Kultur
«Warum darf ich Christoph Blocher nicht bewundern?»
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Martin Walser: Tagebücher 1974–1978
Überlingen am deutschen Bodenseeufer, ein strahlender Wintertag. Vor der Bahnstation des Ortsteils Nussdorf wartet Martin Walsers Tochter Johanna mit dem Auto. Das Haus des Schriftstellers liegt anderthalb Kilometer entfernt direkt am Wasser; als Erstes werden die Journalisten vom Hund begrüsst, einem Appenzeller Bläss. Walser (82) sitzt in der Wohnstube, trinkt Grüntee, trägt einen Schal, er hat sich erkältet, gibt aber trotzdem geduldig Auskunft. (TA)
Herr Walser, gerade sind Ihre Tagebücher aus den Jahren 1974–1978 erschienen. Was ist Ihnen aus jener Zeit besonders wichtig?
Es sind Tagebücher eines Schriftstellers, darin begegnet man dem Schreiben als Lebensart. Wenn ich in ein Buch schaue, interessiert mich die Schreibweise. Ist das gut? Hält sich das? Wenn da ein Satz steht: «Ich bin öfter gestürzt als aufgestanden», ist da nichts zu verbessern. Oder: «Erzählen, singen mit geschlossenem Mund.» Es kommt auf die Geglücktheit der Formulierung an. Das ist das A und O.
Finden Sie sich im Martin Walser aus den 70er-Jahren wieder, oder ist Ihnen das heute eine fremde Gestalt?
Das ist mir fremd, dass man sich fremd werden kann. Im Gegenteil. Aber das hat auch mit dem Schreiben zu tun. Wenn ich einen Roman geschrieben habe, dann bleibt nichts so deutlich in mir wie die Gründe, aus denen das damals geschrieben wurde, geschrieben werden musste. Der Roman ist ein Memorial für eine Zeit, in der man so und so war.
Es war eine Zeit, in der es eine klare politische Lagerbildung gab, wobei Sie sich zu den Linken zählten.
Nicht ich mich, man mich! Als ich mich gegen den Vietnamkrieg engagierte, bekam ich Hilfe nur von ganz linken Gruppen. Da hatte ich halt Freunde bei der DKP, der Deutschen Kommunistischen Partei, und die bürgerliche Presse ordnete mich da ein. Reich-Ranicki machte mich in einer bösen Kritik zum Kommunisten. Das war ich keinen Tag in meinem Leben, das hätte nicht zu meiner Biografie gepasst. Damals hat man mich links eingeordnet; als ich gegen die deutsche Teilung war, hat man mich nach rechts geschoben. Nicht ich habe mich bewegt, der Zeitgeist hat mich verschoben.
In den 70er-Jahren mussten Sie erleben, dass «Jenseits der Liebe» in Grund und Boden geschrieben und kurz darauf «Ein fliehendes Pferd» bejubelt wurde – vom selben Kritiker, Marcel Reich-Ranicki.
Damals titelte die FAZ: «Jenseits der Literatur». Das habe ich als Ausquartierung empfunden. Literatur war mein Land. Mindestens genauso grotesk ist es, dass dieser Kritiker zwei Jahre später über das «Fliehende Pferd» schrieb, mit seinem Verriss vor zwei Jahren habe er erreicht, dass ich jetzt ein Glanzstück deutscher Prosa geschrieben hätte. Diese Selbstherrlichkeit!
Beeinflusst Sie eine Kritik?
Ich habe zwei Arten der Kritik erlebt. Die eine nenne ich die väterliche und die andere eine mütterliche Zuwendung. Die väterliche: Der Vater macht deutlich, dass er alles, was er an dem Kind zu kritisieren hat, besser kann. Dadurch entsteht beim Vater Autorität. Er glaubt, dass er dadurch das Kind weiterbringt. Die Mutter will das Kind durch Zustimmung entwickeln – und ich glaube, nur so hat Kritik auf mich gewirkt. Ein Autor lebt mit der Kritik und von ihr. Aber nicht, indem sie ihn belehrt. Es geht um das Geltenlassen. Dass du sein darfst, wie du bist – das hilft.
