Kultur

Wenn Frauen leiden

Von Eberhard Falcke. Aktualisiert am 02.12.2011

Marlene Streeruwitz ist mit «Die Schmerzmacherin» ein ausgezeichneter, schwarzer Roman gelungen.

Genaue Beobachterin: Autorin Streeruwitz.

Genaue Beobachterin: Autorin Streeruwitz.
Bild: Keystone

Marlene Streeruwitz: Die Schmerzmacherin. Roman. S. Fischer, Frankfurt 2011. 400 S., ca. 30 Fr.

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Das Frauenleben ist schwer und schmerzhaft. Es steckt voller Zumutungen, Mühen und Niederlagen. So stellt es sich jedenfalls in den Büchern von Marlene Streeruwitz dar. Mit dieser Basisfabel hat die Wiener Schriftstellerin ein hochkarätiges literarisches Werk geschaffen, in dem sich weibliche Sichtweisen, stilistische Erfindungskraft, experimenteller Wagemut und kritische Zeitgenossenschaft wechselseitig vorantreiben.

Amy Schreiber ist, und das gilt auch für ihr Alter, die jüngste der StreeruwitzHeldinnen, die mit den Machtverhältnissen, den Männern und sich selbst zu kämpfen haben. Mit 24 Jahren sieht sie sich noch hin- und hergerissen zwischen Familie und Selbstständigkeit, Vergangenheit und Gegenwart, Verzweiflung und Zuversicht. Wie sehr Amy in ihrem Leben herumschlittert, demonstrieren schon die ersten Seiten des Romans. Mitten im Winter rumpelt sie mit ihrem kleinen Auto über verschneite ostbayerische Strassen zu ihrer Ausbildungsstätte. Dort gelten nicht nur quasi-militärische Regeln, es ist auch jederzeit mit Mobbing zu rechnen. Die Angst versucht sie mit Wodka zu bändigen. Noch bedrohlicher aber wirkt der Umstand, dass ihr künftiger Arbeitgeber zu denen gehört, die ihre Angestellten nicht viel anders behandeln als Sekten ihre Mitglieder. Das Unternehmen will sich den ganzen Menschen untertan machen.

Ein Leben, das immer wehtut

Die Ausbildung findet in einem abgeriegelten «Compound» statt. Es gibt ein Grundtraining, Gruppensitzungen, allgegenwärtige Videoüberwachung. Es geht um «Worst-Case-Scenarios», und manche Übungen sehen ganz so aus, als würde auch Folter zum Geschäftsfeld gehören. Dass Amy bei dieser Ausbildungsdressur leicht einmal in Tränen ausbricht, bringt ihr keine Pluspunkte ein. Schliesslich sind Unsicherheitsgefühle ein Sicherheitsrisiko in einer Branche, die mit dem Verkauf von Sicherheit Geschäfte macht.

Das ist nicht die einzige, doch die zentrale Pointe von Marlene Streeruwitz’ Roman: Amy, der es an nichts so sehr mangelt wie an Sicherheit, absolviert eine Ausbildung als Sicherheitsfachkraft. Gregory, ihr Ausbilder und Vorgesetzter, malt ihr bei einem Essen im luxuriösen Savoy Grill in London eine glänzende Zukunft aus: «Sie machen sich ja keine Vorstellung, was für ein Potenzial da draussen existiert. Die Deregulierung der Sicherheitsfrage. Man konnte in Sicherheit dealen. Man konnte den Lauf der Geschichte bestimmen. Schmerzen. Pain and anger. Damit konnte gehandelt werden.»

Amy ist «Die Schmerzmacherin» des Romantitels. Bevor sie allerdings die Schmerzen als Mittel und Waffe ihrer Profession einsetzen kann, muss sie erst selber durch die Mühle der Schmerzen, Verluste, Verletzungen. Davon gibt es eine grosse Auswahl, denn Amy ist ein gebranntes Kind: «Mir tut das Leben fast immer weh.» Sie stammt aus einer Dynastie gescheiterter Frauen, die von der patriarchalen Übermacht des «Stammvaters» der Familie gezeichnet sind. Aufgezogen von Pflegeeltern, die leibliche Mutter Alkoholikerin. Einen Vater gab es nicht. Und nun, während Amy bei der Trisecura lernt, wird sie von allen Schmerzen, Ängsten und Gemeinheiten aus diesem familiären Minenfeld auf einmal attackiert. Eine Fehlgeburt, die sie bis ins Innerste aufwühlt, erleidet sie ausserdem noch. Fast ohne Bewusstsein ist sie im Alkohol- und Tablettenrausch von einem Mann vergewaltigt worden.

Kann es noch mehr Frauenunglück geben? Kaum. Marlene Streeruwitz setzt ihre Heldin auch in diesem Roman wieder einem «Worst-Case-Scenario» aus. Muss das sein? Durchaus! Denn diese Autorin betreibt nichts Geringeres als eine kritische, analytische Schwarzmalerei, die Zusammenhänge sichtbar macht, die andernfalls im Dunkeln blieben. Man könnte das auch polemischen oder kämpferischen Realismus nennen.

Brillanter Stil

Das funktioniert nicht in jedem Roman gleich gut. Doch Amys Spiessrutenlauf zwischen Familientrauma und den neuesten Pervertierungen des sozialen Lebens überzeugt durch Bildkraft und Triftigkeit. Die höchst eindringlichen, emblematischen Szenen des Romans, von der ersten Autofahrt über die Szene im Savoy Grill bis zum ebenso beklemmenden wie offenen Schluss, folgen Schlag auf Schlag, alles beschrieben in diesem unverwechselbaren Stil, der so fragmentiert ist wie das Leben.

Marlene Streeruwitz hat einen der wenigen brillanten manieristischen Schreibstile unserer Gegenwartsliteratur entwickelt, hochartifiziell, überaus beweglich und dennoch sofort einleuchtend. Das ist eine Sprache, in der die Hemmungen und Hindernisse des unterdrückten Lebens sich ebenso abbilden wie der taumelnde Zweifel oder das Stakkato des panischen Mitmachens. Denn Amy wird nie zu einer Heldin des feministischen Widerstands verklärt. Sie kollaboriert, wenn auch vom Ekel geschüttelt, mit den Verhältnissen, die ihr zusetzen. Amy, wie die anderen Heldinnen ihrer Autorin, sind keine Frauen in der Frauenecke, sondern Zeitgenossinnen. Marlene Streeruwitz hat die Conditio humana unserer Tage so genau im Blick wie wenige sonst. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.12.2011, 08:01 Uhr

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