Warum wir meinen, dass es uns gibt
Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 16.11.2009 16 Kommentare
Das Buch
Thomas Metzinger: Der Ego-Tunnel. Eine neue Philosophie des Selbst. Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik. Berlin Verlag, 378 Seiten, ca. 45 Franken.
Was macht das Bewusstsein aus? Die Erkenntnisse der Hirnforschung legen eine neue, radikale Antwort nahe. Mit ihrer Hilfe lässt sich immer genauer messen, welche Hirnregionen für welche Regungen, Gefühle, Reaktionen und Wahrnehmungen zuständig sind. Und wie das Gehirn diese einprasselnden Reize der Innen- und Aussenwelt aufnimmt, filtert und zu Reaktionen bündelt. Thomas Metzinger, der in Mainz theoretische Philosophie lehrt und sich auch mit den Neurowissenschaften beschäftigt, setzt sich seit über dreissig Jahren mit der existenziellen Frage auseinander, wie menschliches Bewusstsein funktioniert. Wie kommt es, dass wir uns als jemand fühlen, eine Identität von uns selbst haben? Wie entsteht der «unhintergehbare Eindruck hinter den Augen», wie er es einmal nannte?
Wir sind eine Rechenleistung
Die abendländische Philosophie verstand das Selbst oft als Substanz, von den Religionen als Seele beschrieben, die über den Tod des Menschen weiter besteht. Die neuen Bewusstseinsforscher, zu denen Metzinger massgeblich gehört, glauben das nicht mehr. Das Bewusstsein, sagt der Philosoph, sei ein Prozess, ein Konstrukt, man könnte in Anlehnung an die Computertechnik auch sagen: eine Rechenleistung, eine Art virtuelle Realität. Oder darwinistisch formuliert: Das Selbstbewusstsein entstand als Teil der Benutzeroberfläche eines Gehirns, das sich im Laufe der Evolution dermassen komplex entwickelte, dass es ein virtuelles Zentrum brauchte. Nur auf diese Weise liess sich diese Komplexität so weit vereinfachen, dass der Mensch sich als jemanden wahrnehmen kann: als Selbst.
Nur existiert dieses Selbst nicht, sagt Metzinger, es ist eine subjektive Erscheinung, die der Mensch von sich hat, in seinen Worten: ein «phänomenales Selbstmodell». Diese innere Wirklichkeit kann der Mensch nicht als Modell erleben. Das erst macht es für ihn möglich, als Individuum zu funktionieren. Metzinger nennt diese subjektive Innenwelt den «Ego-Tunnel», und so heisst auch sein neues Buch, in dem er erstmals seine Erkenntnisse für eine grössere Leserschaft bündelt und ihre Implikationen für die zukünftige Forschung diskutiert.
Zur Illusion eines Selbst gehört nicht nur die Wahrnehmung des eigenen Körpers, sondern auch der Aussenwelt. Diese Wahrnehmung wird von den Sinnesorganen als Gesamtbild vermittelt. Doch sind auch diese Bilder nicht real, sondern eine Simulation unseres Gehirns. Was wir zum Beispiel als Farbe erkennen, sind in Wirklichkeit elektromagnetische Wellen. Die Welt, wie wir sie wahrnehmen, entsteht erst in uns selbst. Unser bewusstes Modell der Wirklichkeit, schreibt Metzinger, sei eine Projektion «der unvorstellbar reicheren physikalischen Wirklichkeit, die uns umgibt und uns trägt». Deshalb sei das bewusste Erleben «weniger ein Abbild der Wirklichkeit als vielmehr ein Tunnel durch die Wirklichkeit. Wir leben unser bewusstes Leben im Ego-Tunnel.»
Der virtuelle Pilot im Hirn
Diese Erkenntnis formulierte der Buddhismus schon vor 2500 Jahren. Metzinger fasst sie in die Metapher des Flugsimulators, in dem ein Pilot sitzt, der die Flugbahn und das Rütteln der Flugmaschine für echt hält – und sich für den Piloten. Im Gehirn aber wird der Pilot sozusagen gleich mitkonstruiert, er ist das Bild, das das Flugzeug von seinen eigenen Kontrollvorgängen besitzt, aber nicht als solches erkennt. Nur deshalb kann das Flugzeug gesteuert werden, auch wenn sowohl der Pilot wie der Himmel vor ihm virtuell konstruiert sind.
