Kultur
Die Mode der Staatsfeinde
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 29.06.2011 7 Kommentare
Artikel zum Thema
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Die Sittenwächter im Iran haben es diesen Sommer nicht nur auf Frauen abgesehen – neuerdings sind auch Herrenfrisuren wie der Pferdeschwanz, der hochgegelte Hahnenkamm und der Retro-Vokuhila – vorne kurz, hinten lang – im Visier der Sittenwächter.
Von einem westlichen Standpunkt scheint das lachhaft – scherzhaft könnte man den Sittenwächtern sogar dankbar sein, wenn sie ihre Untertanen vor solch modischen Verirrungen bewahren.
Zeigen, wer man sein möchte
Doch die Sache hat tatsächlich einen ernsten Hintergrund. Nicht, dass modische Trends selber politische Prozesse in Gang bringen könnten. Aber traditionellerweise drückt sich politische Opposition immer auch modisch aus. Schliesslich kommuniziert der Mensch immer über Zeichen, wozu auch die Kleidung, Frisuren und Accessoires gehören. Über Mode bringt man vielleicht nicht so sehr zum Ausdruck, wer man ist, sondern wie man wahrgenommen werden möchte.
Mode als Zeichen politischen Protestes hat eine lange Tradition. Man denke nur an die phrygischen Mützen, welche die Jakobiner während der Französischen Revolution trugen, um ihre demokratische und republikanische Gesinnung zu demonstrieren. Später entwickelten die Suffragetten im Kampf für die politische Ermächtigung der Frauen ihren eigenen Kleiderstil, in den Sechzigerjahren gaben sich Schwarze mit der Afro-Frisur als Angehörige der Black-Power-Bewegung zu erkennen. Und als nach der Revolution von 1979 im Iran die Verschleierung für Frauen obligatorisch wurde, opponierten die Frauen, indem sie absichtlich farbige Modelle auswählten.
Korrosive Wirkung
Im Westen wird Mode eher als Mittel verstanden, die eigene Individualität zum Ausdruck zu bringen. So wird in der Anything-goes-Gesellschaft jeder oppositionelle Trend sofort vom Mainstream aufgesaugt, weshalb der Mode eine eher korrosive Wirkung auf kollektive Aktionen nachgesagt wird. Tatsächlich aber identifizieren sich alle sozialen und auch politischen Gruppen in irgendeiner Art über Zeichen, zu denen auch Modestatements gehören. Jegliche Art von Kleidung referiert nämlich letztlich auf eine Gruppe – auch wenn man nicht notwendigerweise wissen muss, zu welcher, geschweige denn, dazugehören muss, um sich entsprechend zu kleiden.
Gerade in autoritär geführten Gesellschaften hat die Mode ihre subversive Wirkung keineswegs verloren, weshalb nicht nur iranische, sondern auch alle anderen Sittenwächter ein scharfes Auge darauf haben. Und weil Mode ein per definitionem flüchtiges Medium ist, also stetig wechselt, müssen ironischerweise also genau jene Sittenwächter, die missliebige Modetrends bekämpfen sollen, wahre Fashionexperten sein.
In unserer Bildstrecke finden Sie eine Auswahl von Trends, die sich im Zuge politischer Bewegungen ausbildeten. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.06.2011, 10:26 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
7 Kommentare
Die arabischen Sittenwächter im Iran haben es diesen Sommer nicht nur auf Frauen abgesehen...
Wenn Iraner eins mehr hassen als Ihr diktatorisches Regime, dann sind es die Araber und der Islam, demzufolge sind die Sittenwächter hauptsächlich persische Iraner, nur wenige von Ihnen haben eine arbische Abstammung. Selbst diese sind Iraner und keine Araber.
Antworten
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Bitte warten







