Kultur

Kann denn Butter Sünde sein?

Von Simone Meier. Aktualisiert am 01.11.2011 1 Kommentar

Horst Lichter ist einer der beliebtesten deutschen Fernsehköche. Und der witzigste. Bald kommt er mit seinem gastronomischen Bühnenprogramm in die Schweiz.

Butter kann keine Sünde sein: Horst Lichters neues Bühnenprogramm liefert nur Dinge, «die allen ganz lecker schmecken».

Butter kann keine Sünde sein: Horst Lichters neues Bühnenprogramm liefert nur Dinge, «die allen ganz lecker schmecken».
Bild: PD

Horst Lichter live

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Er ist der Mann mit dem Schnauz, den «Kartöffelchen» und der Butter. Und den offenherzigen Komplimenten. Die junge Frau, die im Hotel Europe an der Zürcher Dufourstrasse zwei Karaffen mit Wasser serviert, wird knallrot, als Horst Lichter sagt: «Ach! Das macht doch ein hervorragendes Hotel aus. Nicht nur freundliche und nette, sondern auch noch hübsche Mädchen, die bedienen! Na, wat stimmt, dat stimmt!» Und einige jüngere, fein kochende Kandidatinnen hat er in der Sendung «Die Küchenschlacht» schon gefragt, ob sie nicht seine Schwiegertochter werden möchten. Einmal verglich er eine Frau spontan mit einem «nougatgefüllten Marzipanpralinchen» und erhielt dafür die «Saure Gurke», eine Auszeichnung für den frauenfeindlichsten Fernsehbeitrag des Jahres.

Man muss schon ein hoffnungsloser Kostverächter sein, um nicht zu merken, wie herzig und liebevoll der Vergleich war für einen, bei dem nicht nur die Liebe, sondern jede positive Gefühlsregung direkt über die Geschmacksnerven geht. Über sehr bodenständige Geschmacksnerven. Jedenfalls ist dies die Selbstinszenierung des 49-jährigen Horst Lichter. Dass er in all den Kochsendungen, an denen er teilnimmt – in «Lafer! Lichter! Lecker!», in «Lanz kocht», in «Die Topfgeldjäger» oder «Die Küchenschlacht» (alle im ZDF) –, irgendwann immer auf seine Kartöffelchen mit Butter zurückkommt. Wenn seine Kollegen längst dabei sind, irgendein getrüffeltes Schäumchen von der Hirschessenz auf Maniok-Birnen-Püree und einem Spiegelei von der Wachtel oder Ähnliches zu kreieren.

Kochen muss unterhalten

Im Grunde genommen hat Horst Lichter gar kein Problem mit den Schäumchen. Sie sind für ihn wie «das Spätwerk von Picasso», die pure Dekonstruktion, die absichtliche «Verwechslung der Strukturen». Und seine Mission ist es, dem Publikum die Basis zu zeigen, auf der das Virtuosentum der Sterneköche aufbaut. «Geben muss es das, das ist ganz wichtig. Wenn es keine kreativen Menschen gäbe, die Visionen haben und an die Grenzen gehen, dann würden wir ja stehen bleiben, dann würden wir ja immer noch mit ’ner Keule hinter ’nem Mammut herrennen.» Die Spannung, die sich aus der Differenz ergibt, ist alles. «Ja.»

Kochsendungen sind neben den Castingshows die wohl beliebtesten TV-Formate, «und natürlich», sagt Horst Lichter, der heute mit seiner Frau zurückgezogen im Schwarzwald lebt, «hab ich mir Gedanken zu dieser Erfolgsgeschichte gemacht. Es ist sehr einfach: In dem Moment, wo eine Kochsendung unterhaltsam wird, in dem Moment ist sie erfolgreich. Es gab schon immer Kochsendungen im Fernsehen, aber die waren teilweise auch so, dass man sagte: ‹Man nehme› und ‹Das wird es›. Das war für einen begrenzten Zuschauerkreis, der sagte, ach, das könnte man mal nachkochen. Und auf einmal wurde es unterhaltsam: Charaktere waren da, das Kochen rückte in den Hintergrund oder war selbstverständlich. Biolek zum Beispiel war der Erste, der einen Kochtalk machte, bei dem er einen Menschen dabei hatte, der vielleicht ein Rezept mitbrachte, und man hat während des Kochens Geschichten erzählt.»

Arbeiterjunge mit Schnauz

Die Unterhaltung ist aber nur die eine Seite des Erfolgs. Die andere ist, dass Kochen heute viel mehr als früher als eine Tätigkeit verstanden wird, die nicht nur Genuss herstellt, sondern auch selbst ein Genuss ist. «Meine Mutter musste jeden Tag kochen. Ob sie das gerne gemacht hat, wage ich zu bezweifeln. Ich glaube nicht», sagt Horst Lichter, der am liebsten ehrlich antwortet. «Heute müssen die Menschen nicht mehr unbedingt kochen, heute wird vielmehr aus Leidenschaft gekocht zu Hause. Wo sich Studenten treffen und sagen: ‹Heute kochen wir mal was zusammen!› Wo selbst Männer im gestandenen Alter oder Firmenbosse sagen: ‹Du, heute koch ich mal mit meinem Herrenkochclub!› Das hätte früher keiner gemacht. Wenn mein Papa gesagt hätte, er ist im Herrenkochclub, dann wäre das schwul gewesen.»