Metaphern erklären zwar, aber sie belegen nicht. Belege liefern kann nur die Hirnforschung. Um aber wirklich zu verstehen, wie die Virtualität des Bewusstseins funktioniert, müsste sie direkt erfahrbar werden. Dabei helfen psychologische Experimente, die erst heute, dank den neusten Erkenntnissen der Neurowissenschaften, richtig eingeordnet werden können. Berühmt geworden ist das Experiment mit der Gummihand, die vor der Versuchsperson auf dem Tisch liegt, während sie ihren Arm unter dem Tisch hält. Werden sowohl die Hand wie auch die Gummihand im gleichen Rhythmus gestreichelt, nimmt die Versuchsperson nach kurzer Zeit Letztere als Teil ihres Körpers wahr und spürt sogar die Berührung in der Gummihand. Anders gesagt: Das virtuelle Körperbild bestimmt, was als Körper wahrgenommen wird.
Schmerzen im Phantomarm
Eine ähnliche Erfahrung machen Menschen, die zum Beispiel einen Arm verlieren oder die sogar ohne Arme geboren wurden. Beide geben aber an, dass sie ihren Phantomarm spüren können, sie haben Schmerzen, sie zählen mit imaginären Fingern. Metzinger erklärt das Phänomen mit dem simulierten inneren Bild des eigenen Körpers.
Was passiert, wenn das Gehirn die Informationen von uns selber nur unvollständig vermittelt, zeigt der Traum mit seiner verzerrten Darstellung der Realität. Die Schlafphase, in der wir träumen, wird vom Stammhirn erzeugt. Seine Impulse aktivieren das Vorderhirn, das dann versucht, diese Impulse zu einer Geschichte zu integrieren. Das gelingt nur teilweise, weil sich die höheren Hirnregionen im Schlaf in einem anderen Zustand befinden.
Wie ist der Philosoph überhaupt auf den Verdacht gekommen, das Selbst sei ein Konstrukt? Metzinger berichtet von ausserkörperlichen Erfahrungen, die er schon mit jungen Jahren hatte und die von vielen Menschen erfahren werden, etwa bei Nahtod-Erlebnissen, heftigen Stress-Situationen oder beim Aufwachen aus der Narkose. Dabei kommt es zur Erfahrung, dass man seinen eigenen Körper verlässt und ihn von aussen betrachtet. Solche ausserkörperlichen Erfahrungen hätten wohl nichts mit einer Seele zu tun, die den Körper verlässt, schreibt der Philosoph. Sondern der schwebende Körper über dem daliegenden, realen Körper errechne sich «aus reiner Information, die im Gehirn fliesst», sie sei der Stoff, aus dem das Selbstmodell gemacht ist.
Wie die neuere Hirnforschung zeigt, lassen sich sehr ähnliche Erlebnisse auch durch gezielte Aktivierung im Gehirn provozieren. Das Gefühl, jemand zu sein, einen Körper zu haben und sich mit ihm zu identifizieren, lässt sich sogar auf einen virtuellen Körper übertragen, der im Computer erzeugt wird. Selbst quasi-religiöse Gefühle können bereits durch elektrische Stimulationen erzeugt werden. «Gott ist eine Substanz», notierte Gottfried Benn. Die Erkenntnisse der Neurowissenschaften lassen vermuten: Das religiöse Erleben ist auch ein Zustand im Gehirn.
Aufklärung 2.0
Daraus ergeben sich weitreichende Implikationen, die Metzinger als Gefahr und Chance analysiert. Die Gefahr besteht für ihn darin, dass die Religiosität von einem materialistischen Denken abgelöst werden könnte, das alleine von den Naturwissenschaften bestimmt wird. Die Entzauberung des Selbst könnte die gesellschaftliche Entsolidarisierung oder den religiösen Fundamentalismus verstärken. Viele Menschen klammerten sich an ihre Glaubenssysteme und hätten Angst, «ihre innere Lebenswelt könnte durch die neuen Naturwissenschaften vom menschlichen Geist kolonisiert werden.»
