Kultur

Natürlich unnatürlich

Von Ana Matijašević. Aktualisiert am 06.01.2016 5 Kommentare

Das neue Louis-Vuitton-Model ist ein Avatar.

Kampfposen, Sprünge und ein inhaltloser Blick: Die Videospielfigur Lightning ist das neue Gesicht von Louis Vuitton. (Quelle: Youtube / Square Portal)


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Sie hatte schon immer ein Gespür für Mode. Sie trägt eine Weste über dem ärmellosen Rollkragenpulli, betont ihre Taille mit einem breiten Ledergürtel, schnallt sich die Tasche um den Oberschenkel wie Lara Croft und schwingt gleichzeitig ihr multifunktionales Schwert. Die Rede ist von Lightning, einer Videospielfigur, die in der dsytopischen Traumlandschaft von «Final Fantasy XIII» ihr Unwesen treibt — und nun bereits zum zweiten Mal von einem Modelabel eingespannt wird.

Ehrlicherweise muss man Lightnings Modebewusstsein dem japanischen Gamedesigner Tetsuya Nomura und den Videospiel-Herstellern von Square Enix zuschreiben («Dragon Quest», «Kingdom Hearts»). Denn sie waren es, welche die Gameheldin ins Leben gerufen und mit ihrem stilvollen Auftritt die Modewelt auf sie aufmerksam gemacht haben. Schon 2012 machte Lightning bereits Werbung für Prada, und nun hat Louis Vuitton den Avatar für die aktuelle Frühlings und Sommerkampagne «Series 4» gebucht. Jawohl, Lightning tauscht ihr Schwert gegen die Handtäschchen des Luxuslabels und posiert. Alles auf Wunsch von Nicolas Ghesquière, dem französischen Modeschöpfer und Kreativdirektor von Louis Vuitton.

Game- vs. Fashionwelt

«Realität und Fantasie werden eins», schrieb Ghesquière, als er Lightning auf seinem Instagram-Kanal publik machte. Dass die populäre Videospielfigur (Lightning wurde 2013 mit dem Dengeki Playstation Award als «bester Videospiel-Charakter» ausgezeichnet) der aktuellen Kollektion als Vorlage dient, liegt nahe. Denn sie sei, so Ghesquière zum Wirtschaftsmagazin «Fortune», stark von Games und Anime beeinflusst. Dazu passt natürlich der unnatürliche Look von Lightning.

Lightning for @louisvuitton #lvss16

Ein von ???? (@nicolasghesquiere) gepostetes Foto am

Ihre pinke Mähne fällt ihr ins makellose Gesicht, betont die grossen, digitalen, leeren Augen. Nun muss also kein realer Mensch bis zur Unkenntlichkeit gephotoshopt werden und den inhaltlosen Blick für das Modelabel mimen – das übernimmt jetzt Lightning als grafische Stellvertreterin, die Vuittons neue Modekollektion direkt auf den virtuellen Körper geschneidert bekommt. Ob sie damit den Unterschied zwischen Realität und Fiktion in der bearbeitungsfreudigen Modebranche noch mehr verwischt? Sie dürfte ihn eher noch betonen.

Das Naturell des Avatars

Das menschliche Pendant zum Avatar-Model scheint Louis Vuitton bereits gefunden zu haben: das australische Model Fernanda Ly, ein reales Gesicht des Modelabels. Ly nimmt den Trend zum Künstlichen auf, macht den japanischen Verkleidungstrend Cosplay alltagstauglich und stolziert mit rosarotem Haar nicht nur über die grossen Laufstege, sondern auch auf den Strassen von New York, wo das Model arbeitet. Den leeren Blick wird Ly jedoch nie so beherrschen wie Lightning. Denn: Er gehört zum Naturell des Avatars.

Ein von fernanda (@warukatta) gepostetes Foto am

(baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.01.2016, 18:39 Uhr

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5 Kommentare

Helmut Kohl

05.01.2016, 20:00 Uhr
Melden 28 Empfehlung 1

Ja super und jetzt versuchen die ganzen Modepüppchen noch einem Avatar nachzueifern. Als wäre die Versacetante mit den aufgespritzen Lippen und Echsenlook nicht schon schlimm genug. Antworten


Willem Lammers

06.01.2016, 05:39 Uhr
Melden 12 Empfehlung 0

Die Industrie hat kein Bedürfnis nach einem realen Vorbild für ihre Zielgruppe. Das würde nur noch stören. Dies ist nur die äusserste, und logische, Konsequenz der Entmenschlichung durch Kapital und Konsum. Als nächstes ist unser Denken dran, vororogrammiert durch Mattel's digitales Barbie, gefüttert durch die Cloud. Antworten