Kultur

Kapitalismuskritiker im Märchenschloss

Von Von Philipp Meier. Aktualisiert am 26.05.2010 2 Kommentare

Wie sieht kreativer politischer Protest heute aus? Ein Symposium in Luzern präsentierte «Formen des Protests» im Château Gütsch.

Fremde Identitäten: The Yes Men posieren als Exxon-Vertreter.

Fremde Identitäten: The Yes Men posieren als Exxon-Vertreter.
Bild: PD

Ausgerechnet im edlen Château Gütsch ob Luzern präsentierten sich die amerikanischen Weltstars unter den aktuellen Politkunstaktivisten mit dem Slogan «The Yes Men Change the World». Eingeladen hatte The Yes Men der deutsche Künstler und Leiter des Studiengangs Master of Arts in Fine Arts an der Hochschule Luzern, Till Velten. Er organisierte bereits zum zweiten Mal den sogenannten Mastertalk im Château Gütsch.

Ein Oligarch, der Putin kritisiert

Die diesjährige Ausgabe trug den Titel «Formen des Protests – How to Change the World». Wer nun aber meint, dass das Zusammenkommen der vermeintlich provinziellen Kunst- und Design-Hochschule Luzern mit den berühmt-berüchtigten Politaktivisten The Yes Men auf dem Schlosshotel hoch über Luzern genug der Widersprüche sei, der oder die irrt sich gewaltig.

Der Besitzer des Château Gütsch, der der Hochschule Luzern die Räume umsonst überlässt, ist kein Geringerer als Alexander Lebedew, ein sogenannter Oligarch, der zu den wenigen einflussreichen Russen zählt, die Putin zu kritisieren wagen. Lebedew besitzt in Russland, aber auch in England, unter anderem Zeitungen, Fluggesellschaften und Banken oder ist an solchen beteiligt. 2007 kaufte er das Schlosshotel ob Luzern der UBS ab, die anschliessend dieses Geld in den USA in die Immobilienblase pumpte.

Explosive Essenzen

In genau solchen Geschichten, die das globale Leben und Wirtschaften heute so schreiben, finden The Yes Men die explosiven Essenzen, aus denen sie ihre medialen Kunstaktionen basteln. Wobei «basteln» im Zusammenhang mit ihren akribisch geplanten Kommunikationsguerillaaktionen ein eher unpassender Begriff ist. The Yes Men geben sich als Sprecher internationaler Konzerne und Repräsentanten von global agierenden Organisationen und Institutionen aus. In hyperaffirmativen Aktionen auf Konferenzen karikieren sie mit übertriebenen Forderungen deren Ziele und stellen dadurch die Treffen und deren Teilnehmer bloss.

Ihre erste Aktion war noch vergleichsweise harmlos. Sie ist jedoch ein Musterbeispiel für die vielen Möglichkeiten, im neuen Jahrtausend kreativ und subversiv in Aktion zu treten. In den 90er-Jahren tauschten sie die Sprechmodule von Barbie- und GI-Joe-Puppen gegeneinander aus und stellten diese zurück in die Verkaufsgeschäfte. Anschliessend veröffentlichten sie eine Erklärung im Namen der «Barbie-Befreiungsorganisation».

Falsche WTO-Vertreter

So richtig bekannt wurden The Yes Men, als sie eine Website online stellten, die derjenigen der Welthandelsorganisation (WTO) sehr ähnlich sah. Kurz darauf meldeten sich Organisatoren von hochkarätig besetzten Konferenzen, die offizielle Vertreter der WTO als Redner einladen wollten. So kam es, dass The Yes Men die vermeintlichen WTO-Mitarbeiter «Dr. Andreas Bichlbauer», «Granwyth Hulatberi» oder «Kinnithrung Sprat» an Konferenzen entsandten. Das Ziel war jeweils, das übergeordnete Thema aufzugreifen, dieses jedoch massiv zu überzeichnen. Zum Thema «Hunger» schlugen sie beispielsweise vor, dass mit rezykliertem Kot aus der sogenannten Ersten Welt die Hungersnot in der Dritten Welt gestoppt werden könnte. Sie hielten jeweils ihre Auftritte und die Reaktionen der Konferenzteilnehmer filmisch fest und stellten die Clips online.

Das Erstaunliche bis Erschreckende dabei: Die Fälschungen wurden fast nie aufgedeckt, im Gegenteil, sie wurden oft gewürdigt. Das Publikum unterbrach die Referenten nie, klatschte zum Schluss brav und bestätigte nach dem Vortrag vor der Kamera das Gesagte. Gefälschte «New York Times». Den letzten grossen Coup landeten The Yes Men mit einer gefälschten Ausgabe der «New York Times». Im November 2008 druckten und verteilten sie gut eine Million Exemplare, die vom Original nicht unterschieden werden konnten. Erst in den Details wurde die Fälschung als solche erkennbar. So war sie auf den 4. Juli 2009 vordatiert und die Welt eine viel bessere. Der Irak-Krieg war beendet, und George W. Bush musste sich vor dem Kriegsverbrechertribunal verantworten.

Global denken und arbeiten

Im Rahmen des «Mastertalks» in Luzern trafen sich The Yes Men an der Hochschule mit Studentinnen und Studenten zu einem Workshop. Die beiden Politkunstaktivisten waren sehr umgänglich und legten freimütig die Hintergründe ihrer Aktionen offen. Auf die Frage, wie sie eine Druckerei fanden, welche die originalgetreue Ausgabe der «New York Times» in dieser hohen Auflage widerspruchslos druckte, antworteten sie, sie hätten dem Inhaber der Druckerei gesagt, dass sie die Zeitungen für eine Kunst-Installation benötigten. Umgekehrt fragten The Yes Men die Anwesenden, was sie als Luzerner oder Schweizer beschäftige. Die Frage kam nicht von ungefähr, denn im Publikum des Workshops sass neben den Studierenden auch eine organisierte Gruppe lokaler Kultur- und Kunstaktivisten, mit der sie sich bereits im Vorfeld ausgetauscht hatten. Gut möglich also, dass dank The Yes Men die Innerschweiz für einmal nicht nur als zauberhafte Tourismusdestination in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerückt wird. Denn das haben The Yes Men und der Château-Gütsch-Inhaber Lebedew gemeinsam: Sie denken und arbeiten global.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.05.2010, 08:58 Uhr

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2 Kommentare

Alain Jean-Mairet

26.05.2010, 09:53 Uhr
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Lauter universell verurteilten Ausnahmen, die als Regelwerk dargestellt werden. Neinsager sind viel gescheiter als diese Ja Männer da. Und das ist keine Kunst. Antworten


Ronnie König

26.05.2010, 10:38 Uhr
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Eigentlich gut das ganze, aber doch auch erschreckend wie dumm die Eliten sind, sind sie unter sich! Am Ende werden kleine Leute entlassen und Analysten feierns als wichtigen Schritt. Antworten




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