Kultur
«Dieser Vorschlag ist einfach nur schlecht»
Interview: Rico Bandle. Aktualisiert am 07.01.2011 67 Kommentare
«Androgynisierung ist ein grosses Thema»: Christian Brändle, Direktor des Zürcher Museums für Gestaltung. (Bild: pd)
Links die alten Signale, rechts der Vorschlag für die neuen. Von Oben: Fussgängerverbot, Fussgängerweg, Hinweis auf Fussgängerstreifen.
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Die Figuren auf den Verkehrsschildern sollen geschlechtsneutral sein, was meint der Experte dazu?
Das finde ich grundsätzlich ok. Allerdings muss eine solche Designänderung eine Qualität aufweisen, damit das Sujet wieder 50 oder 80 Jahre hält. Wenn ich den Entwurf des Fussgängerverbotsschilds mit dem alten vergleiche (links oben), so bedeutet die neue Plastikfigur ein massiver Verlust was die Gestaltung anbelangt. Das alte Männchen bewegt sich viel souveräner, das neue steht breitbeinig da, hat Rückenschmerzen, deshalb zieht es den Arm zur Schulter hoch. Auch rein funktional bedeutet der neue Entwurf keinen Gewinn: Man erkennt das Männchen bei raschem Hinsehen keineswegs besser.
Aber den Verlust des Geschlechts ist Ihnen egal?
In der gegenwärtigen visuellen Kultur ist die Androgynisierung ein grosses Thema. Was typisch männlich und was weiblich ist, hebt sich oft auf, wird spielerisch verwischt. Vor diesem Hintergrund kann man durchaus sagen: Wir machen ein geschlechtsneutrales Bild, aber innerhalb dieser Vorgabe geben wir richtig Gas!
Was heisst das?
Dass man versucht, eine Persönlichkeit zu entwerfen. Und nicht ein schlecht gemachtes Piktogramm wählt, das aussieht wie aus einer US-Hochsicherheitsgebrauchsanweisung. Eine spannende Aufgabe. Man muss aber aufpassen: Von einfach und verständlich zu simpel und doof ist ein extrem kurzer Weg. Eine Neutralisierung, indem man den Figuren das Geschlecht nimmt, ist meiner Meinung nach die falsche Vorgehensweise. Man muss anders denken: versuchen eine Figur zu kreieren, die Identität stiftet, aber nicht über das Geschlecht.
Weshalb dann überhaupt neue Schilder? Die alten stiften ein Höchstmass an Identität. Wenn man aus dem Ausland zurückkommt, so stechen einem die Schilder gleich wohltuend ins Auge.
Das würde heissen, dass man nie etwas austauscht. Und das wäre falsch. Gerade die Anpassung der Schweizer Autobahnschilder mit einer neuen Frutiger-Schrift 2004 zeigt, was für ein Gewinn eine Auffrischung sein kann, wenn sie gut gemacht ist. Das ist weltweit allerhöchstes Niveau was die Beschriftungskultur anbelangt.
Die Political Correctness, dass alles geschlechtsneutral sein muss, ist ein Zeitphänomen. Das widerspricht Ihrer Forderung nach Langlebigkeit.
Da sehe ich nicht so. Wenn man die Schilder ohnehin überarbeitet und dabei entscheidet, diese geschlechtsneutral zu machen, so sehe ich kein Problem dabei – sofern die neue Grafik das nötige Niveau erreicht. Der Political Correctness wegen sollte man aber nicht bereit sein, Qualitätseinbussen auf sich zu nehmen, wie dies bei diesem vorgestellten Entwurf der Fall ist. Jedes Mal, wenn ich es anschaue ärgere ich mich wieder: Die Figur ist auch noch amputiert mit den viel zu kurzen Armen. Und dieser blöde Gürtel, der viel zu weit unten ist... das ist einfach nur schlecht.
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 07.01.2011, 17:19 Uhr
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