«Beim Beatboxen ist scheinbar nichts unmöglich»

Von Joel Gernet. Aktualisiert am 24.03.2010

Der Basler Beatboxer und Top-Secret-Tambour Ciaccolo beherrscht den Rhythmus – auf der Trommel und mit dem Mund. Kommendes Wochenende organisiert er am BScene-Festival zum zweiten Mal das «Grand Beatbox Battle».

1/8 Claudio Rudin zusammen mit Top Secret am Basel Tattoo 2009: Die letzte Formation vor dem grossen Finale des Basel Tattoo markierte einen der Programmhöhepunkte. (Video: Joël Gernet)

   
Meister des Rhythmus: Der Basler Beatboxer und Top-Secret-Tambour Claudio Rudin (25) alias Ciaccolo.

Meister des Rhythmus: Der Basler Beatboxer und Top-Secret-Tambour Claudio Rudin (25) alias Ciaccolo. (Bild: Henry Muchenberger)

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BaZ: Täuscht es oder hat das Beatboxen in den vergangenen Jahren einen regelrechten Boom erlebt?
Claudio Rudin: Ja, das Beatboxen hat eindeutig an Bekanntheit gewonnen. Beatboxer sind für viele Musiker – nicht nur in der Hip-Hop-Szene – kaum mehr wegzudenken. Ich stand zum Beispiel schon öfter mit der Allschwiler Reggae-Gruppe Schwellheim auf der Bühne – etwa beim Charivari oder an der BScene. Und die Basler Electropop-Band The Bianca Story hat kürzlich einen Song mit dem Aargauer Beatbox-Weltmeister ZeDe präsentiert.

Die Beatbox-Technik wurde – auch dank ZeDe — stark verfeinert. Fast jedes Geräusch scheint imitiert werden zu können. Gibt es Grenzen?
Ich musste feststellen, dass dem Beatboxen praktisch keine Grenzen gesetzt werden können. Geräusche, die mir lange zum Imitieren unmöglich erschienen, bekam ich später von anderen Artisten zu hören. Nichtsdestotrotz wird es dem Menschen ohne technische Unterstützung wohl kaum möglich sein, mit dem Mund mehr als zwei Töne gleichzeitig von sich zu geben. Ich vertrete diese Meinung trotz allem mit Vorbehalt – denn scheinbar ist nichts unmöglich.

Als Beatboxer bewegen Sie sich in der Hip-Hop-Jugendkultur. Als Trommler beschäftigen Sie sich mit Militärmärschen und Basler Traditionen. Verbinden Sie diese beiden scheinbar völlig unterschiedlichen Welten auch?
Wie sich bei meiner Beatbox-Einlage an der Top-Secret-Show gezeigt hat, wirkt sich das Verbinden andersartiger Welten in der Musik positiv aus. Bei Top Secret integrieren wir eine kleine Portion der rebellischen Hip-Hop-Jugendsitte. Und beim Beatboxen wiederum kann ein Bruchteil an militärischer Disziplin nicht schaden.

Beim Beatboxen wird zwangsläufig Spucke abgesondert. Müssen die Mikrofone während eines Wettbewerbes ausgetauscht oder speziell gereinigt werden?
Grundsätzlich werden die Mikrofone an einem Beatbox-Battle nicht ausgetauscht. Auf der Bühne gibt es für die Akteure immer mindestens zwei Mikrofone, wobei jeweils nur eines benutzt wird. Das gebrauchte Mikrofon wird nach jedem Showcase durch die Beatboxer selbst oder von einem Jurymitglied mit einem Desinfektionsspray gereinigt.

Was ist schwieriger – professionelles Beatboxen oder Showtrommeln bei Top Secret?
Claudio Rudin: Eine sehr schwierige Frage. In beiden Fällen steht die Unterhaltung des Publikums im Vordergrund. Beim Beatboxen stehe ich alleine im Mittelpunkt. Man könnte deshalb denken, dass dies die grössere Herausforderung ist. Als Beatboxer bin ich allerdings vollkommen frei, habe keine Vorgaben und keinen definitiven Showablauf. Allfällige Fehler kann ich so ohne Weiteres überspielen. Showtrommeln ist das komplette Gegenteil. Ich bin nicht alleine – ein sehr angenehmes Gefühl –, muss aber die Show mit allen Details exakt so präsentieren wie alle anderen des Drum Corps. Fehler kann ich mir da nicht erlauben.

