Kultur
Die Empörung danach
Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 13.07.2011 2 Kommentare
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Die Polizei sei dermassen tief in diesen Medienskandal verstrickt, schreibt der britische «Guardian», dass sie einem vorkomme wie Murdochs Privatarmee. Es stimmt: Der Hack- und Abhörjournalismus von Robert Murdochs Blättern wie «News of the World», «Sun» und selbst der «Sunday Times» lässt sich ohne mächtige Hilfe von aussen nicht erklären. Diese Zeitungen funktionierten als Instrument, das unter dem Vorwand der Aufklärung politische Gegner blossstellte. Und das alles im Namen des Volkes, auf das sich Murdochs Medien so gerne berufen. Ein ultrakonservativer Milliardär kontrolliert die Politik im angeblichen Auftrag seiner Leser.
Gerade ohne die Leser wäre das alles nicht möglich. Also ist nicht die Polizei Murdochs Privatarmee, sie liefert höchstens die Meldeläufer. In Wahrheit rekrutiert sich Murdochs Armee aus der Leserschaft. «News of the World» erreichte seine Spitzenauflage nicht trotz, sondern wegen seiner Recherchemethoden. So heftig die Empörung in England wogt, so schockiert sich Leserinnen und Leser geben, so sehr sie die Rücksichtslosigkeit verurteilen, mit der Journalisten sich ihre Denunziationen besorgten: Die Aufregung hat etwas sehr Verlogenes.
Denn: Hätte Murdoch seine grösste Zeitung nicht aus strategischen und also finanziellen Gründen eingestellt, um nämlich weitere Geschäfte zu tätigen, hätte «News of the World» ihre Auflage von knapp drei Millionen nach kurzer Anstandsfrist wieder erreicht, und dann wären auch die Inserenten zurückgekehrt. Dasselbe zeigte sich schon nach dem Tod von Lady Diana. Zwar erklärte eine zornige Öffentlichkeit die Paparazzi kollektiv zu Mitmördern. Doch keine der Zeitungen, die solche Fotografen einsetzte, hat sich in der Folge schlechter verkauft.
Der Widerspruch zwischen Haltung und Verhalten gründet im Voyeurismus: der Schaulust aus der sicheren Entfernung heraus, das Sehen, ohne beim Sehen gesehen zu werden. Rupert Murdoch und seine Vasallen sind eine Gefahr für die Demokratie. Aber ihre Kunden sind daran mitschuldig: Sie belohnen sie mit ihrer Aufmerksamkeit. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.07.2011, 08:33 Uhr
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2 Kommentare
Es ist schon gut, auch mal uns scheinheilige Medienkonsumenten dran zu nehmen. Wenn jene Medien die höchsten Auflagen und Zuschauerquoten erzielen, die - erkennbar - so arbeiten wie News of the World + Co, heisst das: Viele Medienkonsumenten wollen solchen Schmuddel und Schlüssellochkram und sie sind auch bereit, dafür zu zahlen. Dann kriegen sie's halt. Keine Entschuldigung, aber eine Erklärung. Antworten
Läuft bei unseren Schweizer Medien genau gleich. Auch da wird vieles berichtet das – vielleicht nicht grob über das gesetzlich erlaubte, aber immer hart an der Grenze – sicherlich über den Anstand hinaus geht. Zwar regen sich alle darüber auf dass vorverurteilt, privates durchleuchtet, Schlagzeilen aus dem Zusammenhang gerissen werden usw. aber gekauft werden die Blätter trotzdem. Antworten
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