Kultur

Ex-Macho in guter Mission

Von Linus Schöpfer. Aktualisiert am 07.02.2012 7 Kommentare

Sensibilisierung oder doch bloss Egozentrik? Rudi Assauers Buch «Wie ausgewechselt» über seine Alzheimer-Erkrankung stürmt in Deutschland die Bestsellerliste.

1/8 Sein gestern veröffentlichtes Buch stieg sogleich auf Platz 2 der Bestseller-Liste ein: Rudi Assauer.
Bild: Keystone

   

Rudi Assauer & Patrick Strasser: Wie ausgewechselt. Verblassende Erinnerungen an mein Leben. 256 Seiten, ISBN: 244002273880.

«Wie ausgewechselt»

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Rudi Assauer war der grosse Bundesliga-Macho. Paffend und schwadronierend sass er auf Schalkes Spielerbank, nach dem Match klopfte er träfe Sprüche, und mit den Kumpels des Ruhrpott-Clubs schloss er Stammtischbrüderschaft. Privat hatte der Manager von Schalke 04 stets eine adrette Begleiterin zur Seite, regelmässig eine neue. Und er pflegte sein Image als Raubein sorgsam, ob nun mit einem TV-Spot für eine bekannte Biermarke («Hol' ma' Bier!») oder mit einem eigenen Video-Blog.

Doch «wie ausgewechselt» sei er nun, so sagt er selbst. Aussauer leidet an der Alzheimer-Krankheit, er vergisst die alltäglichsten Dinge und verliert seine Erinnerungen. Letzte Woche musste er während eines TV-Auftritts vom Moderator sogar auf seinen grössten Triumph – den Sieg über Inter Mailand im Uefa-Cup-Finale 1997 – hingewiesen werden. Assauers derangierter Auftritt war der Höhepunkt einer PR-Kampagne, die anlässlich seiner Autobiografie «Wie ausgewechselt. Verblassende Erinnerungen an mein Leben» gestartet worden war. Das Buch wurde gestern veröffentlicht und stieg sogleich auf Platz 2 der deutschen Bestseller-Liste ein.

Viele Beobachter sind peinlich berührt

Assauer, der seit Jahrzehnten ein Leben in und mit der deutschen Boulevardpresse führt, macht seine unheilbare Krankheit zum grossen Thema. Fast macht es den Anschein, als ob der Ex-Manager hausieren gehe mit seiner Wandlung vom virilen Macher zum mitleiderregenden Pflegefall. Oder sind es schon Angehörige, Nahestehende, gerissene Geschäftemacher, die den Nimbus Assauers ein letztes Mal bewirtschaften wollen?

Viele Beobachter sind jedenfalls peinlich berührt ob des öffentlich inszenierten assauerschen Dramas. «Er ist ein Typ, aber kein Vorbild», monierte etwa die «Berliner Morgenpost». «Assauers Zuhause war stets die Bühne, und genau so geht er jetzt mit der Krankheit um – als Ego-Show».

«Der Fall ‹Gunter Sachs› hat die Debatte vorangetrieben»

Eine etwas andere Sichtweise hat dagegen Birgitta Martensson. «Ich begrüsse es immer, wenn Alzheimer in den Medien thematisiert wird», sagt die Geschäftsleiterin der Schweizerischen Alzheimervereinigung gegenüber baz.ch/Newsnet. Es spiele dabei keine Rolle, ob positiv oder negativ. «Selbst der Fall ‹Gunter Sachs›, so schrecklich er auch war, hat die Debatte vorangetrieben, weil er der Enttabuisierung der Alzheimer-Krankheit zuträglich war», so Martensson (Gunter Sachs, bekannt als internationaler Playboy, hatte sich umgebracht, weil er nicht mit der Alzheimer-Krankheit leben wollte).

«Auch wenn ich seinen Inhalt nicht kenne, glaube ich, dass das Buch einen positiven Zweck erfüllen kann», sagt Martensson. Wenn ein Promi von seinem Leiden erzähle, animiere das zu einer öffentlichen Diskussion über eine Krankheit, die wie keine andere gefürchtet werde: «Alzheimer erscheint vielen Menschen schlimmer als körperliche Schmerzen, weil diese Krankheit Kontrollverlust bedeutet, die Aufgabe der Selbstständigkeit, ja des eigenen Selbstbilds.»

Nur zu verständliches Selbstmitleid

Assauer selbst lässt während seinen öffentlichen Auftritten allerdings kein Verständnis für die allgemeine Alzheimer-Problematik erkennen – vielleicht will ers nicht, vielleicht kann ers nicht mehr –, das (nur zu verständliche) Selbstmitleid überwiegt. «Ich habe eine Wut, die Wut darüber, dass ich nicht mehr mithalten kann», sagte er in einem TV-Auftritt. Es ist der hilflose Zorn eines Mackers, der sich für einmal und wohl definitiv auf der Schattenseite wiederfindet.

Dass er mit seinem Buch eine wertvolle Diskussion anstösst, wird ihm wohl nur ein sehr schwacher Trost sein.

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.02.2012, 14:02 Uhr

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7 Kommentare

Chris Chelios

07.02.2012, 16:42 Uhr
Melden 19 Empfehlung

Man wirft R. Assauer also vor, dass er nicht die allgemeine Problematik von Alzeimer thematisiert. Und dass er sein Schicksal vermarkte. Ich glaube, man kann das nur einschätzen wenn man die Bedeutung der Person Assauer für die Meschen im Ruhrgebiet kennt. Und wenn man auch um den aktuellen Zustand Assauers weiss. Beides scheint beim Autoren nicht der Fall zu sein. Antworten


Marianne Gautschi

07.02.2012, 17:23 Uhr
Melden 18 Empfehlung

Alzheimer trifft immer mehr Menschen. Je nach Temperament gehen diese mit ihrem Schicksal um: traurig, wütend, entsetzt. Es kann jeden von uns treffen. Darum sollten wir alle über niemanden mit Alzheimer abwertend reden. Antworten




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