Kultur
Facebook: Grössenwahn kommt vor dem Fall
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 08.09.2009 78 Kommentare
Spass mit Ablaufdatum: Entwicklung von Social Networks.
Umfrage
Viele Nutzer finden es nicht mehr «cool», bei Facebook zu sein. Sie sind angeödet und löschen ihr Profil. Hat die Community-Plattform ihren Zenit überschritten?
Ja
Nein
1039 Stimmen
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Hat Facebook seinen Zenit überschritten? Die Frage beschäftigt spätestens seit die amerikanische Top-Journalisten Virginia Heffernan kürzlich behauptete, das Social Network erlebe einen User-Exodus. Grund: Die Site ärgere oder langweile viele Benutzer, kurz: sie sei uncool geworden. Erbittert kreuzen Befürworter und Gegner von Facebook in Internetforen seither die Klingen.
Heffernans Artikel war ein Meinungsstück. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Im Mai holte in den USA Facebook die vorher führende Plattform Myspace erstmals ein; beide lockten rund 70 Millionen US-Besucher an. Im Juni dann zog der Herausforderer davon: Laut Marktforschern des Unternehmens ComScore erhielt Facebook 77 Millionen Besuche durch US-Nutzer, während Myspace um zwei Millionen auf 68 Millionen absackte. Aktuelle Zahlen für die Schweiz gibt es nicht. Im Frühjahr hatte Facebook vermeldet, dass es hierzulande rund 1,4 Millionen Mitglieder gibt.
Der Fall Friendster
Eigentlich ein Grund zum Feiern - dennoch sollte sich Facebook vorsehen. Denn Heffernans persönlicher Einschätzung liegt ein inhärentes Internetproblem zu Grunde: im Netz ist nichts von Dauer, und die Nutzer ziehen schnell weiter – wie ein Blick in die Geschichte der Social Networks zeigt. Zum Beispiel Friendster. Im Jahr 2004 schoss die Seite von Null auf Hundert, hielt sich dann eine kleine Weile - und platzte wie eine Seifenblase. Zurück im Web blieb eine Menge Datenmüll.
Was war passiert? Die Friendster-Bosse glaubten, sie hätten die Kontrolle über die Community und wollten das Netzwerk zu einem Internettelefonnetz ausbauen. Das aber passte vielen Usern nicht und sie begannen, bei Myspace Profile anzulegen. Wir lernen: Social Networks sind solange erfolgreich, wie die Community das Gefühl hat, dass ihr das Angebot gehört. Bloss: Ab einer gewissen Network-Grösse ist dies unmöglich. Und: Änderungen der Spielregeln wirken sich tödlich aus - was die geschäftliche Verwertbarkeit eines Portals deutlich einschränkt.
Grössenwahn und Selbstüberschätzung
Aufstieg und Niedergang gestalten sich bei Netzwerk-Sites interessanterweise stets ähnlich (siehe Graphik). So sprang Myspace in die Lücke, die Friendster hinterlassen hatte. Zuerst Social Network, wandelte sich die Site in eine Art Musikshop - was die User in Scharen davonlaufen liess und gleichzeitig die Geburtsstunde von Facebook bedeutete.
Facebook machte zuerst alles richtig, konzentrierte sich auf das Vernetzen von Usern. Doch Selbstüberschätzung und Grössenwahn liessen nicht lange auf sich warten. Zu Beginn des Jahres wollte Facebook die Nutzungsbedingungen ändern und sich so die Rechte an allen User-Daten sichern – es winkte ein Riesengeschäft. Nach massiven Protesten der User musste das Unternehmen jedoch zurückkrebsen.
Facebook will nun seine Privatsphäre-Einstellungen verbessern. Die Umsetzung aller Neuerungen sollen ein Jahr in Anspruch nehmen. Bis dann könnten sich die User freilich bereits irgendwo anders tummeln. (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 08.09.2009, 15:20 Uhr
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