Dennoch plädiert der Philosoph dafür, die neuen Erkenntnisse über das Bewusstsein auszuhalten und einen offenen und kreativen Umgang damit zu suchen. Die Bewusstseinsrevolution, die Metzinger auch als «Aufklärung 2.0» beschreibt, verlange nach einer neuen moralischen Verantwortung. Die Forscher müssten sich mit der Leere auseinandersetzen, die durch ihre Resultate unweigerlich entstehe. Für den Philosophen drängt sich deshalb eine neue Ethik des Bewusstseins auf. Diese hält er schon deshalb für nötig, weil die Forschung es künftig leichter machen wird, unser Bewusstsein anders einzustellen und zu manipulieren. So erlaubt die Gehirnforschung der Pharmaindustrie, immer subtiler einwirkende Substanzen zu entwickeln, um Stimmung, Leistung und Lebensqualität zu verbessern.
Experimente in der Grauzone
Die Leistungsgesellschaft reagiert bis heute ablehnend auf den Einsatz bewusstseinsverändernder Substanzen – zugleich experimentiert die Pharmaindustrie aus einer Grauzone heraus mit ihnen, weil sich für sie damit ein neuer, milliardenschwerer Markt auftut. Diese Entwicklung werde verdrängt, lasse sich aber nicht aufhalten. Die moderne Neuroethik, so Metzinger, werde auch einen neuen Ansatz in der Drogenpolitik entwickeln müssen mit der Schlüsselfrage: «Welche Hirnzustände sollten legal sein?» Metzinger plädiert für eine neue Bewusstseinsethik, das heisst: für einen rationalen und würdevollen Umgang mit den eigenen Zuständen im Gehirn. Welche solle die Gesellschaft fördern, welche verbieten? In welchem Bewusstseinszustand will ich selbst einmal sterben?
Wenn die neueren Forschungen etwas gezeigt haben, dann dies: Das normale Alltagsbewusstsein stellt nur einen kleinen Teil dessen dar, wozu der menschliche Geist fähig sei. Diese Erkenntnis lässt sich auch als Chance verstehen, als Aufbruch: Die grossen Reisen treten wir künftig nach innen an.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.11.2009, 08:37 Uhr
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16 KOMMENTARE
Wenn man die Namen Ernst v. Glasersfeld, Heinz v. Foerster, Humberto Maturana, ... usw kennt und deren Erkenntnistheorie des Radikalen Konstruktivismus, dann fehlt an dieser Stelle irgendwie das erwähnenswert neu.
Für jemand der sich mit Computer und KI befasst kommt diese Erkenntnis nicht überraschend. Empfehle das Buch Gödel, Escher, Bach von Douglas R. Hofstadter.
Hier ist noch ein grosses Fachgebiet, wo erstaunliche Erkenntnisse wahrscheinich sind. Das Fazit von Stalin, die Seele sei an die Materie gebunden, scheint auch heute, nicht voll überholt zu sein. Dies ist kein Grund zur Panik. Die christliche Ethik wird überdauern. Selbst nach Herr Menzinger erscheinen jede Technik und alle menschlichen Erkenntnisse unvollkommen - mit einer Erbsünde behaftet.
@ Heiri Würzel: Sie sprechen Thomas Metzinger die Fähigkeit zu wissenschaftlichem Denken und Arbeiten ab, nur weil er Mitglied einer Stiftung ist, die religionskritisch ist und sich "Wissen statt Glauben" auf die Fahnen geschrieben hat? Hoppla - das kommt mir irgendwie vertraut vor. Riecht stark nach Mittelalter und dem Amerika des G.W. Bush.
