Kultur

«Es gibt weiterhin unzählige unaufgeklärte RAF-Verbrechen»

Interview: Linus Schöpfer. Aktualisiert am 07.07.2012

Heute ging der Prozess um Verena Becker zu Ende. Die Linksextremistin wurde zu vier Jahren Haft verurteilt. Ist damit das letzte RAF-Kapitel abgeschlossen? Experte Wolfgang Kraushaar beurteilt das Verdikt.

1/12 Ex-RAF-Mitglied Verena Becker mit ihren Anwälten am Gericht letzte Woche. Heute wurde das Urteil bekannt gegeben und Verena Becker wegen Beihilfe zum Mord verurteilt.
Bild: Keystone

   

Wolfgang Kraushaar (*1948) gehört zu den profiliertesten Linksextremismus-Forschern Deutschlands. Der Politikwissenschaftler, der am Hamburger Institut für Sozialforschung doziert, hat zur Causa Becker bereits 2010 ein Buch verfasst: «Verena Becker und der Verfassungsschutz» (Hamburger Edition).

Artikel zum Thema

Teilen und kommentieren

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Werbung

Herr Kraushaar, ist die juristische Beurteilung der RAF mit diesem Urteilsspruch nun abgeschlossen?
Nein, dieser Einschätzung muss ich sehr deutlich widersprechen. Ein Schlussstrich ist das Urteil beileibe nicht, obwohl es in den Medien häufig so eingeschätzt wird. Es gibt weiterhin unzählige RAF-Verbrechen, die noch unaufgeklärt sind. Ich denke da insbesondere an Verbrechen der dritten Generation der RAF – Verbrechen also, die zwischen 1985 und 1994 begangen wurden, beispielsweise die Ermordungen des Deutsche-Bank-Vorstandssprechers Herrhausen 1989 und des Politikers Rohwedder 1991.

Die Verschwiegenheit der RAF-Mitglieder verblüfft. Handelt es sich hier um eine Omerta aus ideologischer Überzeugung oder um blossen Selbstschutz?
Eine solche Omerta besteht tatsächlich. Sie wird von den RAF-Mitgliedern befolgt, von wenigen Ausnahmen abgesehen: Peter-Jürgen Boock ist der Bekannteste von ihnen. Es gibt einige Ehemalige, die deren Einhaltung kontrollieren und die Zweifler auf Linie bringen. Diese Omerta ist auch und immer noch ideologisch motiviert, wie man an den Auftritten einer Brigitte Mohnhaupt oder eines Stefan Wisniewski während des Prozesses unschwer erkennen konnte. «Es kann nicht alles falsch gewesen sein, wofür man damals eingetreten ist», so der Tenor. Daneben gibt es einen Selbstschutzmechanismus, klar. Wer beginnt, Aussagen zu machen, muss befürchten, selbst belastet zu werden.

Hatte der Prozess eine symbolische Bedeutung?
Zweifelsohne. Die Behörde wollte mit diesem Mammutprozess – über 90 Verhandlungstage, über 165 Zeugen, acht Sachverständige – zeigen, dass sie nichts unversucht liess. Man muss ja wissen, dass dieser Prozess zur Aufklärung des Mordes an Siegfried Buback nicht einfach so zustande kam, dass er nicht vom Himmel gefallen ist: Erst auf die Anstrengung seines Sohnes Michael hin wurde der Prozess in die Wege geleitet. Dass es 1977 nicht gleich zu einer Anklageerhebung kam, erscheint mir sehr merkwürdig, was übrigens auch Fachleute wie der frühere BKA-Präsident Horst Herold so empfinden. Der öffentliche Druck wurde im Verlaufe der Jahre dann so stark, dass der Prozess 2010 endlich nachgeholt wurde.

Sie haben bereits 2010 ein Buch über Verena Becker publiziert. Was fasziniert Sie an ihr?
Mich persönlich fasziniert gar nichts an Verena Becker, sie hat ein eher blasses Profil, sie hat keine besondere Rolle innerhalb der RAF gespielt und ist intellektuell wie ideologisch völlig uninteressant. Sie geht wegen dieses Mammutprozesses nun in die RAF-Geschichte ein, und sie wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch als jene Frau in Erinnerung bleiben, die mit ihren Aussagen gegenüber dem Verfassungsschutz die Führungsfiguren der zweiten RAF-Generation, Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar, hat auffliegen lassen – das legen Aussagen von hochrangigen Ermittlern jedenfalls nahe.

Warum ist Becker denn überhaupt der RAF beigetreten?
Ein wichtiger Aspekt, der bei der Analyse der RAF häufig zu wenig beachtet wird, ist die Gruppendynamik, die bei blassen Figuren wie Becker ausschlaggebend gewesen sein dürfte.

Die Beschäftigung mit der RAF wird je länger je mehr eine Aufgabe der Historiker. Bleibt die Rote-Armee-Fraktion als ein Trauma im kollektiven Gedächtnis, oder nicht doch primär als Faszinosum? Baader und Meinhof sind auch Popfiguren – es gibt Filme und Songs über sie.
Nun, sowohl als auch. Die Kategorie «Trauma» erscheint mir allerdings übertrieben. Ich würde eher von einer nachhaltigen Irritation sprechen. Dass derart viele RAF-Verbrechen nicht aufgedeckt werden konnten, hinterlässt einen üblen Nachgeschmack. Das Faszinosum gibt es tatsächlich, es wird insbesondere von jüngeren Generationen gepflegt, die Figuren wie Andreas Baader, Ulrike Meinhof oder Gudrun Ensslin einfach cool finden und sich ansonsten keine grossen Gedanken machen. Wenn man wie ich mit Angehörigen von Opfern gesprochen hat, dann empfindet man solche nachträglichen Gefühle der Bewunderung nicht bloss als zwiespältig, sondern als abstossend.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.07.2012, 17:48 Uhr

Kultur

Populär auf Facebook Privatsphäre