Kultur

«Ein ungeheuer wichtiges Ereignis»

Von Christoph Fellmann. Aktualisiert am 17.08.2012

Das Urteil gegen Pussy Riot wird heute erwartet. Autor Wladimir Kaminer über die Bedeutung der Band, das Verhältnis der Russen zur Demokratie und den Vize-Premier, der noch nicht aus Putins Hintern gekrochen ist.

1/25 Kommt in die Lagerhölle Mordowien: Nadja Tolokonnikowa russischen Republik Mordowien abbüssen, liegt rund 650 Kilometer östlich von Moskau. Der Strafvollzug in der alten Sowjetanlage gilt als besonders hart. (10. Oktober 2012)
Bild: AFP

   

Wladimir Kaminer

Der russische Autor und DJ lebt seit 1990 in Berlin. 2000 debütierte er mit «Russendisko». Unter diesem Titel veranstaltet er auch Partys mit russischer Rockmusik. (Bild: Keystone )

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Was für Musik hört eigentlich Präsident Wladimir Putin?
Er mag folkloristische Popbands, die langsame, nachdenkliche Kosakenlieder singen. Premierminister Dmitri Medwedew ist auch in dieser Beziehung liberaler, er ist ein Fan von Deep Purple.

Deep Purple!
Als er Präsident war, mussten Deep Purple etwa fünfmal im Jahr in Moskau auftreten, die Band war so etwas wie ein politisches Programm. Wenn ein Minister am Konzert fehlte, galt das als Zeichen der Untreue.

Wird Rockmusik in Russland staatlich gefördert?
Nein. Das Geld des Staates und der staatsnahen Firmen fliesst nicht in die Rockmusik. Es fliesst in die Schweiz.

Hat die Regierung denn Angst vor Rock, vor Bands wie Pussy Riot?
Ja, zu Recht. Der Prozess gegen Pussy Riot ist ein ungeheuer wichtiges Ereignis in der jüngeren russischen Geschichte, es gab in den letzten zehn Jahren keines, das für so viel Aufregung gesorgt hat. Drei junge Frauen haben mit einem 30-sekündigen Auftritt in einer Kirche geschafft, was der grossen, intellektuell geformten und grüblerischen russischen Gesellschaft bislang nicht gelungen ist: nämlich, die rückständigen und archaischen Kräfte in Staat und Kirche, die hier das Sagen haben, zu entblössen und ihnen - entschuldigen Sie - in die Eier zu treten.

Was bewirkt dieser Tritt?
Er macht diese Kräfte sichtbar. Wenn sie versteckt wirken, können sie Jahrzehnte oder Jahrhunderte wirken. Jetzt aber stehen sie im Scheinwerferlicht, und es ist klar zu sehen, dass die Kirche in Russland nicht mehr Gott dient, sondern der Regierung. Ich kann mich noch an meine Jugend in der Sowjetunion erinnern, als die Dissidenten christliche Rockmusik spielten und dafür verfolgt wurden. Wenn heute also das Urteil gegen Pussy Riot bekannt gegeben wird, ist in der Öffentlichkeit das Urteil gegen die Kirche und das Regime längst gefallen. Es ist hart für sie - und höchst unangenehm.

Also stimmt, was der deutsche Punk Schorsch Kamerun sagt: «Bei uns funktioniert ein simpel punkiger Gestus nicht mehr, in Russland aber ist der ästhetisch provozierende Kampf für mehr Freiheit ein sinnvoller Lebensentwurf.»
Nicht nur, aber auch dank Pussy Riot hat die Musik den Weg zurück auf die Strasse gefunden, wo sie auch hingehört. Die Moskauer nennen die Christus-Erlöser-Kathedrale, in der sie ihren Skandalauftritt hatten, schon jetzt die «Pussy-Riot-Kirche». Rockmusik war auch in Russland zu lange etwas, das man sich im Geschäft gekauft und dann in der Küche bei einem Glas guten Weins angehört hat. In Moskau gab es schon vor Pussy Riot wieder viele Bands, die gerne auf der Strasse spielten, um den Bezug zum Leben herzustellen. Mit ihren Guerillakonzerten auf Plätzen, in der U-Bahn und eben in der Kirche sind Pussy Riot aber weiter gegangen. Mit dem bekannten Resultat.

Welche Rolle können Pussy Riot für die russische Opposition spielen?
Viele klagten, die Gegner von Putin hätten kein Gesicht. Jetzt haben sie eines. Mittlerweile definiert sich die Opposition durch Pussy Riot. Sie ist Pussy Riot.

Was für ein Urteil erwarten Sie vor diesem Hintergrund?
Putin hat ein Problem: Egal, wie das Gericht entscheidet, er kann nur verlieren. Je länger die Affäre dauert, umso dämlicher wird die Regierung aussehen.

Auch im eigenen Land?
Unbedingt. Nachdem sich Madonna bei ihrem Auftritt in Moskau für Pussy Riot starkgemacht hatte, wurde sie durch den Vizepremier beleidigt: Dmitri Rogosin sagte, bald werde jede alte Schlampe in Moskau den Moralapostel spielen. Doch jetzt sagen die Leute: Die alte Schlampe, das sei Rogosin selbst – noch nicht aus Putins Hintern gekrochen und doch schon Moralapostel.