Kochen als Schauspiel

Es war denn auch nicht seine Mutter, die in ihm den Wunsch weckte, Koch zu werden: «Bei mir kam dieser Wunsch zum Kochsein aus einem ganz andern Grund, ich wollte gar nicht so gerne hinterm Herd stehen. Ich wollte entweder Möbelschreiner werden, damit ich den Tisch baue, an dem Menschen sitzen und erzählen und lachen, oder ich wollte das herstellen, was auf dem Tisch steht, wenn sich die Menschen treffen. Ich liebe Menschen.» Der Koch also als Herr über die Geselligkeit. Und Kochen als Schauspiel, als Unterhaltung, als gesellschaftliches Ereignis: «Ich habe nie verstanden, weshalb eine Küche irgendwo im Backstagebereich sein muss, wo man keinen Koch sieht, wo alles weg ist. Ich verstehe auch, dass solche Köche oft nicht so gut kochen, wie sie es eigentlich könnten. Sie kochen nicht für Gäste. Sie kochen für Bestellungen. Sie kochen für Kellner, die sie vielleicht nicht einmal mögen. Sie bekommen kein Lob vom Gast, höchstens eine Beschwerde.»

Deshalb hat Horst Lichter mit kaum 20 Jahren auch schon wieder mit dem Kochen in Restaurants aufgehört. Und wie sein Vater im Bergbau gearbeitet. Untertags. Und aus Geldnot in seiner Freizeit auch noch auf einem Schrottplatz. Den gezwirbelten Schnauz trug er damals schon. Weil er schon damals diese Kreuzung zwischen proletarischer Ästhetik und Jahrmarkt, die ihn auch heute im Fernsehen so einzigartig macht, zur Schau stellte. Damals, als Horst, das einstige «Arbeiterkind am Rande der grossen Städte Köln und Düsseldorf», noch jung und stark war, Gewichte hob, und aussehen wollte «wie Arnold Schwarzenegger». Sein schnauztechnisches Vorbild waren Gewichtheber aus den 20er- und 30er-Jahren in geringelten Badeanzügen und mit gezwirbelten Riesenschnäuzen.

Hirnschlag, Herzinfarkt

Doch dann überholte die Anstrengung seinen trainierten Körper, mit 26 hatte er den ersten Hirnschlag, mit 28 den zweiten, zusammen mit einem Herzinfarkt. Er besann sich neu und kam noch einmal zum Schluss, dass er eigentlich nur eines wirklich gerne wollte im Leben: kochen. 1990 eröffnete er ein Lokal, wo er inmitten der Gäste auf einem Kohleofen kochte und dazu Geschichten erzählte, ein Fernsehredaktor entdeckte ihn. Er wurde im Nu zum komischen Koch oder kochenden Komiker des deutschen Fernsehens.

Und weil ihm das so leichtfällt, weil es ihm so wohl ist, wo er eine Bühne hat, und weil er es zugleich schafft, dass auch seinen Zuschauern und Kochkandidaten unglaublich wohl ist bei ihm, hat er auch gleich noch begonnen, als Koch-Comedien zu touren. «Sushi ist auch keine Lösung» hiess sein erstes Programm, das war sehr lustig, auch wenn man über derbe Vergleiche wie «Sushi – das ist wie Angela Merkel im ‹Playboy›!» als Sushi-Fan nicht allzu lange nachdenken darf. Aber für die Idee, dem Publikum als Witz in Orangensaft gekochte, aufgeweichte Fischstäbchen vorzusetzen, müsste man Horst Lichter echt den Schnauz lang ziehen.

Sein neues Programm heisst «Kann denn Butter Sünde sein?». Worauf es logischerweise nur eine Antwort gibt: nein! Fischstäbchen gibt es da keine, das verspricht er. Nur Dinge, «die allen ganz lecker schmecken». Und gegen so ein lichtersches Superkartöffelchen mit feinster Butter wäre ja auch wirklich nichts einzuwenden.

Horst Lichter mit «Kann denn Butter Sünde sein?» in der Schweiz: 16. 11., Spirgarten, Zürich; 17. 11., Tonhalle, St. Gallen; 18. 11. Stadtcasino, Basel. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.11.2011, 08:26 Uhr

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1 Kommentar

Manfred Grieshaber

01.11.2011, 22:23 Uhr
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Der Mann ist eine echte rheinische Frohnatur, ein barocker Genussmensch. Er praktiziert Kochen und Geniessen als soziales Ereignis. Dabei nimmt er sich selber nicht allzu ernst. Er ist das Gegenteil moralinsaurer Askese-Apostel denn ein rheinischer Katholik sündigt am Abend und geht dafür am Morgen zur Beichte. Oder er begnügt sich mit dem morgentlichen Kater als Strafe und verschiebt die Beichte. Antworten




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