«Trump? – Ich trample nicht mit!»

«Wir leben in interessanten Zeiten», sagt der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger. Die Gegenwart hat er bereits vor einem Vierteljahrhundert beschrieben. Ein Besuch in München-Schwabing.

«Ich hasse diese Interviews. Das ist eine Sauarbeit und unbezahlt, und ich bin der Idiot.» Hans Magnus Enzensberger, 87.

«Ich hasse diese Interviews. Das ist eine Sauarbeit und unbezahlt, und ich bin der Idiot.» Hans Magnus Enzensberger, 87. Bild: Keystone

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Hans Magnus Enzensberger hat poetische Spitznamen. Ein Luftmensch sei er oder ein Luftwesen, ein Verflüchtiger, aber auch ein Abschüttler, und immer, so heisst es, sei er einen Schritt weiter als all die anderen. In Deutschland wird er bewundert, aber nicht geliebt, und wäre es anders, würde er sich dieser Liebe bestimmt entziehen, schreibend. Er läuft nicht mit, er geht heiter voran. Gefolgschaft hat er nie gesucht.

Enzensberger ist der Liberale unter den grossen deutschen Schriftstellern seiner Generation. Selten schlägt er sich auf eine Seite, und wenn, dann nur für kurze Zeit. Als freier Denker ist er so richtig bequem für niemanden. 1980, mit 51 Jahren, schrieb er ein berühmt gewordenes Gedicht. Es heisst «Der Fliegende Robert» und ist ein Selbstporträt in Versform:

Eskapismus, ruft ihr mir zu,
vorwurfsvoll.
Was denn sonst, antworte ich,
bei diesem Sauwetter! –
spanne den Regenschirm auf
und erhebe mich in die Lüfte.

Wer braucht eine Autobiografie, der sich in sechs Zeilen selbst beschreiben kann?

Wenn wir nach München kämen, unterhalte er sich gerne mit uns, schrieb Enzensberger. Ein Porträt, meinte er, sei wohl die «beste Lösung», denn ein Interview habe er eben gegeben – «eine Doublette wäre sicher nicht in Ihrem Sinn». Für Politisches sei er aber nicht der richtige Gesprächspartner, warnte er. Er sei, wie die Franzosen sagen, «eher ein Homme de Lettres». An das Ende seines E-Mails setzte er die Worte: «Mit freundlichen Empfehlungen, Hans Magnus Enzensberger».

Schimpf und Zeter

Auf dem Holztisch seiner Arbeitswohnung steht eine Schale mit Krimskrams: aufziehbares Blechspielzeug, eine Pilotensonnenbrille, eine Wasserwaage von Würth. Daneben liegt die New York Review of Books, der aufgeschlagene Artikel heisst «Kierkegaard’s Rebellion». Es ist drei Uhr nachmittags, und vom Englischen Garten her blendet ein Licht gleissend in unsere Gesichter. Draussen ist München­-Schwabing, draussen ist russische Kälte.

«Brauchen Sie Eis?», fragt Enzensberger. Er steht in Socken und kerzengerade in der Küche, um uns Leitungswasser zu besorgen. Seine Bewegungen erinnern an einen Schauspieler, der sich aufwärmt: ausladend, von auffälliger Agilität. Dass er 87 Jahre alt ist, mag man kaum glauben. Es ist merkwürdig mit Enzensberger: Als Junger sah er alt aus, als Alter wirkt er jung.

Er hält es mit Churchill: «Sport ist Mord» – dafür raucht er Benson & Hedges Gold. 10 Milligramm Teer pro Zigarette. Starker Tabak, wie man so sagt. Aber Enzensberger raucht weniger, als er rauchen könnte. Er spielt eher mit dem Gedanken, zu rauchen, und vor allem spielt er mit der Zigarettenschachtel und dem Feuerzeug. Wenn er vom Stuhl aufsteht, ist das mehr ein Hüpfen. Wie viele alte Männer, die noch fit sind, hat auch Enzensberger seinen Gesundheitsstolz. Ein bis zwei Stunden täglich spaziere er herum, gerne auch im Englischen Garten.

