Kultur
Eine Liebeserklärung ans Jassen
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 07.07.2011 12 Kommentare
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Heute, 20.05, SF 1
Donnschtig-Jass - mit Roman Kilchsperger und Dani Müller
live aus Ermatingen TG
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Es war während der Sommerferien. Als gelangweilte Halbwüchsige, welche die endlos langen Tage im Sommerhaus mit den Eltern und ebenso halbwüchsigen Schwestern herumbringen musste, war nicht nur ich, sondern waren wir alle auf Zeitvertreib angewiesen. Zum Glück weiss ein rechter Schweizer auf ein solches Problem immer die adäquate Antwort. Mein Vater zückte also ein Set Karten, setzte sich mit uns an den Tisch und führte seine Töchter in die Geheimnisse des schönsten Schweizer Volkssports ein: das Jassen.
Jasser streiten gerne
Wir spielten Schieber. Und bald spielten wir halbe Nächte durch, was selten ohne grössere Dramen abging, denn nichts ist so schwierig, wie beim Jassen gegen seine Geschwister zu verlieren. Vor allem die jüngeren. Allerdings scheint Streit beim Jassen dazuzugehören. Die alten Eidgenossen, die das Spiel als Söldner von den Sarazenen übernommen hatten, die es im 14. Jahrhundert nach Europa gebracht hatten, spielten gerne um Geld, was immer wieder zu Streitigkeiten führte. Deshalb wurde der Jass im Mittelalter in einigen Städten, zum Beispiel Bern und Basel, sogar verboten.
Mein Vater blieb wie immer stoisch angesichts unserer emotionalen Ausbrüche und demonstrierte damit gleich die Haltung vor, welche den echten Jasser auszeichnet. Der nämlich lässt sich nichts anmerken und er bleibt vor allem dran. Egal, ob die Welt untergeht. Denn Jassen, so heisst es, ist leicht zu lernen, aber schwer zu meistern – Training heisst die Devise.
Starke soziale Komponente
Meine Jasskarriere verlief nicht geradlinig, vielleicht, weil ich vom Dorf in die Stadt und dann noch in eine andere Stadt zog. Vielleicht, weil es nicht zu meinen pubertären Wunschvorstellungen eines gelungenen Abends gehörte, nächtelang im Wirtshaus zu sitzen und Karten zu spielen. Ich vernachlässigte das Jassen, spielte nur sporadisch, meistens en famille. Bis ich selber eine Familie hatte und Jassen sich plötzlich als perfekte Freizeitbeschäftigung für Eltern erwies, die abends das Haus hüten müssen – wobei vor allem die starke soziale Komponente zu begrüssen ist.
In der Schweiz, so wird geschätzt, gibt es rund drei Millionen aktive Jasser. Als Journalistin bemühe ich mich immer wieder um Interviews mit den gestandenen Grössen: Ernst Marti wollte ich vors Mikrofon kriegen, der sich rundweg weigerte, ebenso Roman Kilchsperger, ein bekennender Kampfjasser und der neue Moderator des «Donnschtig-Jass». Und so sind die in Jassrunden immer wiederkehrenden Fragen bis heute nicht gelöst: Schieben bei einem Dreifärber? Wie schafft man es, sich nicht bloss zu merken, wie viele Trümpfe gegangen sind, sondern wie viele Karten von jeder Farbe? Französische oder deutsche Karten? Jassen Bürgerliche besser als Linke, Männer besser als Frauen? Wie viel Glück ist dabei, wie viel Können? Braucht es zum Jassen eine intellektuelle Leistung oder ist es bloss so etwas wie UNO für Erwachsene?
Schieber ist Glückssache
Ich hoffe nun natürlich auf das Fachwissen unserer geneigten Leser – und kann Ihnen präsentieren, was ich selber recherchiert habe: Ernst Marti ist der Meinung, dass der Schieber zu 90 Prozent Glückssache ist, beim Differenzler macht das Können 75 Prozent aus, 25 Prozent sind Glück. Aber: Gute Jasser mit schlechten Karten gewinnen gegen schlechte Jasser mit guten Karten. Der Differenzler, so Marti, sei von den Kombinationsmöglichkeiten her durchaus mit Schach zu vergleichen.
Heute sollen Jasser vor allem in den Kneipen seltener anzutreffen sein, auch bei den Beizern seien sie nicht besonders beliebt, melden verschiedene Zeitungen. Denn sie konsumierten zu wenig und seien ausserdem zu laut. Dafür scheint Jassen mit dem Neo-Folklore-Trend auch bei Jungen wieder beliebter zu werden. Was vielleicht auch daran liegt, dass heute jeder mit einem Smartphone sich die Samschtig-Jass-App herunterladen, gegen den Computer jassen und dank dieses Trainings zum Meister werden kann.
Die Jass-App wäre übrigens ein eigenes Kapitel wert: Während man bei einem normalen Jass rund zwei Stunden für beispielsweise einen Coiffeur rechnen muss, hat man dasselbe Spiel gegen den Computer in rund 20 Minuten durch. Der Computer rechnet auch genau, weiss immer, welche Karte noch Bock ist und welche nicht. Dafür ist er in anderer Hinsicht ziemlich dumm, weshalb er bei uns zu Hause auch von den Kindern, die inzwischen mit dem Smartphone jassen, der Einfachheit halber «Volldepp» genannt wird. Und das Gute daran: Mit Volldepp kriegt man nie Streit. Man kann sich also voll aufs Jassen konzentrieren. Ich jedenfalls werde ohne Zweifel bald zu den Meistern dieser intellektuellen Hochleistungsdisziplin gehören. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 07.07.2011, 12:59 Uhr
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12 Kommentare
Jajajaja - das Jassen des Schweizers Nationalsport. Auch ich jasse täglich.
Doch ich msus sagen, nachdem ich die Vorschau gesehen habe, diese Jass-Sendung gehört klar
Monika Fasnacht. Kilchsberger fehlt das Urtümmliche - ein Quadratplauderei sicher manchmal lustig doch beim Jassen ist alles anders. MF muss zurück!
ewz
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Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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