsvermögen. Leider gibt es kein individuelles Leben ohne Risiko. Wenn ich einen Beruf wähle oder ein Kind zeuge, gehe ich Risiken ein. Aber da wir vom Krieg verschont wurden, glauben wir offenbar an ein Leben ohne Risiko, an eine Schweiz als Sonderfall.

Wie können wir uns davon lösen?
Indem wir erkennen, dass unsere Probleme lediglich Variationen von Problemen sind, die auch andere haben. Nehmen wir das Hochdeutsch und den Dialekt. Wir sind nicht die einzigen Schriftsteller, die sich damit auseinandersetzen müssen. Als Ägypter hat man dasselbe Problem mit dem Hocharabischen und ein Filipino weiss gar nicht erst, in welcher Sprache er sich ausdrücken soll. Natürlich ist mit diesem Wissen mein Problem nicht beseitigt, aber ich bin damit nicht mehr allein. Sobald wir uns im Kontext wahrnehmen, werden wir ein anderes Selbstverständnis aufbauen.

Gibt es denn auch etwas, worauf wir stolz sein können?
Was mich entscheidend geprägt hat, ist unsere Mehrsprachigkeit. Ich bin mit dem Bewusstsein aufgewachsen, dass meine Sprache nur eine neben anderen ist und dass alle gleichwertig sind. Das ist eine entscheidende Erfahrung, die man natürlich auch auf die Religion oder andere Nationen ausdehnen könnte.

In Bezug auf Ausländer scheint sie nicht zu funktionieren.
Nein, und ich habe mich auch schon gefragt, wie es gewesen wäre, wenn alle Bündner schwarz wären und alle Tessiner Muslim. Ob dann das Nebeneinander genauso leicht gewesen wäre? Aber immerhin haben wir von klein auf begriffen, dass man eine Heimat im Plural denken kann. Und das ist in einer globalisierten Welt sehr wichtig, denn Heimat ist ein flexibler und dehnbarer Begriff geworden.

Ihre im Herbst erscheinende Autobiografie heisst «War meine Zeit meine Zeit». Wie würden Sie Ihre Zeit charakterisieren?
Ich würde mit meiner Romanfigur, dem Immunen, antworten: Ich habe den Satz «Ich bin auf die Welt gekommen» wörtlich genommen. Ich wollte wissen, was macht die Welt aus? Und was ist menschenmöglich?

Sie stammen aus einer Arbeiterfamilie, die zu Hause gerade mal drei Bücher hatte. Wie hat Sie diese Herkunft geprägt?
Auf zwei verschiedene Arten: Ich musste mich behaupten und erst erkennen, dass auch ich jemand bin. Gleichzeitig hatte ich immer Verständnis für all jene, die am Rand leben, die nicht dazugehören. Mein eigenes Gefühl des Nichtdazugehörens ist mir übrigens ein Leben lang geblieben.

Im Dezember werden Sie 80. Was können Sie am Alter empfehlen?
Naja, das ist gerade etwas schwierig, da mir eine grosse Herzoperation bevorsteht. Aber ich bin als Freischaffender in der privilegierten Situation, auch im Alter weiterarbeiten zu können. Andere hören mit 65 auf und haben Schwierigkeiten, die Zeit zu füllen. Damit das Alter erträglich wird, muss man es früh einkalkulieren und vor allem begreifen, dass Arbeiten nur eine Voraussetzung ist, damit man sich entfalten kann. Gleichzeitig darf man das Alter aber nicht dominant werden lassen. Also nicht ständig über Gebrechen nachdenken oder sich gar auf einen Alterssitz zurückziehen. So katapultiert man sich geradewegs in die Einsamkeit.

Was möchten Sie noch erleben?
Sie ahnen es wohl: den EU-Beitritt der Schweiz. Ich persönlich habe auch noch einen Kopf voller Pläne, etwa ein Buch über Identitäten, über ein gemeinsames Weltverständnis. (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.05.2009, 13:01 Uhr

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1 Kommentar

Bruno Froehlich

27.05.2009, 00:11 Uhr
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Lieber Hugo Loetscher, herzlichen Dank fuer diese Gedanken, ihre Haltung zuLeben, der Schweiz. Wir sind "verwandt", einst Journalist (74), freischaffend heute mit Schmuckgeschaeft seit 15 Jahren und Europaer wie auch Gast in meiner neuen Heimat. Wuensche Ihnen, dass alles so kommt wie Sie es sich erhoffen. Ihnen das Beste wuenschend. Antworten



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