«Ich hasse diese Interviews», sagt er. «Das ist eine Sauarbeit und unbezahlt, und ich bin der Idiot.» Er rede ja nicht druckreif, sondern so, wie ihm der Schnabel gewachsen sei. Adorno konnte druckreif sprechen, sagt er. «Ich will des gar nicht.» Die meisten Journalisten seien faule Kerle, die nur das Tonband abschrieben.

Das vergnügte Schimpfen und Zetern ist sein bevorzugter Gesprächston. Er muss und will nicht beweisen, was er alles weiss und wie genau er dieses Wissen formulieren kann. Seine mündliche Sprache, die er lieber nicht transkribiert sehen will, ist frei von jedem intellektuellen Angebertum.

Woran er gerade arbeite? – «Jetzt?!», ruft Enzensberger. «Warum soll man denn jetzt über ungelegte Eier reden?» Dann denkt er nach. «Was hab ich denn zuletzt gemacht? Ah, ja, zuletzt habe ich Folgendes gemacht!» Hüpft auf und ist gleich mit einem Buch zurück.

In letzter Zeit habe er ein bisschen zu viel veröffentlicht, sagt er. «Sie kennen ja dieses Überproduktions- Problem.» Möglicherweise haben wir genickt. Im Jahr 2016 habe er deshalb den Vorsatz gefasst, kein neues Buch in den Handel zu bringen. «Martin Walser taucht ja jedes Jahr mit einem Roman auf, und natürlich sagen da die Leute irgendwann: schon wieder!» Enzensberger möchte kein Schon-wieder-Autor sein.

Er hat zwar kein Buch veröffentlicht, aber eines geschrieben: Privatdruck, 99 Exemplare, nur für Freunde und Verwandte, jene Leute, die ihn Magnus nennen dürfen. Er präsentiert es uns grinsend und etwas verschwörerisch, als hätte er damit den gesamten deutschen Literaturbetrieb überlistet. «Eine Art Autobiografie», erklärt er. Erinnerungen aus seinen ersten zwanzig Jahren, anekdotisch erzählt und mit Bildern versehen.

Was ist die erste Erinnerung? «Ja, das weiss ich nicht», sagt Enzensberger, der ohnehin gerne behauptet, sich nur ganz schlecht erinnern zu können. «Zu Hause, aus einem Fenster», sagt er dann, um gleich anzumerken, dass die Erinnerung eine lückenhafte, trügerische Sache sei. Darum heisse sein Buch «Opus incertum» – ein unsicheres Werk.

Enzensberger zündet sich eine Zigarette an, um jetzt da einzusetzen, wo das Buch ungefähr endet. Er erzählt, worauf er gerade Lust hat. Er war einmal Barkeeper bei der Royal Air Force, betätigte sich nach dem Krieg im Schwarzhandel – darüber spricht er heute nicht. Heute spricht er über sein Studium: eine herrliche Zeit, eine freie Zeit. Er habe «à la carte» studieren können, sagt er. Dann schimpft er ein bisschen über die Prüderie der 50er-Jahre.

Zwei Telefone klingeln gleichzeitig, ein kabelloses neben dem Tisch und ein zweites, irgendwo in einem anderen Winkel der Wohnung. «Jetzt will da wieder jemand anrufen», sagt Enzensberger und geht, gerader Rücken, gereckte Brust, zum weiter entfernten Telefon. «Wer das wieder ist», murmelt er, während es weiter klingelt. «Ja, ja, ich komme schon!» Wir sehen ihn nicht mehr, aber hören ihn noch immer: «Ah ja, ja … ja, ja … und bitte bringen Sie keinen Fotografen mit, das brauchen wir nicht … gut, bis dann.»

