Kultur

«Die Weltgeschichte der Menschheit beginnt erst jetzt»

Von Walter Niederberger, San Francisco. Aktualisiert am 22.01.2009 5 Kommentare

Der Zürcher Schriftsteller Hugo Loetscher hält sich zurzeit in Amerika auf. Der Weltreisende spricht über die Globalisierung und Barack Obama als Symbol für den Pioniergeist der USA.

«In Amerika werden die Konflikte direkter angegangen», meint Hugo Lötscher.

«In Amerika werden die Konflikte direkter angegangen», meint Hugo Lötscher.

zur Person

Hugo Loetscher, geboren 1929, gehört zu den wichtigsten lebenden Autoren der Schweiz. Er ist Zürcher und Kosmopolit zugleich. Nach Jahren als Journalist legte er 1963 den Roman «Abwässer» vor. Sein vielleicht bedeutendstes Werk ist der Roman «Der Immune» (1975). Zudem gibt es Erzähl- und Reportagenbände, Essays und Gedichte. Im Herbst soll bei Diogenes seine Autobiografie erscheinen. (TA)

Er ist eben angekommen mit der Schnellbahn aus Berkeley und wartet, lässig angelehnt an die Abschrankung, auf den Gesprächspartner. Der weit gereiste Hugo Loetscher wird dieses Jahr 80; aber er strahlt eine Lebensfreude aus, die ihn deutlich jünger erscheinen lässt. Wir haben uns im historischen Ferry Building in San Francisco verabredet, einmal einer der geschäftigsten Umsteigebahnhöfe für die Pendler der Region. Loetscher wundert sich, dass das Gebäude aus dem Jahr 1893 stammt und nicht schon 40 Jahre früher, zur Zeit des Goldrauschs, gebaut wurde. Es ist seine Art, sich kundig zu machen auf seinen ausgedehnten Reisen: Tatsächlich gabs hier schon 1849 eine Anlegestelle für die Boote der Goldgräber. Nur war sie nicht viel mehr als eine Bretterbude. Amerika ist für Loetscher kein fremdes Terrain. Vor fast 30 Jahren lebte er in Los Angeles und berichtete in «Herbst in der Grossen Orange» über seine Eindrücke. Die Wahl von Barack Obama bietet sich als Einstieg in unser Gespräch an.

Sie haben die USA öfters bereist und sich ausführlich mit der Rolle der Minderheiten befasst. Haben Sie die Wahl eines schwarzen Präsidenten für möglich gehalten?
Vor 20 Jahren hätte ich die Wahl eines Afro-Amerikaners für undenkbar gehalten. Aber Amerika lebt die Spannungen immer mehr aus als wir, die wir die Probleme eher verdrängen. Die Stärke der USA ist es, dass die Demokratie nicht perfekt sein muss wie bei uns. Es gibt zudem immer diese Möglichkeit der zweiten Chance. Insofern glaube ich, dass die Wahl eines Barack Obama in Europa kaum so rasch möglich gewesen wäre.

Warum bezeichnet sich Obama als schwarz, obwohl er zur Hälfte weiss ist?
Nur ein Tropfen schwarzes Blut macht einen in den USA bereits schwarz. Das ist in Brasilien oder Mexiko anders. Dort gibt es die Mischlinge, die Mulatten, als eigene anerkannte Gesellschaftsschicht. Obama ist an sich ein Mulatte, aber er kann sich nicht als das bezeichnen. Deshalb sehe ich die USA nicht als echten Schmelztiegel.

Obama scheint damit allerdings keinerlei Probleme zu haben.
Wenn mit Obama das schwarze Amerika zu einem neuen Selbstbewusstsein gekommen ist, ist das ein Entwicklungsmoment mehr, was den Schmelztiegel betrifft. Es gab einmal das Amerika der weissen, angelsächsischen Protestanten. Diese erste Identität wurde allmählich differenziert. Daneben gab es natürlich auch das schwarze Amerika. Nur wurde es kaum zur Kenntnis genommen, ausser in Musik oder Sport. Zur Bürgerrechtsbewegung eines Martin Luther King kam es nicht zuletzt dank der Literatur. Was sich damals anbahnte, findet mit dem jetzigen Präsidenten eine nationale Bestätigung. Ich sehe dies als gute Voraussetzung für eine Weltpolitik unterschiedlichster Credos und Ethnien.

