Kultur

Berlin bangt um eine Kultur-Ikone

Von David Nauer, Berlin. Aktualisiert am 25.08.2010

Das Berliner Kunsthaus Tacheles soll geräumt und an einen privaten Investor verhökert werden. Künstler und Politiker sind entsetzt, aber machtlos.

1/7 Protest gegen den Abriss.
Bild: Keystone

   

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Streng genommen ist das Tacheles kein Kultur-Tempel, es ist eine Ruine, Müll liegt im Hof, im Treppenhaus riecht es nach Urin. Und doch nennen sie diesen Ort die «kreative Mitte Berlins». Über 100 Künstler – Maler, Schauspieler, Musiker – haben sich eingenistet, seit zwanzig Jahren schon. Die Lage ist exzellent: Das ehemalige Kaufhaus, ein prachtvoller Bau der Kaiserzeit, steht an der Oranienburgerstrasse, im Herzen Berlins. Touristenströme ziehen durch, hier reiht sich Boutique an Boutique, es wimmelt von Cocktail-Bars und Ethno-Kneipen. Nachts schaffen, mitten im Trubel, Prostituierte an.

Doch das Tacheles ist bedroht. Die Hamburger HSH Nordbank, die Gläubigerin des eigentlichen Eigentümers, will das kreative Zentrum zwangsversteigern – und zuvor räumen lassen. Die marode Immobilie hat Umschwung. Weitläufiges Brachland gehört dazu, es existieren Pläne, hier Dutzende Häuser zu bauen, Hotels, Läden, Wohnungen.

Die Stadt soll einspringen

Ob es je so weit kommt? Die «Anzugsträger aus Hamburg» (Berliner Szenejargon) haben jedenfalls renitente Gegner, allen voran Martin Reiter. Der gross gewachsene Mann mit der Löwenmähne, den wässrig-hellblauen Augen und der Vorliebe für grelle Klamotten ist so etwas wie die graue Eminenz das Tacheles. Reiter will das kunterbunte Kulturhaus erhalten – am besten mithilfe der Stadt. Diese könnte die Immobilie erwerben, «so um die 28 Millionen Euro», schätzt der geborene Wiener. «Ein Schnäppchen.» Dann würden Künstler, Beamte – und Martin Reiter – den Kunsttempel «weiterentwickeln», wie er sagt. «Auch private Investoren wären willkommen, aber erst an zweiter Stelle.»

Die klamme Stadtregierung winkt ab. «Wir haben kein Geld», sagt Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz. Gleichwohl würden er und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit weiter für das Tacheles kämpfen. Schliesslich bringe es mit seiner Kunst jedes Jahr bis zu 400 000 Besucher in diese Ecke von Berlin, es sei in jedem Reiseführer vermerkt. Dies, kalkuliert Schmitz, könnte auch einem potenziellen Investor nützen. Die Rechnung: Jemand überbaut für viel Geld das Areal, lässt aber das Tacheles stehen. Die Kunstfans kommen weiter in Scharen und geben nebenbei Geld aus in neu entstandenen Hotels, Restaurants oder Läden.

Die Hamburger Bank sieht es anders, «verkürzt», wie Schmitz es nennt. Für die Banker sei das Tacheles «gammelig». Eine Beurteilung, der sich der Kulturstaatssekretär grundsätzlich anschliesst, auch wenn er meint, genau dies mache den Charme des Kulturhauses aus. «Andere finden das gerade interessant.»

Symbol für Berlins Wende

Im obersten Stock des Tacheles stellt Alexander Rodin seine Werke aus, ein lebenserfahrener Künstler aus Weissrussland. Der grosszügige Saal ist voll gestellt mit apokalyptischen Bildern, ein Todesreiter stürmt gegen Pendlermassen, dort greifen Riesenhände nach Planeten, woanders schaut ein Baby erschreckt auf den Betrachter. Dazwischen spazieren Touristen in kurzen Hosen, die Kamera umgehängt. «Das Tacheles ist der beste Ort für Künstler, auf der ganzen Welt», sagt Rodin. Er selber kommt seit Jahren regelmässig her. Was aber passiert, wenn es das Tacheles dereinst nicht mehr gibt? «Dann», sagt er, «wäre Berlin eine Stadt wie jede andere.»

Darin liegt denn auch die Sprengkraft des ganzen Konflikts. Das Tacheles ist nicht einfach nur ein heruntergekommenes, besetztes Haus im Stadtzentrum. Es ist ein Symbol für Berlins Aufbruch nach der Wende. Damals, kurz nach dem Mauerfall, drangen Ostberliner Künstler in das leer stehende Gebäude ein. Bald entstand ein Zentrum der sogenannten Off-Kultur, jener Kultur, die jenseits von Museen und grossen Konzertsälen wohnt.

Ein Theater liess sich im Tacheles nieder, eine Bar. Irgendwann kamen die Touristen, denen das authentische Berlin-Feeling gefiel, etwas schäbig, etwas kaputt. Eben nicht so gepützelt wie in Stuttgart, Paris, Zürich. Die deutsche Hauptstadt ist arm – der Krieg und die Teilung haben vieles zerstört. Sie ist aber auch sexy, sie bietet Platz und Raum, zum Leben und zum Träumen, oder auch, um mit Kunst zu experimentieren.

Gammel und Glamour

Von diesem Ruf lebt das Tacheles noch, auch wenn es laut Kulturstaatssekretär Schmitz «als Ort der zeitgenössischen Kultur nicht mehr dieselbe Bedeutung hat wie früher». Bereits gibt es andere Untergrund-Galerien, rümpfen viele Künstler die Nase, wenn sie Tacheles hören. Das Ganze sei ein «AvantgardistenStreichelzoo» spottete einst die «Süddeutsche Zeitung». Auch Martin Reiter schwant Böses. Er glaubt, dass viele «Geschäftemacher» versuchten, mit der Marke Tacheles Geld zu verdienen. «Bei der Vorstellung, dass es irgendwann einen Tacheles-Turnschuh gibt, wird mir schlecht», sagt er.

Es ist der alte Streit zwischen Geld und Geist, zwischen Gammel und Glamour. Das Berliner Stadtzentrum erleidet ihn gerade an mehreren Fronten. Ein weiteres prominentes Beispiel ist die Fotogalerie C/O Berlin im ehemaligen kaiserlichen Postfuhramt, nur wenige Hundert Meter vom Tacheles entfernt. Hier zeigen private Betreiber Fotoausstellungen von Weltformat. Derzeit etwa Bilder der Agentur Magnum. Doch auch die C/O Berlin soll weichen. Ein Investor hat das prachtvolle Gebäude gekauft und will ein Nobel-Hotel und ein Einkaufszentrum einrichten.

Gelassen bleiben mit Goethe

Viele Berliner befürchten, die Oranienburgerstrasse werde endgültig zur Fressund Amüsiermeile, zum Konsum-Strich für die Massen. Das Stichwort «Gentrifizierung» macht die Runde.

Wäre diese Umstrukturierung auf Kosten der Einkommensschwachen ein Grund zur Panik? Nicht für alle. Im Gegensatz zu den Tacheles-Betreibern sehen die Fotogaleristen von C/O Berlin die Sache gelassen. Sie akzeptieren, dass ihnen der Eigentümer gekündigt hat, und suchen eine neue Bleibe. Ganz nach einem Goethe-Zitat, das sie zu ihrem Motto erhoben haben: «Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Schönes bauen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2010, 07:14 Uhr


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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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