Rückwärts in die Gegenwart

Er kehrt zurück und beklagt sich über den Journalisten am Telefon. «Die wollen immer irgendwelche Aktualitäten.» Der Mann habe sich erkundigt, ob er etwas zu Herrn Trump sagen wolle – er denke nicht im Traum daran. Der Spiegel sei voll mit diesem Trump. «Ich trample nicht mit.»

Oft ist es so, dass Enzensberger über Aktualitäten zu einem Zeitpunkt spricht, da sie noch keine Aktualitäten sind. Wer seine Essays «Die grosse ­Wanderung» und «Aussichten auf den Bürgerkrieg» liest, begegnet dem Deutschland der unmittelbaren Gegenwart. Es ist so, als würde er exakt den Zustand und die Probleme des Landes in der Flüchtlingskrise beschreiben. Die Texte stammen aus den frühen 90er-Jahren.

Über die Willkommenskultur schrieb er, bevor es sie gegeben hat. Enzens­berger sah die moralische Überheblichkeit deutscher Politiker, die fehlende Integrationsbereitschaft der Migranten und eine deutsche Gesellschaft, die kaum Angebote macht, um Fremde zu integrieren. Aber Enzensberger kreiste nicht nur in der Luft herum, wie ihm gerne nachgesagt wird, er legte sich auch fest: «Für die Deutschen muss es heissen: Nicht Somalia ist unsere Priorität, sondern Hoyerswerda und Rostock, Mölln und Solingen. Dazu reichen unsere Handlungsmöglichkeiten, das ist jedem Einzelnen zuzumuten, dafür haben wir zu haften.» Die Ortsnamen sind Chiffren für die gewalttätige Fremdenfeindlichkeit im Deutschland der frühen 90er-Jahre.

2015, kurz vor der Flüchtlingskrise, wurden die Essays als «Versuche über den Unfrieden» noch einmal veröffentlicht. Die Rezensenten wehrten sie als Polemiken ab. Martin Meyer, der damalige Feuilletonchef der NZZ, schrieb als einer von wenigen: «Unkontrollierte Migration, Banlieue-Unruhen, Terrorherrschaft – vieles von dem, was uns heute umtreibt, hat Hans Magnus Enzensberger vor Jahrzehnten vorausgesagt.» Sein Artikel beginnt mit den Worten: «Kassandra war nicht beliebt.»

Enzensberger hört sich an, wie er als halber Prophet beschrieben wird, und sagt: «Es kommt vor, dass man etwas bemerkt hat.» Mandelstam habe einmal gesagt, die erste Tugend eines Dichters sei die Aufmerksamkeit. «Das ist doch ein guter Satz, oder?» Nun aber, da die ganze Nation sich mit diesem Thema beschäftige, habe er überhaupt keine Lust, irgendwie nachzulegen.

Enzensberger beschäftigt sich mit anderen Dingen, scheinbar isoliert von der Gegenwart. 2016 schreibt er – Terrorattentate erschüttern das Land – ein Buch mit Kindheits-Anekdoten.

Jetzt muss er aber etwas klarstellen: Nur weil er zu Trump und zu den Flüchtlingen nichts sagen wolle, bedeute das nicht, dass er nicht «en courant» sei. Er habe Leute, die ihm berichten würden, und daneben genüge eine Zeitung, und diese Zeitung müsse die Frankfurter Allgemeine sein. «Man muss die FAZ lesen», sagt Enzensberger. «Erstens: Der Wirtschaftsteil ist gut. Die Leute, die Kapital anlegen, wollen nicht an der Nase herumgeführt werden.» Zweitens? Enzensberger ist bereits in China.

«Wir leben in interessanten Zeiten», sagt er, und die Chinesen hielten solche Zeiten für einen Fluch. Er freut sich über die Chinesen und spricht einen fiktiven Dialog.

Einer sagt: «Du lebst in interes­santen Zeiten.»
Der andere: «Schade.»
Enzensberger kichert in sich hinein.

