Kultur

Die Leitneurose unserer Gesellschaft

Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 08.02.2012 29 Kommentare

Alle wollen schlank und schön sein – was zunehmend in Essstörungen endet. In der Schweiz sind besonders viele Personen betroffen.

1/7 Dieses Bild gab zu Spekulationen Anlass, wenig später musste Schauspielerin Demi Moore wegen eines Zusammenbruchs in die Klinik eingeliefert werden. Dort lässt sie sich wegen Magersucht behandeln.

   

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Für eine weitere Studie mit dem Ziel, die Zusammenwirkung zwischen Hormonhaushalt und Essverhalten zu erfassen sucht das Psychologische Institut Zürich 40 bis 60-jährige Frauen. Zusätzlich werden 40 bis 60-jährigen Frauen gesucht, welche in ihrer Jugend an Magersucht gelitten haben.
Bei Interesse melden Sie sich bitte unter:
mitten-im-leben@psychologie.uzh.ch

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Portia de Rossi: Das schwere Los der Leichtigkeit, mvg Verlag, 2011.

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Die erfolgreiche Triathletin Chrissie Wellington hat gerade ihre Autobiographie «A Life Without Limits» veröffentlicht, in der sie den Ausgangspunkt für ihre Sportkarriere benennt: Sie litt als Teenager unter Anorexie und Bulimie. So wie viele andere erfolgreiche Frauen: Charlotte Roche, Kate Winslet, Nicole Richie, Mary-Kate Olsen – sie alle haben schon öffentlich über eine überwundene Essstörung gesprochen. Die Schauspielerin Portia de Rossi hat gerade ein Buch dazu geschrieben. In «Das schwere Los der Leichtigkeit» berichtet sie vom Erwartungsdruck und der Unsicherheit, welche sie in Magersucht und Bulimie getrieben haben. Doch nicht nur junge Frauen sind betroffen. Neuerdings gehören auch Frauen in den Wechseljahren zur Risikogruppe. Demi Moore beispielsweise musste sich zwei Wochen in eine Klinik einliefern lassen, weil sie zusammengebrochen ist. Dort lässt sie sich jetzt wegen Essstörungen behandeln.

Schweiz besonders betroffen

Das Problem betrifft längst nicht nur Prominente, aber oft Frauen unter Leistungsdruck. Eine neue Studie des Bundesamts für Gesundheit ergab, dass es in der Schweiz rund 205'000 Menschen mit Essstörungen gibt. Dies sind fast dreimal so viele Betroffene wie in Deutschland und doppelt so viele wie in Holland. Bedenklich ist, dass die Patientinnen immer jünger werden, bereits Erstklässler schlagen sich mit Gewichtsproblemen herum, wie Dagmar Pauli, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uni Zürich, sagt. Das habe auch mit den Müttern zu tun, so Pauli. Denn die sprächen immer öfter am Familientisch über Kalorien, Gewicht und Körperbewusstsein.

Vielleicht, weil sie selber zu einer neuen Risikogruppe für Essstörungen gehören, wie eine Studie des Psychologischen Instituts der Universität Zürich nahelegt. Immer mehr Frauen im mittleren Alter bekommen es mit Essstörungen zu tun. Bemerkenswert ist dabei, dass nicht nur Frauen mit einem geringen Selbstwertgefühl betroffen sind, sondern auch Frauen mit einem guten Selbstwertgefühl, sagen die Autorinnen.

Wie die Pubertät sind auch die Wechseljahre eine Zeit grosser Hormonumstellungen, erläutert Ulrike Ehlert, die an der Studie beteiligt war. Heutige Frauen im mittleren Lebensalter haben ein anderes Rollenverständnis als noch ihre Mütter. «Diese Frauen stehen mitten im Leben und wollen gut aussehen», so Suzana Drobnjak, Mitverantwortliche für die erwähnte Studie. Der Alterungsprozess führt vor allem jene in die Krise, deren Selbstwertgefühl eng mit der körperlichen Erscheinung verknüpft ist. Denn im Klimakterium nehmen Frauen im Schnitt drei bis vier Kilo zu. Viele versuchen dem mit einer rigiden Kontrolle ihres Essverhaltens entgegenzuwirken. Und gleich noch den Alterungsprozess unter Kontrolle zu bekommen.

