Kultur

Diese Freiheit nehm' ich mir

Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 05.01.2012 35 Kommentare

Das Programm «Freedom» schaltet Computer offline – damit wir uns aufs Wesentliche konzentrieren können. Ein Segen oder Humbug?

«Wie viele Minuten Freiheit möchten Sie?»: Computerprogramm Freedom.

Der Nabel zur Welt: Ohne Internet zu leben, fällt immer schwieriger.

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«Noch 148 Mails checken / wer weiss, was mir dann noch passiert / denn es passiert so viel», heisst es in einem aktuellen Hitparadensong von Tim Bendzko. Die Zeilen zeigen hübsch das Dilemma des Menschen im digitalen Zeitalter: Zwar hat ihm die Technologie Arbeitserleichterung und dadurch mehr freie Zeit ermöglicht. Doch letztlich nutzt man diese, um noch mehr Mails oder SMS zu verschicken.

Diesen digitalen Teufelskreis zu durchbrechen, verspricht ein neues Computerprogramm aus den USA. «Freedom» heisst die Software sinnigerweise. Im Netz ist sie für zehn Dollar herunterzuladen. Einmal auf dem Computer installiert, blockiert sie den Zugang zum Internet für eine Dauer von einer Minute bis zu acht Stunden. Eine Art Kindersicherung für erwachsene Internetuser. Wenn man trotzdem aufs Netz will, muss man den Computer ausschalten und neu starten.

Begeisterte Schriftsteller

Was banal klingt, hat bereits viele Fans. Darunter auch namhafte Schriftsteller, die «Freedom» über den grünen Klee loben. Nick Hornby findet das Tool «absolut genial». Dave Eggers verdankt ihm «mehr Produktivität», Naomi Klein gar «die rechtzeitige Fertigstellung meines Buchs». Und ein Blogger jubelte: «45 Minuten Freedom = 844 Wörter verfasst. Es ist ein Wunder!»

Nun wusste schon Rousseau, «dass Menschen, um frei zu sein, ein bisschen Freiheit opfern müssen». «Freedom» hievt diese Weisheit ins digitale Zeitalter. Der Hersteller sieht sich denn auch tatsächlich als eine Art Freiheitskämpfer, zumindest will er mit seiner Software «Freiheit erzwingen» und gegen «das System» ankämpfen. Das ist freilich löblich. Wer will schon Sklave des Internets sein? Allerdings könnte man genauso gut das Ethernetkabel ausstecken – wie Kritiker des Tools hämisch bemerken.

Das Bestechende an der Software ist denn auch nicht der Internetblocker an sich, sondern die Denkanstösse, die «Freedom» liefert. Einmal offline, wird einem der eigene masslose Internetkonsum schmerzhaft vor Augen geführt. Man beginnt sich zu fragen, ob man wirklich jede Stunde seine Facebook-, Twitter- und E-Mail-Profile checken soll. Oder ob es wirklich nötig ist, schnell E-Mails auf dem iPhone zu checken, wenn man gerade das Kind schlafen legt. Und unweigerlich drängt sich auch die Kardinalfrage auf: Ist die Technologie schuld, dass wir so schnell abgelenkt sind – oder sind wir selbst dafür verantwortlich? Haben wir verlernt, uns auf Wesentliches zu konzentrieren?

Eine Anpassungszumutung

Früher hiess es: Übe Konsumverzicht, um die Welt zu retten! Muss man heute Verzicht üben, um sich selbst zu retten? All diese Fragen sind nicht neu, aber sie sind noch nicht zufriedenstellend beantwortet. Auch wenn es immer wieder Selbstversuche gibt, die das Leben ohne Internet ausloten. «Mein Kopf glich abends, wenn ich vom Büro heimradelte, oft einem neuronalen Flipperautomaten. Ich habe das Gefühl, dass ich mir selbst abhanden komme», klagte etwa der deutsche Journalist Alex Rühle über seine Existenz – bevor er in seinem Buch «Ohne Netz: Mein halbes Jahr offline» Erfahrungen von «Entzug» und «Leere» beschrieb.

Ja, je mehr Zeit wir gewinnen, desto schneller zerrinnt sie uns zwischen den Fingern. Wir hetzen, aber sind immer zu spät. Alles wird schneller und neuer, und trotzdem war früher alles besser. Oder nicht? Nach seinem Experiment ging Rühle wieder online. Der Idee, «offline» werde das Leben «zu einem langen, ruhigen Fluss», kann er heute nichts abgewinnen: «Die Welt war immer schon eine permanente Anpassungszumutung. Kaum hat man sich an etwas gewöhnt, kommt etwas Neues daher. Was man natürlich erst mal für vollkommen nutzlos, überflüssig oder schädlich hält.»

Was denken Sie: Haben wir das Internet im Griff – oder es uns? Finden Sie ein Programm wie «Freedom» sinnvoll? Meinungen bitte unten eintragen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.01.2012, 09:02 Uhr

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35 Kommentare

Frieda Habegger

05.01.2012, 09:26 Uhr
Melden 39 Empfehlung

Ich bin zu einer Zeit aufgewachsen, als es noch keine Telefonbeantworter etc. gab, von PCs und Smartphones ganz zu schweigen. Das Handy habe ich nie dabei und der Computer ist dann an, wenn ich ihn brauche. Alles andere ist Humbug bzw. eine Verwahrlosung der Manieren, wenn z.B. Leute immer ihr Handy checken, obwohl sie mit anderen Leuten zusammen sind. Antworten


Beni Schwarzenbach

05.01.2012, 09:54 Uhr
Melden 31 Empfehlung

Was mit Internet und Mobiltelefon begonnen hat, wird nun mit den Smartphones auf die Spitze getrieben. Ich kann mit den Freunden, die so ein Teil besitzen, nicht mehr "eis go zie", essen gehen o.Ä., weil sie permanent an dem Teil rumspielen wie heroinsüchtige an der Nadel hängen. Bis zur totalen Mattscheibe ist es nicht mehr weit. Die meisten Leute können mit den Dingern nicht vernünftig umgehen! Antworten




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