@ Heiri Würzel: Die Giordano Bruno Stiftung wurde 2004 gegründet. Herr Metzinger setzt sich jedoch seit über 30 Jahren mit diesem Thema auseinander. Ist es da nicht naheliegender, dass er der Stiftung beigetreten ist, weil deren Haltung mit seinen Forschungsergebnissen übereinstimmt... anstatt umgekehrt? Ihn als voreingenommen zu verurteilen weil er dort Mitglied ist, halte ich für falsch.
und was kommt dann? daten wir bald zur 'aufklärung 2.1.1' auf? da sag ich nur: 'hey, die neuen features von aufklärung 2.2 sind deeer hammer, musst dir unbedingt auch besorgen!'...
Ich verstehe die Metapher mit dem Flugsimulator nicht... Hält der Flugsimulator sich selbst für den Piloten? Diese Metapher würdeMetzingers Erkenntnis gerade nicht stützen. Zwar ist der Flugsimulator tatsächlich nicht der Pilot und er irrt über sein wirkliches Selbst. Dennoch wird er von einem Piloten gesteuert. Zwar erkennt der Simulator den Piloten nicht, diesen gibt es aber!
Herr Thomas Metzinger ist Mitglied der Giordano Bruno Stiftung. Egal was er forscht, untersucht oder für Schlüsse zieht. Er wird wohl kaum, schon von seiner eigenen Ueberzeugung her, zum Schluss kommen, dass der Mensch eine Seele hat. Dass würde den Zielen dieser Stiftung komplett wiedersprechen. Deshalb disqualifiziert sich dieser Artikel schon selber.
fantastisch - vor einer woche las ich huxleys 'schöne neue welt zu ende'....erstaunlich, wie wir uns 'etwas' nähern, und wie für mein bewusstsein thomas metzinger human formuliert - bleibt es wünschenswert, diese zustände persönlich gestalten zu dürfen - bleibt offen - ob eine pharma-loby damit zu spielen beginnt....
Metzinger kämpft tapfer mit begrifflichen Untiefen: Das Bewusstsein sei eine "Benutzeroberfläche" (für welchen Benutzer?) Es sei nur eine "subjektive Erscheinung" (von welchem Subjekt?). Letztlich sind auch er und seine Mitstreiter noch immer nicht weiter als Descartes: "Ich denke, also bin ich". Solange Bewusstsein nicht künstlich erzeugt werden kann, ist das das Ende der Fahnenstange...
Diejenigen, welche diese Erkenntnisse als "trivial" und "langweilig" abtun, begreifen nicht, dass sie diese Resultate einfach bereits in ihre Welt aufgenommen haben. Für einen Grossteil der Menschheit bedeuten die Erkenntnisse eine Revolution und sie werden meist mit Ablehnung behandelt!
Natürlich ist alle Erscheinung am Schluss nur Illusion, das ist ja trivial. Ich erkenne nun seit einigster Zeit aber auch die Wahrheit der Existenz der Seele, und deren Konstanz über lange Zeitepochen, auch über den Tod hinaus, also auch der Wiedergeburt. Ich nehme mir das Bild einer nichtmateriellen Sonne zu Hilfe, die vielleicht über Millionen Jahre in einem existiert und dann einmal verglüht
Heisst das also, ein Roboter hat auch ein Bewusstsein und kann das Gefühl bekommen, er sei Jemand, der das Erlebte eben "konsumiert"? So auch ein Computerprogramm? Haben Split-Brain Patiente zwei Bewusstsein?
Das Gehirn kann nur Bewusstsein verändern, das bereits da ist, aber vielleicht - aus der dominierenden Inszenierung von Alltag - nicht zugänglich war. Insofern kann pharmazeutisch nichts neues "göttlich erschaffen" werden. Diese Unzulänglichkeit nimmt dem Ganzen den Schrecken.
Ich staune immer wieder, was uns von den Neurowissenschaften beeindruckte Geisteswissenschafter für Neuigkeiten auftischen. An eine "Seele, die über den Tod des Menschen weiter besteht" glaube man nicht mehr, und "was wir zum Beispiel als Farbe erkennen, sind in Wirklichkeit elektromagnetische Wellen". So, so.
Das Selbst und das Ego sind zwei verschiedene Dinge! Wenn man diesen fundamentalen Unterschied nicht macht, kann das Resultat nicht stimmen!
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