Kultur
Ein Zuchtmeister aus Genf verändert die Welt
Von Michael Meier. Aktualisiert am 31.10.2008
Jean Calvin aus heutiger Sicht: Die Kalenderblätter zeichnete Zep, der Erfinder der bekannten Comic-Figur Titeuf.
Johannes Calvin, am 10. Juli 1509 im nordfranzösischen Noyon geboren, wurde in Genf zum einflussreichen theologischen Lehrer, Zensor, Zuchtmeister, Propagandisten, Diplomaten und Politiker. Erfüllt von prophetischem Sendungsbewusstsein, war er neben Luther der wichtigste religiöse Neuerer seiner Zeit. Mit Sendschreiben ermahnte er Europas Regenten, die Reformation einzuführen. Seine Ideen entfalteten sich weit über Europa hinaus.
Man kann vom Reformator fast nur in Superlativen reden. Ob es im Jubiläumsjahr gelingt, auch die Person Calvins den Zeitgenossen näher zu bringen, ist fraglich. Der von Kopf bis Fuss schwarz gekleidete Asket «war ein extrem unsinnlicher, freudlos galliger Zelot», der nach dem frühen Tod seiner Gattin kein Weib mehr anrührte (Karlheinz Deschner). Seiner ungeheuren Schaffenskraft zum Trotz klagte er pausenlos über Migränen, Magenschmerzen, Kolliken, Nervenkrämpfe, Blutstürze, Frostschauer, Blasenleiden. 1564, mit erst 55 Jahren, starb er entkräftet in Genf.
Es erstaunt wenig, dass der gottesfürchtige Jurist, der wegen «lutherischer Ketzerei» aus Paris fliehen musste und erst nach Basel, 1536 dann nach Genf kam, dort nur zwei Jahre geduldet wurde. Seine rigide Gemeindeordnung provozierte die patrizische Oberschicht. Als er der «sündigen Gemeinde» gar das Abendmahl verwehrte, wies sie ihn 1538 kurzerhand aus dem Stadtstaat aus.
Calvins geistliches Regiment
Drei Jahre später holte der Rat Calvin nach Genf zurück. Mit dem Genfer Katechismus und den Ordonnances écclesiastiques schuf er eine Kirchenordnung, die zur Grundlage der Genfer Republik wurde. Das Konsistorium, dem Pfarrer und die Ältesten des Stadtrats angehörten, war eine Art kirchliches Sittengericht, welches die moralisch-religiöse Lebensführung von Volk und Pfarrern kontrollierte und zum eigentlichen Überwachungssystem auswuchs: Es rügte und ermahnte, es strafte und exkommunizierte.
Im protestantischen Rom, wie man das Genf unter Calvin nennt, herrschte eine rigorose Kirchenzucht. Selbst Theater, Würfel und Kartenspiel standen unter Strafe, am meisten die Gotteslästerung. Es gibt unschöne Statistiken über die Zahl der verbannten und hingerichteten Häretiker in jener Zeit. Internationales Aufsehen erregte die von Calvin betriebene Hinrichtung des einstigen Mitreformers und Arztes Michael Servet 1553. Auch wenn Stefan Zweigs Tyrannen-Bild von Calvin im Roman «Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen die Gewalt» eine Karikatur ist: In Genf gab es gegen Calvins geistliches Regiment eine markante Opposition.
Dennoch strahlte Genf dank Calvin international aus. Tausende von Glaubensflüchtlingen strömten in die Stadtrepublik. Die 1559 gegründete Genfer Akademie wurde zur Hochschule des Calvinismus und zur Wiege der Genfer Universität. Seine Institutio Christianae Religionis sollte das wirksamste Lehrbuch des reformierten Protestantismus werden. Seine Predigten, 2400 an der Zahl, und sein polemisches Schrifttum verbreiteten sich in ganz Europa.
Indem der Calvinismus die Staatsgewalt zu durchdringen suchte, erwies er sich selber seit Mitte des 16. Jahrhunderts als ein gewichtiger Faktor in der europäischen Politik. Dass die strenge Genfer Gemeindeverfassung zum Vorbild zahlreicher Gemeinwesen wurde, erklären Historiker mit dem verstärkten Regelungs- und Disziplinierungsbedarf in den neu entstehenden Territorialstaaten. Zugleich förderte die von Calvin akzentuierte Eigenverantwortlichkeit des Individuums die Entwicklung hin zur modernen Demokratie.
Gottes «furchtbarer Ratschluss»
Der Calvinismus wurde in Westeuropa zur dominierenden Form des Protestantismus, zur aktivsten Kraft im Kampf mit der katholischen Gegenreformation und gewann über die Seevölker Niederlande, England und Schottland Einfluss auch in der neuen Welt. Mit seinem Schriftverständnis und der Betonung der persönlichen Gottesbeziehung ist der Calvinismus heute vor allem im amerikanischen Evangelikalismus virulent. Praktisch alle reformierten Kirchen weltweit beziehen sich auf ihn, ohne sich Calvinisten zu nennen.
Calvins umstrittenster theologischer Beitrag ist zweifelsohne die doppelte Prädestination, wonach die einen durch Gottes Anordnung für das ewige Leben, die anderen für die ewige Verdammnis bestimmt sind. Calvin selber sprach von einem «furchtbaren Ratschluss». Heutige Theologen deuten die Prädestinationslehre dahin gehend, dass sie den Exkommunizierten, aber auch den Hugenotten die Beharrlichkeit im Glauben gab, auch in der Verfolgung von Gott getragen zu werden.
Die von der Prädestination beeinflussten Gesellschaften entwickelten eine besondere schöpferische und gewerbliche Betriebsamkeit. Was den Soziologen Max Weber 1904 veranlasste, in seinem berühmten Werk «Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus» das calvinistische Ethos der innerweltlichen Askese als Ursache des modernen Kapitalismus darzustellen. Ja er unterstellte dem Calvinismus, er schliesse vom materiellen Wohlergehen der Menschen auf deren göttliche Erwählung. Heute gilt diese These als vulgärcalvinistisch.
Der Wiener Theologe Ulrich Körtner gibt Max Weber insofern Recht, als unter den grossen christlichen Konfessionen einzig der Calvinismus den modernen Kapitalismus als Lebens- und Wirtschaftsform aktiv zu gestalten versucht habe. «Das heisst aber noch lange nicht, dass der Kapitalismus als solcher eine Frucht des Calvinismus gewesen ist». Der Kapitalismus sei vielmehr mit dem Bankwesen in Oberitalien bereits im 14. und 15. Jahrhundert entstanden.
Tatsächlich war für Calvin das Los der Ärmsten der ethische Massstab des Erwerbslebens. Sie sollten zinsfrei Geld erhalten. Unmoralisch war es für ihn, allein vom Zinsgeschäft zu leben. Wenn schon, hat der Calvinismus das moderne Erwerbsstreben zu bändigen versucht und statt einer freien eine soziale Marktwirtschaft gepredigt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 31.10.2008, 20:25 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.