Scheppernder Krimskrams

Ob er auch langweilige Zeiten erlebt habe? «Aber ja!», ruft Enzensberger. Das Wirtschaftswunder in Deutschland sei langweilig gewesen. Er gehöre allerdings zu den Leuten, die ohnehin ewig unzufrieden seien. «In der Nazizeit unzufrieden, in der Nachkriegszeit unzufrieden, ich war ja immer unzufrieden und habe immer geschimpft.»

Das sei aber keine persönliche Eigenschaft, es habe mit seinem Temperament zu tun. Er klopft zweimal kräftig auf die Tischplatte, dass es im Krimskrams-Korb nur so scheppert. Einen Moment später sagt er: «Ich bin aber kein wütender Typ, nein, ich lehne mich ja auch zurück.» Und weil er seine Worte gerne expressiv unterlegt, gibt er jetzt in seinem Sessel den grossen Zurücklehner.

«Was wollen Sie denn machen?», fragt Enzensberger, «ich war auch während der Nazizeit oft ganz vergnügt. Ich hatte eine gute Kindheit.» Seine Eltern seien keine Nazis gewesen. Der Vater war Posthalter im bayerischen Allgäu, die Mutter kümmerte sich um die vier Söhne. Enzensberger nennt es ein «bürgerliches Elternhaus».

Mit Deutschland scheint er versöhnter zu sein als auch schon. «Es gibt Momente von Zivilisation in Deutschland», sagt Enzensberger, «sogar Leute, die sich benehmen.» Das sah er nicht immer so. In den frühen 60er-Jahren lebte er mit Frau und Kind zurückgezogen in Norwegen, weit weg von Wirtschaftswunderdeutschland, und dichtete am abgelegenen See:

Ruhig waren die nördlichen Abende im Juni,
sorglos schlug die Messinguhr auf der Insel,
vergesslich stand das hölzerne Haus, das gefriedete,
in dem es nicht dunkel wurde,
ruhig, ruhig lag das Boot am Steg,
als wäre das Glück gewesen, ruhig

Letztlich doch zu ruhig für Enzensberger. Wo sich in Deutschland ein historischer Umbruch ankündigte, hielt er es in seiner Norweger Idylle nicht mehr aus. Er kehrte zurück, nach Berlin, die «Stadt der Wichtigkeit», wie er heute sagt. Zehn Jahre hat er dort gelebt, von 1965 bis 1975, im etwas behäbigen Friedenau, wo sich die halbe deutsche Geisteswelt traf. Das sei eine komische Sache gewesen, sagt Enzensberger: «Da sass der Grass, da sass der Johnson, da sass der Frisch und andere. Die sassen alle irgendwie in Friedenau.»

In der Künstlerkolonie sind also alle herumgesessen, und der Grass habe dicke Romane geschrieben und sei erfolgreich gewesen, und der Frisch sei «Bestseller-Verfasser» gewesen – beides klingt ziemlich spöttisch. Und das Verhältnis untereinander? «Eigentlich ganz angenehm, kollegial», bis die 68er-Nummer gekommen sei und sich alle heillos zerstritten hätten.

Enzensberger hüpft jetzt nicht mehr, er springt regelrecht durch die Zeiten, in grössten Sätzen. Was damals passiert sei, passiere wahnsinnig selten, sagt er. «Denn 1918 war ja nichts. Eigentlich war 1848 zum letzten Mal in Deutschland etwas in Bewegung geraten.» Wir sind uns nicht ganz sicher, ob er das ernst meint oder bloss unsere Aufmerksamkeit testen will, aber er erzählt so animiert, dass wir ihn nicht unterbrechen. «1968 war ein europäisches Beben, wo alles durch­einanderkam», sagt er. «Interessante ­Zeiten!»

