Kultur

Statussymbole statt Nahrungsmittel

Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 10.08.2011 312 Kommentare

Sind die Plünderer in England gewöhnliche Diebe – oder moderne Robin Hoods?

1/20 In Birmingham kommt es zu Plünderungen. (9. August 2011)
Bild: Keystone

   

Vierte Krawallnacht: Zentrum der Gewalt war in der Nacht die nordwestenglische Metropole Manchester. (Video: Reuters )

Ohne Gewissen: Video zeigt Jugendliche, die einen bereits verletzten Jungen auf der Strasse ausrauben. (Video: Reuters )

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Die Unruhen in London nehmen kein Ende. Insgesamt wurden seit dem Ausbruch am vergangenen Samstag 1335 Menschen in Gewahrsam genommen. Viele von ihnen wegen Plünderung – ein soziologisch interessanter Aspekt.

Per Definition ist eine Plünderung eine «unbefugte Aneignung von Sachen, die infolge von Krieg, Brand, Naturkatastrophen oder sonstigen Störungen der öffentlichen Ordnung dem allgemeinen Zugriff offenliegen». Das trifft auch auf die Geschehnisse in England zu. Was dieses Mal anders ist: Es sind keine Banken, die die Jugendlichen verwüsten, wie damals in Athen. Sie attackieren auch keine McDonald's-Filialen – wie traditionellerweise bei den Unruhen am 1. Mai. Stattdessen plündern die Aufständischen H&M-Filialen, wobei sie die Kleider nicht nur stehlen, sondern sie zuvor anprobieren. Andere beliebte Ziele sind Schuhläden oder Modeboutiquen und Hi-Fi-Shops.

Offenbar haben die Randalierer in London keine explizite politische Agenda. Doch wenn die Krawalle nicht politisch motiviert sind – was sind sie dann?

Interessanterweise werfen die Plünderungen, die ja vom Konsumverhalten der Randalierer geprägt sind, ein grelles Licht auf die Motive der Jugendlichen. So heisst es im «Independent», dass die Plünderungen «eine natürliche menschliche Reaktion auf brutale Armut» seien. Die Proteste sind demnach das direkte Resultat einer Politik, die bei der Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und Armut versagt hat. «Arm zu sein, ist gerade in einer reichen Gesellschaft eine permanente Demütigung», so die «Independent»-Kommentatorin weiter. So gesehen, verhalten sich die Jugendlichen wie moderne Robin Hoods, die sich nehmen, was ihnen ihrer Meinung nach zusteht. Lassen sich die Taten so entschuldigen? Kaum. Dann schon eher mit Bandenkriminalität und Drogensucht oder der Kürzung von 75 Prozent im Jugendetat des Bezirks Haringey - in dem das Ur-Krawallviertel Tottenham liegt.

Ungerechtigkeit oder Missgunst?

Am anderen Ende des Interpretationsspektrums sind jene, die in den Plünderungen nichts anderes als gewöhnliche Diebstähle sehen. Die Bilder der Gewalt erinnern sie nicht an soziale Forderungen oder Proteste, sondern an kriminelle Vergehen. Fussballer Wayne Rooney etwa twittert wütend über die Krawalle in seiner Heimat: «Das ist eine Schande für unser Land! Nur weil sie nicht arbeiten, ist es okay, Häuser abzufackeln und einzubrechen?» Rooneys Meinung wird von konservativen Politikern geteilt, die den Krawallen eine sozialpolitische Dimension vehement absprechen. Ein konservativer Abgeordneter des Europaparlaments forderte die Armee gar auf, die Unruhestifter im Notfall zu erschiessen. Auch für viele Bürger sind die randalierenden Jugendlichen keine Opfer, sondern typische Beispiele für die Opferkultur: Leute, die nichts selber leisten, sondern Hilfe von anderen erwarten.

Ungerechtigkeit oder Missgunst? Starkoch Jamie Oliver, sonst für seine soziale Art bekannt, tendiert zu Letzterem. Nachdem eines seiner Restaurants attackiert worden war, klagte er ebenfalls via Twitter: «Alle sind verrückt geworden. Es ist so traurig, das zu sehen. Wir müssen hart gegen diese Idioten vorgehen.» Tatsächlich lassen die geplünderten Objekte – nämlich Statussymbole, keine Nahrungsmittel – die Randalierer nicht als moderne Robin Hoods erscheinen. Statt sozial wird egoistisch gehandelt. Diese Argumente brauchen die Regierung freilich nicht zwingend zu entlasten. Auch wenn die Plünderungen egoistische Akte sind, können sie dem giftigen und explosiven Nährboden entstammen, zu dem die brutale Sparpolitik von Premierminister Cameron führte.

Eine Analyse fern von Diebstahl und Robin Hood hat der forensische Psychologe Kay Nooney im «Guardian» parat. Seine Einschätzung erinnert einen als Schweizer an die 1.-Mai-Ausschreitungen in Zürich: «Was wir hier sehen, ist eine grosse Anzahl impulsiver Leute, die das Abenteuer ihres Lebens haben.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.08.2011, 15:14 Uhr

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312 Kommentare

Parvaneh Ferhadi

10.08.2011, 13:04 Uhr
Melden 284 Empfehlung

Wenn man sehe, wie Jugendliche Geschäfte plündern und dabei lachten, sei klar, dass in der Gesellschaft etwas nicht stimme, meint Cameron. Schreiben wir den Satz doch neu: Wenn man sehe, wie Banker die Geschellschaft plündern und dabei lachten, sei klar, dass in der Gesellschaft etwas nicht stimme. Antworten


Alexander Müller

10.08.2011, 11:06 Uhr
Melden 133 Empfehlung

Die Szenen in England erinnern an die Krawalle in den Banlieus von Paris. Offensichtlich ist das Multikulti-Experiment in England gründlich gescheitert. Antworten




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