Schwalbe und Moral

Die schwülstige Empörung, die mit einer Schwalbe einhergeht, ist fast so schlimm wie die Schwalbe selbst.

Schwalbe von Arturo Vidal im gestrigen Spiel Bayern München gegen Werder Bremen.

Schwalbe von Arturo Vidal im gestrigen Spiel Bayern München gegen Werder Bremen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Bayern Münchens Arturo Vidal sprintet in den Strafraum, Werder-Verteidiger Janek Sternberg grätscht, Vidal hebt ab, landet weich. Penalty. Tor. Riesenempörung im Stadion.

Riesenempörung heute auch in den Medien und auf Twitter unter dem Hashtag #vidalich:

Auch der FC Zürich erzielte gestern dank einer Schwalbe ein Tor. Ja, entweder man machts oder nicht. Die Schwalbe, diese spektakuläre Mischung aus Betrug und Selbstmitleid, ist Charaktersache. Sie hat nichts mit den technischen Fähigkeiten eines Spielers zu tun. Brachialstürmer setzen sie genauso ein wie begnadete Dribbler – beziehungsweise eben nicht: Arjen Robben taucht oft, Messi nie.

Woran kein Zweifel besteht, ist die moralische Verwerflichkeit von Schwalben. Amerikaner und Eishockeyfans schütteln darüber schon lange den Kopf. Inzwischen sehen das auch die meisten Fussballfans so.

Woher kommt der fast schon heilige Zorn auf die Schwalbe? Wann hat er eingesetzt?

Die naheliegende Antwort: mit dem technologischen Fortschritt, den Zoom-fähigen Kameras, den Zeitlupen. Also in den frühen 90ern. Dies war auch die Zeit, als der Fussball kultiviert wurde. Das Spiel änderte sich, Taktik und Technik wurden wichtiger. Die Trainer tauschten ihre Sportjacken gegen Massanzüge ein. Endlose Analysen folgen seither einem Spiel, Spielzüge sind nicht mehr bloss «toll», sondern «intelligent».

In dieser schönen neuen Fussballwelt hatte die Schwalbe keinen Platz mehr. Sie war eine Erinnerung an die alten Zeiten. Eine Erinnerung auch daran, wie unfair Fussball sein kann. Aber ist das nicht just, was die Faszination Fussball ausmacht – das Unberechenbare, Komische, das in dieser Sportart ja systeminhärent ist? Da dominiert eine Mannschaft während 90 Minuten, und am Ende gewinnt der Gegner!

Der ecuadorianische Fussballexperte Alejandro Chacoff hat sich ausführlich mit der Schwalbe befasst und erachtet die Empörung darüber als moralistisch. Tatsächlich mutet diese seltsam an, wenn man bedenkt, dass das Fussballspiel von Betrug und Unfairness durchdrungen ist. Fouls, Zeitschinden, Reklamieren, Anschwärzen, Trashtalk, Handspiel, Ablenkmanöver von Goalies etc. Wenn diese Delikte alle derselben Empörung und Härte begegnen würden wie die Schwalbe, müsste das Spiel verboten werden.

Wird die Schwalbe stellvertretend für die anderen unfairen Aktionen an den Pranger gestellt? Chacoff vergleicht die schwülstige Empörung, die mit einer Schwalbe einhergeht, mit einem Showprozess oder der Gentrifizierung: dreckige Strassen eliminieren, um schöne Fassaden zu präsentieren. Wie wahr auch, wenn man an den Vater der «Fifa-Fairplay- Kampagne» denkt – Sepp Blatter.

Was denken Sie über Schwalben und Schwalbenkönige: miese Betrüger oder gewiefte Schlitzohre? Meinungen bitte unten eintragen. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.04.2016, 10:56 Uhr

Artikel zum Thema

Vidal und Müller lassen Bayern jubeln

Bayern München steht erneut im Halbfinal der Champions League. Dem deutschen Rekordmeister genügt im Rückspiel bei Benfica Lissabon nach dem 1:0 zu Hause ein 2:2 Mehr...

Constantin droht Schiedsrichter mit Anzeige

Nach dem YB-Sieg gegen Sion reden alle über Sulejmanis Schwalbe. Dabei geht die Post bei Sions Präsident ab. Mehr...

Van Gaals Schwalbe an der Seitenlinie

Video Die Schauspieleinlage des holländischen Trainers ist die Szene der Partie zwischen Arsenal und Manchester United. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Verlockend bunt: Eine Biene landet im Botanischen Garten von München auf der Blüte eines Zitronen-Zylinderputzers. (29. Mai 2017)
(Bild: Sven Hoppe/DPA) Mehr...