Hilft Literatur auch?
Ich bin in die Literatur hineingekommen als jemand vom Land, von Wasserburg. Ich kann heute nur schwer begreiflich machen, in was für ein Märchenland ich da hineingewachsen bin: Hölderlin, Schiller, George, Goethe, Dostojewski, von einem fabelhaften Kerl zum anderen, das war doch das Schönste, Grösste, Höchste, was es überhaupt geben kann. Später habe ich bei meinem Denkheiligen, Nietzsche, einen Satz gefunden, der recht abstrakt klingt: Die Welt ist gerechtfertigt als ästhetisches Phänomen. Ich sage: Schreiben heisst, etwas so schön sagen, wie es nicht ist. Und wenn es nicht schön ist, dann kannst du es lassen. Und weiter: Jeder Roman wirft einen weissen Schatten. Jeder Dostojewski-Roman, der in den elendesten Quartieren bei den grauenhaftesten Gestalten spielt, wirft einen weissen Schatten. Du bist glücklich, wenn du das liest. Warum? Weil es alles so schön erzählt wird, und das ist keine Fälschung. Es macht das Grauen der Welt erträglich.
Ihr Tagebuch ist auch deshalb interessant, weil der Walser in den Siebzigern noch um seinen Status kämpfen musste.
Ich musste damals immer an meine Schulden denken. Ich war überhaupt nie unabhängig und werde es auch nie sein. Das liegt an meiner Kindheit. Meine Mutter war eine angstbesetzte Person, sie kam von einem Hof, da hat man immer unters Bett geschaut, ob ein Räuber drunterliegt. Das hat sie mir weitergegeben. Wenn du als Kind erlebt hast, dass immer alles zu wenig war, dann bleibt das.
Da wir beim Persönlichen sind: Was bedeutet Ihnen der Bodensee vor dem Haus?
Das mit dem See ist wie ein Trieb. Wir waren ja mal zehn Jahre oder so weg. Und dann sind wir wieder nach Friedrichshafen am Bodensee gezogen. Mein Schwiegervater hatte ein Haus, wir bekamen eine grosse Wohnung für 190 Mark Miete. Wir wohnten 400 Meter vom See. Dazwischen waren die Bundesstrasse 31 und die Bahn – und See war gleich Strandbad.
Das gefiel Ihnen nicht.
Ich sagte: Um in den See zu kommen, muss man ins Strandbad! Dann habe ich Plätze gekauft, wo man den See von oben sieht, aber ich sagte, ich werde wahnsinnig, wenn wir hier oben bauen, und dann sehe ich da unten das Silberpapier. Verkauft. Und etwas anderes gekauft: ein Stück 300 Meter vom See. Und wieder verkauft und wieder gekauft: einen Seeplatz in Langenargen. Das war 1966. Dann wollten wir im Juni baden gehen, und in der Zeitung stand über das Strandbad nebenan, es sei wegen Kolibakterien geschlossen. Dazu gab es eine Luftaufnahme vom Fluss Schussen, wie er als Kloake in den Bodensee fliesst.
Also kein Schwimmerlebnis?
Ich liess ein Floss bauen mit zwei Rudern, sodass die Familie weiter draussen giftfrei schwimmen konnte. Dann konnte ich das Grundstück wieder verkaufen mit nur gelindem Verlust. An einen Fabrikanten. Ich war befreit vom Skrupel, als er mir sagte, er wolle den See malen. Und dann haben wir weitergesucht und das hier in Überlingen-Nussdorf gefunden. Am See.
Ist zwischen Haus und Ufer ein Fussweg? In der Schweiz ist das immer ein Streitpunkt.
