Kultur

«Eine einzigartige Kampagne der Einschüchterung»

Interview: Rico Bandle. Aktualisiert am 10.12.2010 11 Kommentare

Heute wird in Oslo der Nobelpreis an Liu Xiaobo verliehen. Wie ist die Stimmung in China? Henrik Bork, Korrespondent des «Tages-Anzeigers» in Peking, über Einschüchterungen, Zensur und die Leute auf der Strasse.

1/32 Ein Nobelpreis für einen Abwesenden: Das norwegische Nobelpreiskomitee ehrt Liu Xiaobo.
Bild: Reuters

   

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«Ausländische Korrespondenten wurden vorgeladen, ihnen wurden Konsequenzen angedroht»: Vorsichtige Berichterstattung ausländischer Medien in der Gegend, wo Liu Xiaobos Frau unter Hausarrest steht.

Henrik Bork ist Korrespondent des «Tages-Anzeigers» und der «Süddeutschen Zeitung» in Peking.

Spürt man in China etwas von der Nobelpreisverleihung von heute Nachmittag?
Die Regierung hat eine bislang einzigartige Kampagne der Einschüchterung gefahren. Sie richtet sich in erster Linie gegen die Regimegegner, die Chinesen selbst. Eine unbekannte Zahl von Leuten aus dem Umfeld Liu Xiaobos, schätzungsweise 40 oder mehr, sind in den letzten Tagen unter Hausarrest gestellt worden. Bei vielen Leuten funktioniert das Handy nicht mehr, es wurden Reiseverbote ausgesprochen. Einige Aktivisten sind auch verschleppt worden. Auch ausländische Korrespondenten wurden vorgeladen, ihnen wurden Konsequenzen angedroht, sollte die Oslo-Berichterstattung zu sehr der Haltung Chinas widersprechen.

Ist die Verleihung auch Gesprächsthema auf der Strasse?
Nein. Die Behörden haben zwar vereinzelt Attacken gegen die Vergabe veröffentlicht, der Nobelpreis ist also kein Geheimnis. Doch schon bei der Bekanntgabe der Verleihung vor einigen Wochen fragten die meisten Menschen unschuldig: «Wer ist das eigentlich, dieser Liu Xiaobo?» Das Interesse ist seither sicherlich gewachsen, doch gleichzeitig wird jegliche unabhängige Berichterstattung über den Nobelpreis blockiert. Hier im Büro zum Beispiel empfange ich CNN und BBC über Satellit, sobald ein Bericht über Oslo kommt, wird der Bildschirm schwarz. Da sitzt einer am Drücker und blendet unliebsame Berichte aus: kein Bild, kein Ton. Erst wenn der Bericht vorbei ist, kommt wieder Leben in meinen Fernseher.

Und im Internet?
Da ist die Zensur immer sehr stark. Die grosse Mehrheit der Chinesen hat keinen Zugang zu unabhängiger Information. In diesem Sinne ist die Zensur sehr erfolgreich. Die politisch Interessierten haben allerdings gelernt, wie man die Internetzensur umgeht. Dabei handelt es sich aber um eine Minderheit an technisch versierten Leuten.

Wird der Nobelpreis langfristig etwas bewirken?
Ich glaube schon. Der Preis ist eine unglaubliche Ermutigung für die Kräfte der Vernunft, für jene Leute, die sich politische Reformen erhoffen – das sind sehr viele Menschen. Kurzfristig darf man allerdings nicht allzu viel erwarten. Der Preis ist darum sehr wichtig, weil viele fortschrittlich denkende Chinesen sich zunehmend einsam gefühlt haben, da viele westliche Staaten bei den Verlockungen des chinesischen Marktes zunehmend die Menschenrechtsfrage ausgeblendet haben.

Es gibt aber auch hier Stimmen, die den Preis als Versuch werten, China zu verwestlichen, dem Land die hiesige Kultur aufzuzwingen.
Wer nicht an die universelle Gültigkeit der Menschenrechte glaubt, kann zu so einem Schluss kommen. Dass China eine eigene Kultur hat und seinen Weg in die Zukunft selbst bestimmen soll, ist selbstverständlich. Das ist aber kein Argument gegen eine Kritik an der Verletzung der Menschenrechte.

Knapp 20 Ländervertreter boykottieren die Verleihung. Was hat dies zu bedeuten?
Von den 60 Botschaften, die in Oslo vertreten sind, haben 18 oder 19 abgesagt, das sind nicht besonders viele. Was sicherlich stimmt, ist, dass China Druck auf die Länder ausgeübt hat, nicht an der Zeremonie teilzunehmen. Wenn man aber die Namen jener Länder anschaut, die die Verleihung boykottieren, so sieht man, dass dies nicht gerade die Freunde der Menschenrechte sind.

Werden jene Länder, die der Zeremonie beiwohnen, mit Konsequenzen zu rechnen haben?
Es ist schwierig zu sagen, ob sich China mit der halben Welt anlegen möchte. Die Einschüchterungskampagne ist allerdings viel stärker nach innen, gegen Regimegegner in China gerichtet als nach aussen.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.12.2010, 12:17 Uhr

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11 Kommentare

Sylvia R. Liatowitsch

10.12.2010, 12:34 Uhr
Melden

Sie erleben dies ebenso in Riehen.bs.ch, wenn sie eines Donnerstags 091210, die Fondation Beyeler, privat zu privat, besuchen! Wie zu hören und zu lesen, sind dies blauweise Teams! Antworten


Peter Müller

10.12.2010, 12:44 Uhr
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Mal abgesehen davon, dass es schon eher etwas "komisch" anmutet, dass der Nobel-Preis (somit auch der Friedens-Nobel-Preis!) von dem Mann ins Leben gerufen wurde, der die Massenvernichtung von Menschen - mit Sprengstoff - erst möglich machte. Wurde die ganze Geschichte um den Nobel-Preis absurd, als dieser Preis einem Mann vergeben wurde, der gar nichts vollbracht hat! Antworten




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