Kultur
«Mancher Porno-Konsument würde sich das auch gerne leisten»
Interview: Philippe Zweifel. Aktualisiert am 28.11.2011 7 Kommentare
Werner Huwiler ist Sexologe und Sozialarbeiter. Er leitet die Selbsthilfegruppe für Sexsüchtige im Zürcher Mannebüro.
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Dominique Strauss-Kahn hat sich zwischen Geschäftsterminen offenbar Prostituierte «wie Pizzas» liefern lassen. Würde Sie ihn als sexsüchtig bezeichnen oder ist er einfach ein notorischer Fremdgeher?
Die Diagnose Sexsucht ist zwar in aller Munde, aber gibt es eigentlich nicht. Die Frage, ob jemand sexsüchtig ist, hängt von der Möglichkeit ab, ob man noch Herr seiner Triebe ist. Wer seine Sexualität nicht steuern, auch mal zurückhalten kann, ist süchtig. Bei Prominenten ist eine Diagnose besonders mit Vorsicht zu geniessen. Als Kranker erntet man ja Mitleid, was man nach einem Skandal gut gebrauchen kann.
Ein renommierter französischer Sexologe sagt, Dominique Strauss-Kahn sei krank. Wie sähe nun eine Therapie aus?
Man schaut, wie er in seiner Sexualität funktioniert. Wie erregt er sich? Was für Fantasien hat er? Aber auch: Wohin will er, was ist sein Ziel? Weil Sexualität nicht nur im Kopf stattfindet, macht man mit Sexsüchtigen auch Körperübungen im Bereich der Atemtechnik sowie Bewegungs- und Entspannungstechniken. Bei Porno-Süchtigen können auch Anleitungen zu erweiterten Methoden von Selbstbefriedigung ein Teil davon sein.
Strauss-Kahns Sucht ist nicht die Pornografie, sondern Prostituierte aus Fleisch und Blut. Sieht die Therapie da anders aus?
Nein. Ob sich die Sucht über Pornografie oder Besuche bei Prostituierten manifestiert, spielt keine Rolle. Das hängt ja auch von den finanziellen Möglichkeiten ab. Mancher Porno-Konsument würde sich das auch gerne leisten.
Ist Pornografie nicht anonymer und deshalb gefährlicher, was eine Suchtentwicklung angeht? Oder spielen bei Prostituierten andere Suchtmechanismen?
Dranghaftigkeit hängt nicht von der Art des Inputs ab. Dranghaftigkeit entsteht aus der Art, wie eine Person seine Sexualität gestaltet. Welche Lernschritte hat jemand gemacht? An welche Limiten stösst die Person? Was wird als genussvoll empfunden?
Hatte Strauss-Kahns Machtposition einen Einfluss auf sein Suchtverhalten?
Wahrscheinlich schon. Doch jede Sexsucht sieht anders aus, es gibt keine eindeutige Typologie eines Sexsüchtigen. Neben Prominenten wie Strauss-Kahn oder Tiger Woods trifft es auch den Büezer von der Strasse.
Sind ältere Männer häufiger sexsüchtig?
Nein. Es fällt bei diesen Männern einfach mehr auf. Bei jungen Männern gilt ein aktives Sexualleben oder die intensive Beschäftigung mit Sexualität als normal.
Also ist Sexsucht keine Tragödie des Alterns: Die Lust bleibt, aber die Möglichkeiten werden weniger?
Für einige mag das zutreffen. Aber das Gegenteil ist wohl weiter verbreitet: Dass einem die Lust im Alter abhanden kommt.
Gibt es heute wirklich mehr Sexsüchtige als früher?
Es gibt da noch keine zuverlässigen Studien. Was sich geändert hat, ist die Verfügbarkeit von Pornografie. Früher gab es ein paar einschlägige Heftchen, heute eröffnet sich mit dem Internet ein Meer an Porno-Sites. Handkehrum gibt es die Prostitution - und exzessive Nutzer davon - seit Ewigkeiten.
Gibt es für Sexsüchtige eine Art Anti-Viagra?
Es gibt chemische Keulen, aber die sind so stark, dass man sie in der Regel nur bei Sexualstraftätern einsetzt. Denn damit nur die Lust zu steuern, ist unmöglich, diese Medikamente beeinträchtigen auch andere Befindlichkeiten und Körperfunktionen.
Strauss-Kahns Frau distanziert sich von ihm. Welche Rolle kommt dem Partner eines Sexsüchtigen zu?
Das kommt auf die Vereinbarung an. Dominique Strauss-Kahn führte offenbar eine offene Beziehung. Ob das stimmt oder behauptet wurde, um den politischen Schaden zu begrenzen, weiss ich nicht. Bei meinen Patienten ist es oft so, dass die Partnerinnen zwar wissen, dass es andere Frauen gibt – aber das ganze Ausmass nicht kennen. Wenn das auffliegt, kommt es meistens zum Beziehungsabbruch, weil es nicht mehr um ausserpartnerschaftlichen Sex geht, sondern um Vertrauen.
(baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 28.11.2011, 13:48 Uhr
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7 Kommentare
Ich würde bei dem Herrn eher ein gestörtes Verhältnis zu seiner Macht diagnostizieren. Der hat doch ganz einfach das Gefühl kraft seiner Position könne er sich alles nehmen, seien dies Dinge oder eben auch Frauen. Dass diese vielleicht seine Angebote nicht annehmen wollen, kommt ihm gar nicht in den Sinn. Aber eben: mit einem Süchtigen hat man halt mehr Mitleid. Traurige Welt. Antworten
Sexsucht ist eine der miesesten Ausreden der Neuzeit. Aber die meisten Psychologen haben sehr wohl ein pekuniäres Interesse an der Aufrechterhaltung dieses Mythos. Die angeblich Sexsüchtigen können sich an Onan in der Bibel orientieren und selber für Triebentladung sorgen, wann immer sie wollen, oder sie gehen zu einer Hure - Polygamie ist nicht einfach eine krankhafte Sucht - sondern in uns drin. Antworten
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