Enzensberger war damals 39 Jahre alt, Büchner-Preis-Träger und Mitglied der Gruppe 47, ein gefeierter Lyriker, ein öffentlicher Intellektueller, und stand im Epizentrum dieses Bebens. Er war der ältere Bruder, buchstäblich und übertragen: Ulrich, ein jüngerer Bruder, bildete mit Rainer Langhans und den anderen Hedonisten die Kommune 1, die Theoretiker um Rudi Dutschke diskutierten mit Enzensberger über die Revolution und lasen seine Zeitschrift Kursbuch, wo die linke Intelligenz ihre Essays veröffentlichte.

Gütiger Hirte

Enzensberger nennt es «teilnehmende Beobachtung», was er damals tat, als hätte er einen Eingeborenenstamm in Papua-Neuguinea beobachtet – und so meint er es auch: «Du musst mit ihnen essen, wenn du etwas über sie herausfinden willst, mit ihnen tanzen, manchmal mit ihnen schlafen, aber trotzdem bist du nicht einer von ihnen. Da gibt es immer eine gewisse Beobachtungsdistanz. Das ist die Methode.»

Sein Papua-Neuguinea hiess Berlin­-Friedenau. «Ich hatte dieses Haus, und da durften alle kommen und sich streiten, und es blieb unter uns», sagt er. «Die einzige Regel war: Ich bin der Gastgeber, und keiner wird das Haus und die Zeitschrift übernehmen.» Und wie er fast ein halbes Jahrhundert später davon erzählt, erscheint er nicht einfach als grosser Bruder, eher als gütiger Vater, als Hirte, der seine Herde sich austoben liess.

Enzensberger bäumt sich auf in seinem Stuhl, so will er das nicht verstanden wissen: «Ich liess mir nichts gefallen!», sagt er energisch, aber gleich lehnt er sich wieder zurück und neutralisiert die Emphase mit ostentativer Gelassenheit. «Das sind Tempi passati, das ist alles ewig lange her, das ist ja schon Vorzeit, graue Vorzeit alles.»

Das macht er gerne: die Dinge ins Kleine übertreiben, bis sie fast nicht mehr da sind, zumindest an diesem halkyonischen Münchner Frühwinternachmittag, der nun langsam in einen Frühwinterabend übergeht.

Man habe natürlich viel Blödsinn gemacht, sagt er noch, um das Gespräch in einer Volte, die man enzensbergeresk nennen könnte, auf uns zu lenken. Ob wir denn auch schon Blödsinn angestellt hätten, will er wissen. Mit einiger Befriedigung beobachtet er unsere Reaktion. «Wenn Ihnen kein Blödsinn einfällt, dann wird es allmählich Zeit!»

Enzensberger ist ein neckischer Alter – und ein grosser Realitätsprediger. Das ganze Revolutions-Gerede in den späten 60er-Jahren, das habe ihm damals schon nicht eingeleuchtet, sagt er. «Man ist zum Kiosk oder zum Lebensmittelhändler um die Ecke gegangen, und eines war ja vollkommen klar: Es war keinerlei revolutionäre Situation vorhanden!»

Er vergleicht das Berlin von 1968 mit dem Zürich von 1980. «Züri brännt, sage ich nur mal», sagt er und sagt es tatsächlich auf Schweizerdeutsch. «Züri brännt, das war doch nicht wahr, das hat ja gar nicht gebrannt. Züri hat nicht gebrannt! Man brauchte nur rauszugehen.» Und dann noch einmal, weil es so schön und so wahr ist: «Züri hat nicht gebrannt!» Wir lachen, und er lacht auch. Alte Geschichten, entspannte Stimmung.

Vielleicht ist das der richtige Moment, um von der Politik ins Private zu wechseln, zum Beispiel zur Liebe, aber Enzensberger ist anderer Meinung. Er findet das Thema uninteressant, zumindest literarisch. «Liebesgeschichten gibt es natürlich immer», sagt er, «das ist ja klar, das hat ja jeder.» Nur die Romane dazu: langweilig! «Die Freundin läuft weg, einer hat eine Werbeagentur, und dann ist etwas in der Toskana – das interessiert mich überhaupt nicht!» Auch der Ehebruch: «seit Madame Bovary und Anna Karenina als literarisches Thema erledigt». Er wirkt gerade nicht, als würde er Widerspruch freudig begrüssen.