Sie haben just an der Universität Berkeley über die multikulturelle Identität der Schweiz gesprochen. Was wollten die Studenten von Ihnen wissen?
Das Nebeneinander unserer Kulturen ist für diese Studenten eben spannend, viele stammen von asiatischen Eltern ab oder sind Chicanos. Jeroen Dewulf (Professor am Deutschen Seminar, die Red.) hat drei Filme gezeigt, nämlich «Das Boot ist voll», «Die Schweizermacher» und «Beresina». Als Student fühlte ich mich früher verpflichtet, das Klischee einer ländlichen Schweiz der Kühe und der Schokolade auszuräumen. Heute sage ich, die Schweiz ist mehr als nur die Banken. Ich habe viel über die urbane Schweiz gesprochen. Ich habe zudem darauf verwiesen, dass es etwa die Deutschen stört, wenn wir uns als weltläufig bezeichnen. Wenn wir Schweizer drei zusammenhängende Sätze formulieren, ist das einigen bereits suspekt. Ähnliche Erfahrungen machen auch die Minderheiten hier in den USA.

Gerade in der Schweiz gibt es indessen eine Faszination mit der amerikanischen Kultur, die in umgekehrter Richtung nicht besteht.
Es gibt keine umfassende schweizerische Identität. Nur schon die deutschschweizerische ist gebrochen zwischen Mundart und Hochdeutsch, aber auch zwischen Schweiz, Deutschland und Österreich. Nation und Kultur decken sich nicht. Deshalb greift man als Ersatz nach den USA. Die amerikanische Kultur ist aber eine Erfindung. Dieses Land ist nicht homogen. Der American Way of Life hält das Ganze zusammen. Was hat der Texaner sonst mit dem New Yorker gemeinsam? In L.A. kommen die Studenten als Surfer daher, in Seattle laufen sie wie Holzfäller herum. Unter dem konventionellen Mantel des amerikanischen Lebensstils können dafür die Konflikte auf brutalere, direktere Art ausgelebt werden als bei uns.

Sie waren über ein Dutzend Mal in Brasilien, waren letzten Herbst in Singapur, nun in den USA. Warum reisen Sie noch so weit und oft?
Ich habe vor mehr als 30 Jahren ein «Du»-Heft gemacht zu Chicago, später habe ich als Writer in Residence in Los Angeles die Westküste kennen gelernt. Was mir im Vergleich dazu heute an der Globalisierung auffällt, ist: Vieles, was wir für einzigartig halten, ist nur eine Variation eines ähnlichen Vorgangs anderswo. Wir finden es beispielsweise einmalig, dass wir Mundart sprechen, aber Hochdeutsch schreiben. Aber in Ägypten gilt das Gleiche. Den narrativen Teil schreiben ägyptische Autoren in Standardarabisch, dafür verfassen sie den Dialog im lokalen Dialekt. Auch die Chicanos aus Mexiko verfahren so. Der Poet Ricardo Sanchez etwa vermischt amerikanischen Slang mit dem Barrio-Spanisch. Seine Mexikanismen sind Brüder unserer Helvetismen. Das Gleiche versuchte übrigens bereits Jeremias Gotthelf, bevor ihn sein Berliner Verleger darauf aufmerksam machte, Berndeutsch könne niemand lesen. Mit der Globalisierung verlieren wir nichts, wir bekommen vielmehr neue Einsichten in diese Variationen.

Die Amerikaner sehen sich als auserwähltes Volk, und wer hier Präsident werden will, muss seine christliche Gesinnung belegen.
Es gibt eine bemerkenswerte Aussage des Schriftstellers Carl Hilty, einem Experten des Völkerrechtes, der die Schweiz an internationalen Kongressen vertreten hat. Er beschrieb explizit eine Schweizer Konföderation, die von Gott persönlich so geplant worden sei. Die Schweizer seien ein auserwähltes Volk, meinte Hilty. Mit Verlaub, weder die Schweizer noch Amerikaner haben Gott für sich gepachtet. Die Brasilianer betrachten Gott als den ihren; und so tun es auch die Mexikaner. Übrigens ist der Streit um die Minarette nur eine Wiederholung dessen, was ich früher selbst erlebte habe. Als meine Schwester in der Enge katholisch heiraten wollte, mussten wir vor der Kirche warten, bis es anderswo läutete. Die Katholiken durften damals zwar ein Gotteshaus samt Turm bauen, aber keine Glocken aufhängen. Das Problem hat man dann typisch schweizerisch gelöst, indem die Protestanten für die Katholiken geläutet haben. Eine Moschee ohne Minarett ist ein vergleichbarer Kompromiss.

