Wenn Autoren öffentlich die Fassung verlieren

Aktualisiert am 28.12.2009

Es gibt Schriftsteller, die im Internet anonym ihre eigenen Werke loben. Und solche, die in Online-Foren Kritiker beleidigen - wie Alain de Botton. Von beiden Strategien ist abzuraten.

Kritiker öffentlich verunglimpft: Autoren de Botton und Hoffman.

Kritiker öffentlich verunglimpft: Autoren de Botton und Hoffman.

Die Literatur-Kritikerpäpste im Zeitalter des Internets sitzen nicht etwa im «Literaturclub», sondern zu Hause vor ihrem Computer. Dort schreiben sie fleissig Buchkritiken, die sie bei Amazon.com auf die Website stellen.

Die Ersetzung des Kunstrichters durch Volkes Stimme kann allerdings seltsame Blüten treiben. Etwa wenn Schriftsteller online und anonym ihre eigenen Werke loben. Geschehen und aufgeflogen ist dies vor ein paar Jahren als wegen einer Computerpanne auf der Amazon-Site die anonymen Kommentatoren plötzlich unter der richtigen E-Mail-Adresse erschienen.

Totale Entgleisung

Weiter war da der Fall Lee Siegel. Der erfolgreiche Schriftsteller («Falling upwards») und pointierte Kultur-Kolumnist wurde vom US-Magazin «The New Republic» gefeuert. Kündigungsgrund: Der Star-Schreiber («New York Times», «Slate») pries im Online-Diskussionsforum seines Arbeitgebers «New Republic» unter falschem Namen seine eigenen Texte an («Siegel schreibt brillant und witzig, er hat das Feuer und den Mut eines jungen Mannes»). Kritiker seiner Arbeit bedachte er hingegen mit Postings wie «Du erbärmlicher Schmierfink könntest nicht einmal Siegels Schuhe binden.»

Inzwischen scheinen die Autoren gemerkt zu haben, dass man im Internet nie ganz anonym ist. Trotzdem provoziert der stinkende Cyber-Atem undankbarer Leser immer wieder den einen oder anderen. Alice Hoffman etwa nannte einen Kritiker kürzlich via Twitter einen Idioten und stellte die Kontaktinformationen des Manns online. Und der englisch-schweizerische Autor Alain de Botton entgleiste dieses Jahr gar komplett, als er sich bemüssigt fühlte, in den Blog eines Literaturkritikers zu schreiben: «Ich werde Sie bis ans Lebensende hassen und wünsche Ihnen für Ihre Karriere nur das Übelste.» Fans und Journalisten waren entsetzt und De Botton gab sich reumütig: «Es mir sehr leid, und ich schäme mich über mich selbst»», teilte er schliesslich via Twitter mit.

FBI eingeschaltet

Im Vergleich zur amerikanischen Schriftstellerin Candace Sams hält sich de Bottons Zorn jedoch noch im Bereich des Realistischen. Nachdem eine Userin Sams' aktuelles Buch, die Sciencefiction-Romanze «Electra Galaxy’s Mr. Interstellar Feller», verrissen hatte, schaltete sich die Autorin online ein: Ihr Buch sei von Lektoren verkrüppelt worden. Doch die User wollten davon nichts wissen und machten sich weiter über Sams lustig – über 400 Kommentare hagelte es insgesamt. Inzwischen hat Sams ihre eigenen Kommentare gelöscht und gedroht, ihre Kritiker beim FBI einzuklagen. (phz)

Erstellt: 28.12.2009, 14:53 Uhr

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