Stattdessen redet er über andere Sinnesfreuden: «Essen ist ganz wichtig», erklärt er und ist bald so begeistert von diesem Thema, dass er doch noch auf die Liebe zu sprechen kommt, über den Umweg des Kochens. Er könne sich bestens selbst verpflegen, teilt er mit, obschon er verheiratet sei – und hebt an: «Ich bin ja monogam geworden, ich bin mit derselben Frau schon über dreissig Jahre zusammen. Das ist doch angenehm! Das war eine merkwürdige, überraschende Entdeckung: die Monogamie.»

Er redet von sich wie von einem Gegenstand, den es zu erforschen gilt. Teilnehmende Beobachtung.

Wie Tante Emma sagte

Die Monogamie, sagt Enzensberger, sei ihm «einfach so passiert». Mit 40 hätte er sich das nicht vorstellen können. Um diese unglaubliche Entwicklung zu erklären, kramt er im Fundus des Familienwissens und findet einen passenden Satz: «Das rüttelt sich zurecht, wie meine Tante Emma zu sagen pflegte.» Den Abriss seiner Liebesbiografie schliesst er mit einer fast klassischen, weil herrlich koketten Enzensberger-Bemerkung: «Ist doch auch nicht schlecht.» Damit scheint für ihn alles gesagt. Es ist die antiautoritäre Autorität der enzensbergerschen Gesprächsführung.

Seine Frau bleibt uns als Gesprächsgegenstand aber erhalten. Mit ihr wohnt er in der Wohn-Wohnung ganz in der Nähe, und sie sei es, die ihm regelmässig sage: «Du bist ein Workaholic.» Enzensberger kommentiert: «Eigentlich ist mein Idealzustand die Faulheit. Aber die ist schwer zu erreichen.»

Er dreht eine unangezündete Zigarette in seinen Fingern und vergleicht seine Arbeit mit dem Rauchen: «Ich kann es nicht lassen. Es ist leicht, mit dem Schreiben anzufangen, aber schwer, damit aufzuhören.» Dann steckt er sich die Zigarette an und bläst den Rauch in das dämmrige Licht der Arbeitswohnung.

Enzensberger sieht sich als Unternehmer – oder genauer: «als winziger, winziger Unternehmer». Und wie jeder Unternehmer ist er geschäftlichen Risiken ausgesetzt. «Der Beruf des Schriftstellers ist ein Up and Down. ­Kritiker sagen: Es ist in letzter Zeit still um ihn geworden – solche Sprüche. Das ist doch wurscht!» Er nennt das «Berufs­risiko» und fügt an: «Andere Berufe haben auch ihre Risiken. Dachdecker fallen runter, Bergarbeiter kriegen Staublunge.» So kann man es natürlich auch sehen.

Er selbst hat die Risiken seines Berufs so erfolgreich gehandhabt, dass er sich eine Arbeitswohnung leisten kann – und den Luxus, einzelne Bücher gar nicht erst zu publizieren. Umfassend genug sind sein Werk und sein Wirken auch so.

Enzensberger hat Romane und Sachbücher geschrieben, Erzählungen und Gedichte, Kinderbücher und Essays; er hat Autoren gefördert, Bücher herausgegeben und Zeitschriften gegründet; er ist in Formen gesprungen und in Themen gehüpft, und oft konnte er die Gegenstände in kurzer Zeit besser beschreiben als die Experten, die sich damit ein Arbeitsleben lang abmühten.

Doppelung, Wiederholung, Routine – allein die Wörter haben etwas Quälendes, wenn Enzensberger sie ­ausspricht. All das entspreche ihm «temperamentsmässig» nicht, wie er sagt. «Ich will Abwechslung, ich will mich amüsieren.»