Woher kommt Ihre Weltläufigkeit?
Ich gehöre zu jener Generation, die als erste nach dem Zweiten Weltkrieg reisen konnte. Dürrenmatt hat mir immer gesagt, Ihr konntet eben wieder raus, wir konnten das noch nicht. Paris war damals das intellektuelle Zentrum Europas, und war auch die Stadt, die als erste über sich hinauswies. 1951 habe ich dort Schwarze kennen gelernt aus Afrika und Antigua, Vietnamesen und andere Asiaten. Damit hat eine ungeheure Neugierde für das begonnen, was über die eigene Sache hinausgeht.

Dennoch kehren Sie stets nach Zürich zurück.
Heute erlebe ich, dass Zürich wie früher Paris immer mehr über sich hinausweist. Zürich hat den Riesenvorteil, dass die deutschsprachige Kultur nicht zentralistisch ist. So kann die Stadt neben Frankfurt, Berlin und Hamburg bestehen. Ich erinnere mich noch, als meine Mutter mich einmal zur Bahnhofstrasse brachte. Es habe dort einen Neger, das waren ihre Worte; den müssten wir anschauen gehen.

Solche Zeiten scheinen ein Jahrhundert zurückzuliegen, nicht wahr?
Genau darauf gehe ich in meinem neuen Buch ein. Es heisst «War meine Zeit meine Zeit?» und erscheint zu meinem 80. Geburtstag im August. Darin beschreibe ich mein Leben anhand konkreter Begebenheiten und zeige, wie sich ein globales Bewusstsein ausbilden konnte. Ein Beispiel nur: Auf meiner Maturareise habe ich in Sizilien erstmals Pizzas gesehen. Später habe ich in Mailand danach verlangt und wurde als Süditaliener ausgelacht. Italien war zwei verschiedene Länder. Es kommt mir vor, als hätte ich in einer prähistorischen Zeit gelebt. Der Prozess der Globalisierung ist bekanntlich nicht neu. Die Römer etwa globalisierten ihre Welt zwischen England und Indien während fast 500 Jahren. Auch der Barock war eine globale Erscheinung. Doch eine echte Weltgeschichte, eine Geschichte der Menschheit, beginnt erst jetzt. Erstmals hat ein Ereignis nun sofort und weltumspannend Folgen. Die Finanzkrise ist ein Musterbeispiel dafür.

Wie zuversichtlich sind Sie für die Zukunft?
Ich habe meine Religion verloren, ich habe keinen Himmel, ich habe kein Nachher. Mir bleibt gar nichts anderes übrig, als diese Welt gerne zu haben. Sonst habe ich gar nichts mehr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.01.2009, 20:55 Uhr

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5 Kommentare

Rolf Auf der Maur

23.01.2009, 01:50 Uhr
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Und wer's glaubt wird seelig....Wir dachten immer-oder nahmen an- mit der Landung eines Astronauten auf dem Mond begann die eigentliche "Weltgeschichte" der Menschheit. Was die Zukunft der Nasa anbelangt, so sieht es nicht gerade rosig aus. Obamas Interresse für die Raumfahrt ist ziemlich mikerig, hat man sich sagen lassen.Für das Militär hat auch er mehr übrig, wie D.Bush zuvor schon, no Chanche Antworten


Hans Peter Vieli

23.01.2009, 19:22 Uhr
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das kann ich auch aus meiner Erfahrung bestätigen: Anderswo finden die gleichen "einzigartigen" Prozesse statt, wie bei uns. Mein "Erweckungserlebnis" war der türkische Film Sürü vor 20 (?) Jahren: die Generation der Älteren auf dem Lande, die sich in die Stadt aufmachte, war wie unsere Vorfahrengeneration, zeitverschoben etwa fünfzig Jahre früher. Gemeinsam ist: alle fühlen sich einzigartig! Antworten




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