Was bedeutet das für Pussy Riot?
Die Regierung will aus der Affäre raus, möglichst ohne nochmals hohe Wellen zu schlagen. Darum überrascht es nicht, dass sich Putin ein mildes Urteil gewünscht hat. Ich vermute, man wird seinem Wunsch nachkommen.

Wäre die Affäre damit beendet?
Jede russische Punkband, die etwas auf sich hält, wird es nun als ihre Pflicht verstehen, in einer Kirche aufzutreten. Und wenn das passiert, wird es dem Staat sehr schwerfallen, dagegen etwas zu unternehmen.

Gibt es ein grosses Reservoir an Punkbands im Land?
Es gibt sehr viele Bands, aber die Szene hat lange stagniert. Sie hat es sich zu leicht gemacht - in kleinen Clubs ihre immer gleichen kurzen, quadratischen Songs runtergespielt. Was Pussy Riot machen, ist darum nicht nur für die politische Zukunft des Landes wichtig, sondern auch für die musikalische. Sie machen aus einem Song wieder eine Geste des Widerstands, eine Aktion.

Wie kommen sie damit in der russischen Öffentlichkeit an?
Auch in Russland interessiert sich eine Mehrheit nicht für politische Nachrichten und Punkmusik und schaut sich lieber endlos Fernsehserien an. Aber die Verhaftung hat für unglaublich viel Aufregung gesorgt. Und unter der Minderheit der denkenden, fühlenden, sich für ihr Land interessierenden Russinnen und Russen ist die Band nicht nur sehr bekannt, sondern auch sehr populär.

Wie informieren sich die Bürger über den Prozess?
Der Fall hat weltweit für so grosses Aufsehen gesorgt, dass auch die staatstreuen Medien berichten, die solche Prozesse normalerweise eher verschweigen. Pussy Riot sind jeden Tag im Fernsehen. Und natürlich im Internet. Klar gucken auch die Russen dort mit Vorliebe nackte Frauen an. Aber jetzt gucken sie auch Pussy Riot an. Dass junge Frauen und das Internet zusammen die Welt verändern, haben wir ja schon im arabischen Frühling gesehen.

Kann die Musik dazu beitragen, dass sich Russland verändert?
Ja, aber das betrifft nicht nur Russland. Nachdem das grosse Geschäft mit den Tonträgern zugrunde gegangen ist, sucht und findet die Musik wieder den direkten Kontakt zu den Menschen. Pussy Riot sind dafür nur ein Beispiel. Die Industrie hat die Musik fallen lassen, weil damit kein Geld mehr zu verdienen ist. Das hat der Musik neue Luft verschafft. Sie entwickelt sich künstlerisch in Hunderte von Richtungen, ohne dass alles, was neu und aufregend ist, gleich aufgekauft und umgenutzt wird.

Wie stark ist die Musikszene in Russland?
Es gibt einen Krieg. Hier die von den Massenmedien anerkannten, aber unausstehlichen Popsänger. Da eine Vielzahl von Bands im Underground, wo es von Punk über Hip-Hop bis zur elektronischen Musik alles gibt. In jeder Stadt, ja in jedem Dorf gibt es diese Szenen mit sehr starker Musik. Interessanterweise zeigt sich dieser Krieg auch im Prozess gegen Pussy Riot. Die Popsänger haben sich über diese Band beschwert: Es gehe Russland so gut wie noch nie, was wolle man da die Leute aufwiegeln. Der Underground aber solidarisierte sich.

Ist der Underground denn einig in der Opposition gegen Putin?
Ja, und das schon lange, bevor Pussy Riot bekannt wurden. Es gab zum Beispiel mehrere Ausgaben des «Weissen Albums», auf dem jeweils zwanzig, dreissig Bands die Protestbewegung gegen Putin unterstützten. Mehrere kleine, unabhängige Plattenlabels hatten sich dafür zusammengetan. Und es gibt auch schon länger grosse Festivals, auf denen nicht nur Punks, sondern auch Hardrocker oder Rapper gegen Putin agitieren. Pussy Riot sind nicht die Ersten, die dafür im Knast gelandet sind.

Wird die Musik in Russland zensuriert?
Nein, das «Weisse Album» zum Beispiel konnte problemlos erscheinen. Und es ist ja nicht so, dass man sich in Russland nicht gegen die Regierung äussern darf. Das Regime hat insofern totalitäre Züge, als man als Oppositioneller nie weiss, was passieren wird. Meistens passiert nichts. Manchmal aber passiert halt unter irgendeinem Vorwand etwas, wie jetzt mit Pussy Riot.

Der «Spiegel» titelt diese Woche, Russland sei «auf dem Weg in die lupenreine Diktatur».
Unsinn. Die Leute sind nicht dumm genug, um sich einer neuen Diktatur zu beugen. Russland war in der jüngsten Geschichte schon einmal eine Demokratie, die Leute hatten die Wahl und haben abgestimmt. Sie werden sich diese Erfahrung nicht mehr nehmen lassen. Man kann die Zahnpaste nicht zurück in die Tube drücken.

Werden Pussy Riot zu russischen Idolen?
Es wartet eine prächtige Zukunft auf sie. Vielleicht nicht als musikalische Idole. Aber ganz bestimmt werden sie in der ganzen Welt willkommen sein, um Vorträge über Jugendkultur und Subversion zu halten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2012, 08:44 Uhr

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