Kultur
Die Ökonomie der Geschlechter
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 22.02.2012 10 Kommentare
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Dominique Strauss-Kahn wird verdächtigt, in die sogenannte «Carlton»-Affäre verwickelt zu sein. In dem Luxushotel in der nordfranzösischen Grossstadt Lille organisierte ein Kreis betuchter Geschäftsleute mithilfe eines belgischen Nachtklubbetreibers mit dem Künstlernamen «Dodo la Saumure» (Dodo der Salzhering) Orgien. Deshalb ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ihn nun wegen des Verdachts der «Beihilfe zur Zuhälterei» und der «Veruntreuung öffentlicher Mittel».
Er habe zwar an «freizügigen Abenden» teilgenommen, räumte Strauss-Kahn inzwischen ein, «normalerweise sind die Teilnehmerinnen an solchen Abenden jedoch keine Prostituierten.» «Dodo der Salzhering» widerspricht: «Wenn man eine junge Frau oder eine Dame seit einer Stunde kennt und dann Sex hat, dann sind das in der Regel bezahlte Dienste.» Ein interessanter Punkt. Heisst das für die Männer, dass jede Frau, die deutlich jünger und attraktiver ist und Sex von ihnen will, eine Prostituierte ist?
Wirtschaftlicher Vertrag
Besagte Damen waren Prostituierte, das dürfte fest stehen. Aber angenommen, Strauss-Kahn hätte Recht und die Frauen waren keine professionellen Prostituierten. Wieso sollten sie sich den Männern hingeben? Erliegen sie der Erotik der Macht, worüber sie selbst die Falten, Glatzen und Bäuche der Mächtigen vergessen? Beispiele gibt es genug. Monica Lewinsky kommt einem hier in den Sinn oder die unzähligen Mätressen eines François Mitterand.
Macht spielt sicher eine Rolle. Nicht zu ignorieren ist aber auch, was bei nichtprominenten Beziehungen zwischen jungen Frauen und älteren, gut situierten Männern der Fall ist; es besteht ein unausgesprochener wirtschaftlicher Vertrag: materielle Sicherheit gegen Sex – was natürlich zur Kardinalsfrage führt, die «Dodo der Salzhering» so pragmatisch abgehandelt hat: Wo hört eine Beziehung auf, wo beginnt die Prostitution? Doch die Frage ist schwieriger zu beantworten, als man denkt. Klar, eine Frau, die im Bordell Geld für sexuelle Dienste erhält – das ist eine Prostituierte. Was aber ist mit einer Frau, die sich wiederholt von einem Mann einladen lässt?
«Sex Contract»
Anthropologisch argumentiert: Jeder Beziehung zwischen Mann und Frau liegt ein Vertrag zugrunde, der individuell ausgehandelt wird, letztlich aber meistens so aussieht: Der Mann erhält Zugang zum Körper einer Frau, sie eine ökonomische Gegenleistung. Die US-Wissenschaftlerin Helen Fisher spricht in diesem Zusammenhang vom «Sex Contract» (Geschlechtervertrag). Freilich hat sich diese gegenseitige Abhängigkeit in den letzten Jahrzehnten durch die bessere Ausbildung und grössere ökonomische Selbstständigkeit der Frauen verringert – was sich prompt in einer rückläufigen Eheschliessungsrate niederschlägt.
Was heisst das nun für Frauen, die sich heutzutage von betuchten Männern aushalten lassen? Sind sie unemanzipiert? Oder setzen sie bloss ihr erotisches Kapital geschickt ein – und ist das gar eine Form von Selbstbestimmung? Geradezu einfach nimmt sich dagegen offenbar die Position der Männer aus. «DSK kann den Vorwürfen gelassen entgegensehen», so Strauss-Kahns Anwalt: «Denn bei diesen Partys sind ja die Hüllen gefallen. Und wer kann schon eine nackte Prostituierte von einer nackten normalen Frau unterscheiden?» (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 22.02.2012, 14:43 Uhr
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10 Kommentare
ich frage mich immer was so schlimm daran sein soll. noch zu erwähnen ist, dass frau heute in gewissen positionen auch auf "einkaufstour" geht. solange das zwischen zwei mündigen bürgern geschieht, ist an so einem "vertrag" nichts verboten. und moral liebe mitmenschen, moral ist nur eine vorstellung, und mittlerweile ein machtinstrument um unliebsamen gegnern eins auszuwischen. Antworten
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