Eben nicht. Ich ging damals zum Bürgermeister in meiner radikalen demokratischen Einstellung und sagte: Wieso ist hier kein Fussweg? Da hat er gesagt: Herr Walser, wir hatten eine Abstimmung, da waren 400 gegen den Weg und 200 dafür.
Und so wohnen Sie heute störungsfrei.
Ich fühlte mich nie wohl mit diesem Privileg. Wenn du hier wohnst, liegst du ohnehin nicht unten am Wasser. Ich kann jeden Tag vom Haus ins Wasser und zurück. Für mich ist der See schwimmen, schwimmen, schwimmen.
Der Bodensee verbindet die Schweiz und Deutschland. Sind Sie auch ein bisschen Schweizer?
Ich musste einmal für eine belgische Zeitschrift über meine Sprache schreiben und setzte den Titel «Deutsch war nicht meine Muttersprache». Meine Mutter hat ihr ganzes Leben lang nicht einen einzigen Satz in Hochdeutsch gesagt. Wir sprachen reines Alemannisch. Mundart. Heute ist diese freilich bedroht, eigentlich sprechen nur noch die Handwerker Alemannisch. Deswegen ist die Schweiz für mich ein Sprachheimatland.
Und Sie sind kein richtiger Deutscher.
Manchmal stand in deutschen Zeitungen über mich in irgendeinem Zusammenhang leicht abschätzig: «der vom Bodensee». Es gab im Übrigen Zeiten, da liebäugelten wir mit dem Wegzug. Nach Berlin zum Beispiel. Dort war eine Villa mit sieben Türmchen für weniger Geld als das Haus hier zu haben. Wir haben sie uns angeschaut – und sind dann doch am Bodensee geblieben.
Zwischen Deutschland und der Schweiz gibt es Konflikte in der Steuerfrage. Haben Sie da eine Position?
Mir ist es völlig fremd, mich da einzumischen. Allerdings, wenn ich ein Bedürfnis habe, mich in ein anderes Land hineinzufühlen, dann ernenne ich dort sozusagen Stellvertreter, anhand derer ich mich orientieren kann. Im Fall der Schweiz sind es zwei Männer. Der eine ist leider schon tot, das war der Ernst Mühlemann. Ein grosser Freisinniger, unglaublich klug. Ich durfte mich mit ihm befreundet fühlen, und er hat mir vieles von der Schweiz erklärt.
Wer war die andere Figur?
Der Blocher. Als ich ihn traf, war das toll. Ich habe dann mal in einem Interview gesagt, Christoph Blocher sei ein «Monument der Richtigkeit».
Damit haben Sie sich in der Schweiz nicht nur Freunde gemacht.
Das begreife ich nur ungern. Ich habe durch politische Stimmungen Freunde verloren. Wenn ich mit jemandem befreundet bin, kann der politisch denken und sagen, was er will. Ich bin ja mit einem Menschen nie wegen seiner politischen Meinungen befreundet. Warum darf ich Christoph Blocher nicht bewundern? Ich habe so viel Imponierendes erfahren über ihn, von ihm. Neulich wieder so ein Satz von ihm, dass die schweizerische Demokratie geradezu das institutionalisierte Misstrauen gegenüber den Politikern sei. Das sagte er zustimmend. Oder, dass es keine schlechten Untergebenen gebe, sondern nur schlechte Chefs. Oder wie er seine Albträume preisgibt. Kein deutscher Politiker würde öffentlich seine Albträume schildern. Seine Albträume sind meinen Albträumen sehr ähnlich. So was verbindet halt, wenn Sie gestatten.
Mit Martin Walser sprachen Martin Ebel und Thomas Widmer
Martin Walser, «Leben und Schreiben, Tagebücher 1974–1978». Rowohlt, Hamburg 2010. 590 S., ca. 45 Fr.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.03.2010, 14:20 Uhr



