Analyse

Das unrühmliche Ende der Hipster

Skinny Jeans, bunte Schals, Nerd-Brillen - die Hipster sind im Mainstream angekommen und werden im Internet als Möchtegern-Avantgarde lächerlich gemacht. Aber was ist eigentlich hip?


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Cool wurde um die Ecke gebracht. Unter dringendem Tatverdacht steht der Hipster. Er trägt skinny Jeans, bunte Schals und T-Shirts mit V-Ausschnitt. Dazu Hut, Nerd-Brille und Oxfords. Er hört nur die angesagteste Musik. Er ist unheimlich kreativ und abgeklärt und durchgestylt bis auf die Zellstruktur und wappnet sich gegen die Unbill des Lebens mit Ironie. Man findet ihn in Bars wie «Dini Mueter» an der Zürcher Langstrasse, in den coolen Quartieren in Londons East End, im Brooklyner Viertel Williamsburg. Aber es scheint, als habe der Hipster mit seinem Selbstverständnis als Speerspitze der modischen und musikalischen Avantgarde ausgedient.

«Has the Hipster killed cool in New York?» fragt das New Yorker Magazin «Time Out». Und wundert sich weiter, wann das alles begann. «War es, als Chloe Sevigny an Vincent Gallo Fellatio vollzog? Oder als American Apparel den Soft-Porn-Stil den Bankern anzudrehen begann?» Nicht nur New York hat genug von den schrillen Hipstern, die sich so furchtbar wichtig nehmen und vor allem Lärm machen. Als eines Nachmittags eine Flutwelle von Hipstern im Londoner Hackney-Quartier ihr Soundsystem dröhnen liessen, startete ein um den Schlaf gebrachter Nachbar «Hackney Hipster Hate Photoblog». Jetzt verhöhnt dieser Blog die modisch avancierten jungen Poseure, indem er ihnen Zitate in den Mund legt.

Anti-Hipster-Blogs haben Hochkonjunktur. Im April 2009 startete der amerikanische Komiker Joe Mande seinen Blog «Look At This Fucking Hipster», im July 2009 zogen die US-Autoren Brenna Ehrlich and Andrea Bartz mit «Stuff Hipsters Hate» nach, ein Blog, aus dem bereits ein Buch entstanden ist. Im Januar 2010 wurde der «Unhappy Hipsters Photoblog» aufgeschaltet.

Intime Kenntnis der Hipster-Seele

Wer Ende der Nullerjahre hip sein will, so scheint es, macht sich über Hipster lustig. Natürlich tut man das nicht erst seit gestern, aber diesmal kommt der Spott sozusagen aus den eigenen Reihen. Deshalb sind diese Blogs auch so lustig, weil sie von Leuten geschrieben werden, die die Hipster-Seele bis in den letzten Winkel zu kennen scheinen. Der Hipster, so die Kritik, fetischisiert das Authentische und gibt es völlig unauthentisch wieder von sich. Da werden soziokulturelle Strömungen von Beat über Jazz bis zu Hippie und Punk zitiert, daraus stückelt sich jeder eine Identität zusammen. Verbunkert hinter seinem ironischen Schutzschild, nährt sich der Hipster auch vom Uncoolen, macht sogar White Trash schick. Mit diesem Repertoire des Bedeutungslosen simuliert er Rebellion, obschon die Möchtegern-Bohemiens heute eher Broker als Kunstschulabgänger sind und die Style-Seiten der Modemagazine ebenso beherrschen, wie die Phantasien der Marketingfachleute. Also alles andere als cool.

Oder vielleicht doch? Der Autor John Leland hat in seinem Buch «Hip: The History» den Begriff «Hip» zu seinen Wurzeln zurückverfolgt. Hip ist ein uramerikanischer Anti-Establishment-Ausdruck, der erstmals im 18. Jahrhundert bei den aus Afrika verschleppten amerikanischen Sklaven auftauchte und sich zum Abgrenzungs- und Integrationsbegriff von schwarzer und weisser Kultur entwickelte. Typischerweise spielte er in sozial und künstlerisch besonders dynamischen historischen Perioden eine Rolle – von der Erfindung von Blues, über die Bohemiens der Dreissigerjahre zu Jazz und Bebop bis zu Funk und Hip Hop. Hip wurde immer dann bemüht, wenn sich neue Kunstformen entwickelten, welche wiederum neue Kriterien dafür lieferten, was als «cool» angesehen wurde.

Wenn der Hipster als Zitatelektion des Coolen heute derart Mainstream geworden ist, dass er alle nur noch nervt, heisst das aber noch lange nicht, das nie mehr etwas hip oder cool sein wird, wie es mal war. Das Differenzierungsmerkmal «hip» habe sich schon immer bewegt, weg von alten Polaritäten, über die es sich definierte, zu neuen, die es akzentuierte, so Leland von schwarz vs. weiss, zu schwul vs. hetero, zu Yuppie vs. Indie, und so weiter. Heute muss sich «hip» in einer Welt re-etablieren, wo scheinbar alle alten Polaritäten zu Posen verkommen sind. Vielleicht ist dies der Anfang der neuen Ernsthaftigkeit: It’s hip to be square. Jedenfalls bis zur nächsten Erschütterung. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.10.2010, 15:05 Uhr

Infobox

John Leland: «Hip: the history», 384 S., Ecco 2004.

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