Kultur
Wir basteln uns ein Wir-Gefühl
Von Olivia Müller. Aktualisiert am 25.01.2012 5 Kommentare
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Es soll mal einer noch den Durchblick haben bei all den Begriffen, die für sich beanspruchen, den Zeitgeist zu fassen. Fakt ist, dass «Generation» im Titel die Kassen klingeln lässt («Generation sells»). In den letzten zehn Jahren sind zahlreiche Bücher erschienen, die für sich eine kollektive Generationserfahrung, ein allgemeines Zeitgefühl reklamieren.
Der Konjunktiv ist der 30-jährigen ihr Leid
Die Autorin Nina Pauer macht es aktuell vor: Mit ihrem Buch «Wir haben (keine) Angst» beschwört sie die Generation der um 1980 Geborenen. Aufgewachsen ist diese mit diversen Bedrohungsszenarien – von Tschernobyl über BSE bis zur Vogelgrippe –, ohne jedoch nur eine dieser Katastrophen am eigenen Leib zu erfahren. Dieser Alterskohorte stehen heute alle Möglichkeiten offen, daraus aber folgt eine tiefe Verunsicherung. Die Angst, die falsche Entscheidung zu treffen, lähmt sie. So verharren die Twentysomething entweder untätig oder verrennen sich auf der Suche nach ihrem Selbst. Die «Selbstverwirklichung» ist oberstes Ziel. Auf dem Weg dahin stellen sie sich immerwährend die Frage: «Hätte, könnte, sollte ich nicht doch lieber…», und verzweifeln schliesslich daran. Der Konjunktiv ist der Generation 30 ihr Leid.
Für wen aber spricht Nina Pauer? Die Reaktionen auf ein Interview von Tagesanzeiger/Newsnet mit besagter Autorin lassen aufhorchen. Viele Leser fühlen sich bevormundet und sehen sich genötigt, in die Opposition zu gehen. «Im Zusammenhang von einer ganzen Generation von ‹wir› zu sprechen, ist anmassend», empört sich ein Leser. Es wäre alles «Befindlichkeitsmüll», heisst es und die «Twentysomething» sollen sich «nicht immer beklagen über ihre hausgemachten Probleme». Wieso polarisieren die pointierten und wohlüberlegten Aussagen von Nina Pauer dermassen?
Die Generation als Konstrukt
In den Sozialwissenschaften wird das Verhalten von Menschen auch durch ihre Zugehörigkeit zu einer Generation erklärt: per Definition Menschen eines bestimmten Lebensalters oder geschichtlichen Zeitabschnittes. Die Generationsspanne beträgt, in Zahlen ausgedrückt, 25 bis 30 Jahre – die Altersdifferenz der Eltern zu den Kindern. Die Nullerjahre demonstrieren: Der Begriff verliert an definitorischer Schärfe, wenn jede Lebensart zur Kontur einer neuen Generation stilisiert wird. Der deutsche Literaturkritiker Richard Kämmerlings hält die meisten Generationen daher für Konstrukte.
Die Variable X
Zwar beschrieb bereits Ernest Hemingway in «Paris – Ein Fest fürs Leben» die «Lost Generation», und später wurde die sogenannte «Flakhelfergeneration» proklamiert. Aber der Hype um die Generation wurde erst Anfang der Neunzigerjahre mit einem Bestseller des Kanadiers Douglas Coupland losgetreten: «Generation X – Geschichten für eine immer schneller werdende Kultur» sorgte für Aufsehen. Sein Schlüsselroman erzählt die Katerstimmung der Generation, die erstmals ohne Krieg aufwuchs und sich nun mit weniger Wohlstand und ökonomischer Stabilität als ihre Eltern abfinden musste. Charakterisiert werden die zwischen den 1960er- und 1970er-Jahren Geborenen. Das «X» erwies sich als zukunftsweisend: Eine Variable, die beliebig ersetzt werden kann.
Wir erinnern uns – bereits rund 10 Jahre später wurde von Florian Illies die «Generation Golf» ausgerufen. Die um 1970 geborenen, unter der Ägide von Helmut Kohl aufgewachsenen Westler erkennen sich in den Zeilen wieder. Die erste Generation, die materiell sorgenfrei aufwuchs und ein Bewusstsein für Labels zu einem Wert erhob. Das moderne Verständnis für Hedonismus war geboren.
Geteiltes Leid ist halbes Leid
Nochmals knapp 10 Jahre später warten diverse Autoren mit Büchern über die verunsicherte, ängstliche Generation auf. Eine unpolitische Generation, aufgewachsen im Luxus, fragt nach dem Sinn des Lebens. Die Zeiten überfordern, und das Individuum sucht nach einem Gefühl der Gemeinsamkeit. Die Gesellschaft sehnt sich nach einer überschaubaren Ebene, nach Verallgemeinerung unser aller Erfahrungen, einem Hort der Geborgenheit und Sicherheit. Verschiedene Autoren liefern uns Statements, mit denen wir uns identifizieren können, andererseits ist man der Labels überdrüssig.
Es gab noch nie eine Generation, die für alle sprach. In der Regel sind es Abbilder eines bestimmten Milieus, ein Konstrukt, wie der Literaturkritiker Kämmerlings feststellte. Es ist eine provokative Sicht einer kleinen, elitären Schicht. In Büchern wie dem von Nina Pauer findet sich aber zweifelsohne immer ein Funken gesellschaftspolitischer Wahrheit, vielleicht tun wir gut daran, diesen zu erkennen und den für uns unstimmigen Rest zu vergessen. Und ansonsten gilt noch immer die vermeintlich banale Volksweisheit: «Geteiltes Leid ist halbes Leid.» (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 25.01.2012, 15:51 Uhr
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5 Kommentare
(Fortsetzung nach Teil 1) Und auch wenn einige von euch meine Meinung nicht teilen und mich für einen unverbesserlichen Traditionalisten halten, so ist es halt eben doch so das viele Verhaltensweisen wie andauerndes Fremdgehen, Lügen, Ellenbogen raus ich komme, etc. auf Dauer einfach NICHT funktionieren! Ganz egal wie schön man die Realität reden will... Antworten
(Forstestzung Teil 3) Eine Betrüger ist und bleibt ein A***ch. Eine Scheidung ist und bleibt einfach scheisse. Lügner und Opportunisten zerstören unser Vertrauen und sind NICHT Helden weil sie viel Geld verdienen... Das sind bittere Warheiten denen wir uns nicht entziehen können. Und es sind genau die Dinge die uns heute fehlen, eben der Kompas, der uns sagt: "Ja, du machst es richtig"... Antworten

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