Romane beurteilt er eher ablehnend. Er nennt sie «Vampire», weil ihre Anlage eine ausbeuterische sei, umso mehr, wenn es sich um autobiografische Romane handle. Dazu komme der Umfang: «Von mir wird es nie diese 800-Seiten-Dinger geben», sagt er. «Life’s too short.» Lange Bücher seien eine Zumutung, mit wenigen ­Ausnahmen. «Die ‹Odyssee› ist nicht schlecht», sagt Enzensberger.

Mit «Tumult» hat er zwar selbst ein Buch geschrieben, das sich als autobiografischer Roman bezeichnen liesse, aber so viel Widerspruch hält des Dichters Leben aus. Den Intimitäten, die er dort ausbreitet (seine amour fou mit einer Frau aus Leningrad), scheint er hier und heute keine neuen hinzufügen zu wollen. Ein Erzählonkel ist er ohnehin nicht. Wenn er beichtet, dann als Poet, wie in seinem Gedicht «Unterlassungssünden»:

Ja, ich habe unentschuldigt gefehlt.
Als die Not am grössten war,
bin ich nicht herbeigeeilt.
Verpasste Liebesnächte,
beim Völkerballe eine Katastrophe,
nie richtig schwimmen gelernt.

….

Wenn ihr könnt, verzeiht mir.
Oder ihr lasst es bleiben.

Das Urteil der Öffentlichkeit scheint ihn nicht mehr sehr zu interessieren, mit zunehmendem Alter fehlt ihm auch die Geduld für seine Kritiker. Artikel, so die Anweisung an seinen Verlag, sollen ihm gesammelt alle paar Monate geschickt werden. «Ich will nicht alle drei Tage eine blöde Rezension sehen.» Wenn der Haufen da sei, schmeisse er das meiste gleich wieder weg. Enzensberger steht auf, holt einen grossen Papierkorb und trägt ihn zu Demonstrationszwecken durch die halbe Wohnung. Er hat zwei davon. Zwei Papierkörbe und zwei Telefone.

Sizilien vielleicht

Gibt es etwas, dem er sich nicht gewachsen fühlt? «Ja selbstverständlich», ruft er aus. «Ich kann kein Wort Chinesisch. Ich meine: Ich habe doch keine Ahnung von China.» Auf den Hinweis, dass er erst 2015 im Spiegel über China geschrieben habe, meint Enzensberger: «Ja, es ist ja nicht so, dass man gar nichts weiss.» Aber es ziehe ihn nicht dorthin.

Früher hat es ihn oft weggezogen. Im Kalten Krieg hat er die Welt bereist, in Norwegen gelebt und in den USA, in der Sowjetunion und in Kuba, heute beschreibt er kleinere Kreise. Zuletzt sei er womöglich in Sizilien gewesen. Er tut so, als könne er sich nicht recht ­erinnern, und amüsiert sich dabei prächtig.

Dann muss er noch einmal schimpfen. Fliegen, sagt Enzensberger, sei ungesund und heutzutage entwürdigend. Man müsse die Schuhe ausziehen und den Gürtel, eine Leibesvisitation über sich ergehen lassen – «eine Demütigung sondergleichen». Später sitze man zehn Stunden lang in einer engen Kabine. Er verkrümmt sich in seinem Sessel, als sei er eine Büchsensardine. «Fliegen», lautet sein Richtspruch, «ist keine zivilisierte Form der Fortbewegung mehr.»

Enzensberger, das Luftwesen, er­klärt stattdessen das Gehen zur angemessenen Form der Fortbewegung. «Kein Krach, keine Kosten, keine ­‹Pollution›, das ist doch angenehm.»

Allmählich verschwimmen seine Umrisse in der Dämmerung und im Rauch einer letzten Zigarette. «Wir sind am Ende» sagt er, hüpft auf und macht im Gang das Licht an. (Basler Zeitung)

Erstellt: 10.01.2017, 09:09 Uhr

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