Kontrolliertes Essverhalten - ein Gebot der Vernunft

Die zwanghafte Beschäftigung mit dem Essen sei, so sagt Ehlert, durchaus ein gesamtgesellschaftliches Phänomen unserer Zeit. Dem Imperativ, zu sich zu schauen, kann sich tatsächlich kaum jemand entziehen. Wir leben in einer Optimierungsgesellschaft, die uns permanent dazu anhält, unser Leben und unseren Körper zu gestalten, uns möglichst gesund zu ernähren, Schadstoffe wegzulassen und fit zu bleiben. Und nicht immer ist die Grenze zwischen einem normal kontrollierten und einem krankhaften Essverhalten, zu dem auch die Sport-Magersucht oder die exzessive Beschäftigung mit möglichst gesunder Nahrung gehört, einwandfrei auszumachen.

Die Grenze, so Ehlert, liege bei 17,5. Das ist der Body-Mass-Index, der die Grenze zwischen normalem Körpergewicht und behandlungsbedürftigem Untergewicht festschreibt. Bei Frauen in den Wechseljahren gelte es jedoch, die natürliche Gewichtszunahme im Klimakterium zu berücksichtigen. Sind wir also alle tendenziell etwas essgestört – oder zumindest anfällig auf eine entsprechende Störung? Nein, sagt Ehlert. Zwar seien Frauen tendenziell eher gefährdet, weil sie ihren Selbstwert viel eher an Äusserlichkeiten festmachen als Männer, die andere Zielsetzungen im Leben haben und sich weniger übers Äussere definieren.

Grundsätzlich sei es aber durchaus vernünftig, ein gezügeltes Essverhalten an den Tag zu legen. «Wir leben in einer Gesellschaft, in der Nahrung im Überfluss vorhanden ist. Eine Selektion zu treffen, ist da ein Gebot der Vernunft.» Der springende Punkt ist, wie sehr sich jemand zügelt. Dabei muss man zwischen flexiblem und zwanghaftem gezügelten Essverhalten unterscheiden. Die Flexibeln versuchen sich ausgewogen zu ernähren, aber sie gestatten sich auch mal Ausnahmen. Erst, wenn die Kontrolle zum Zwang wird und den ganzen Alltag bestimmt, müssen die Alarmglocken läuten.

Essstörungen nehmen zu - und es sind vor allem Frauen davon betroffen. Morgen sagt Psychologin Nicola Lausus, warum das so ist und inwiefern das auch mit den Folgen der Emanzipation zu tun hat. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.02.2012, 11:59 Uhr

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29 Kommentare

Jonas Brunner

08.02.2012, 12:59 Uhr
Melden 24 Empfehlung

Sorry, aber die Authorin hat ja wohl ein völlig verdrehtes Weltbild. Die Mehrheit unserer Gesellschaft ist übergewichtig. Und wenn 200k Essstörungen haben (völlig übertrieben), dann haben ca. 4 Mio Übergewicht. Ohnehin habe ich den Verdacht, dass dicke Leute eher faul sind und lieber schlanke Leute kritisieren, anstatt sich gesund zu ernähren und Sport zu machen (darum sind sie ja dick). Antworten


Thomas Weyerling

08.02.2012, 13:25 Uhr
Melden 18 Empfehlung

205 000 Personen in der Schweiz mit Essstörungen gemäss Bundesamt für Gesundheit?! Dass ich nicht lache! Zählen die die Fettsüchtigen nicht dazu?! Ob man sich mager hungert oder dick isst - beides ist essgestört. Die Zahl stimmt also nicht; sie ist viel zu tief. Antworten




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