Bei beiden Disziplinen steht der Rhythmus im Vordergrund. Was fasziniert Sie an diesem unmelodiösen Sound?
Schon als kleiner Junge haben mich Beats in ihren Bann gezogen. Aus Pfannen und Deckeln habe ich mir mein eigenes Schlagzeug gebaut und täglich Michael Jackson gehört. Obwohl eine Trommel grundsätzlich nicht melodiös ist und nur einen einzigen Ton erzeugen kann, gibt sie mir viel mehr als nur Rhythmus. Sobald ich einen Beat fühlen kann, höre ich eine Melodie, die sich in meinen Ohren wie Musik anhört.

Haben Sie ein Lieblingsgeräusch beim Beatboxen?
Ja. Es tönt wie ein Woodblock, ein Perkussionsinstrument aus Hartholz. Den vorderen Teil der Zunge drücke ich dabei stark an den Gaumen und versuche, mit der Zungenmuskulatur ein Vakuum zu erzeugen. Dieses löse ich wieder und es ertönt der knallige Effekt eines Woodblocks. Zeitgleich verändere ich mit meinen Wangen die Grösse der Mundhöhle und kann damit die Tonhöhe des Geräusches varieren.

An der Top-Secret-Show in der St. Jakobshalle haben Sie mit einer Beatbox-Einlage überrascht. Wie haben die Leute, die ja eher aus der Fasnachts- als aus der Hip-Hop-Szene kommen, reagiert?
Die Reaktionen waren sehr positiv. Viele Besucher zeigten sich überrascht, dass so etwas überhaupt machbar ist. Das grösste Lob erhielt ich jedoch von Personen, die vollkommen überzeugt waren, dass alles eine Täuschung ist. Für mich ist es ein lustiges Gefühl, dass einige meine Geräusche für unmöglich halten.

Haben Sie je versucht, das Trommeln und das Beatboxen miteinander zu verbinden?
Beim Beatboxen werden ja in erster Linie Drum-Geräusche imitiert. Ideen waren vorhanden, allerdings bereitete mir die Umsetzung gewisse Schwierigkeiten. Was die Zukunft noch mit sich bringt, weiss ich nicht. Eine Verschmelzung der zwei Disziplinen könnte sich sicherlich lohnen.

Die Top-Secret-Trommelschule soll neu für eigenen Nachwuchs sorgen. Werden Sie dort auch unterrichten?
Ja, voraussichtlich werde ich die 16- bis 18-Jährigen mit dem Showtrommeln bekannt machen. Ziel der «Drummelschuel» ist aber nicht primär das Showtrommeln. Bis zur zweiten Stufe fördert sie hauptsächlich das traditionelle Basler Trommeln. Erst anschliessend lernen motivierte Tambouren diverse Showstücke im Top Secret Junior Corps. Uns ist wichtig, dass die Schüler das Cliquen- und somit das traditionelle Basler Trommeln weiterhin ausüben. Dies setzen wir als Anforderung unabdingbar voraus.

Sie werden also an der Top-Secret-Trommelschule unterrichten: Kann man dann bei Ihnen auch gleich Beatbox-Tipps einholen?
Würde der Fall eintreten, dass einer meiner Trommelschüler sich fürs Beatboxen interessiert, bin ich sicher bereit, ihn zu beraten. Dies soll aber keinen Einfluss auf den Trommelkurs haben, denn dort gilt es, Trommelskills zu lernen und zu perfektionieren.

Wie lange dauert es, eine neue Top-Secret-Show auf die Beine zu stellen?
Eine neue Show einzustudieren, ist ein unvorstellbar langer Prozess, der nicht einfach anhand einer Zeitspanne definiert werden kann. Meist werden viele neue Elemente ausprobiert und die interessantesten Abschnitte dann in neue Show eingebaut. Mit der Zeit erkennen wir, auch durch Reaktionen von Auftritten, was dem Publikum gefällt oder nicht. Schlussendlich ist es ein fliessender Prozess, bis eine neue Show steht und bühnen- sowie tattooreif ist.

Und welche Elemente einer Top-Secret-Show kommen beim Publikum besonders gut an?
Wie wir im letzten Jahr feststellen konnten, sind die Feuertrommelschlegel beim Publikum sehr gut angekommen. Für mich hingegen bleiben das immer kniffligere Schlegelwerfen und das rasante Finale mit den Schlägen auf der Nachbarstrommel weiterhin Highlights der Show. (Basler Zeitung)

Erstellt: 24.03.2010, 13:24 Uhr

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