Bericht eines Unverwüstlichen

Der Liedermacher Wolf Biermann hat seine Memoiren geschrieben. Wir erfahren mehr über uns, als wir aushalten.

«Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.» Wolf Biermann an einem Konzert in Hamburg im letzten November.

«Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.» Wolf Biermann an einem Konzert in Hamburg im letzten November. Bild: Keystone

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Die Akademie der Künste in Ostberlin war voll: Dreihundert Leute sassen im Saal, dreihundert oben im Rundgang, als Stephan Hermlin, Zeremonienmeister des guten Geschmacks in der DDR, seine jungen Dichter vorstellte. Man schrieb den 11. Dezember 1962. Ein Gedicht nach dem andern las Hermlin auf der Bühne vor, sicher besser, als die jungen Wilden das zustande gebracht hätten, aber doch so eitel, dass jedermann wusste: Eigentlich hätte Hermlin der Star sein sollen an diesem Abend. Es kam anders. Nach den Gedichten, unter anderem von Sarah Kirsch, Volker Braun und einem jungen Mann namens Wolf Biermann, den man eher, wenn überhaupt, als Sänger kannte, liess es Hermlin gnädig zu, dass auch eine Debatte aufkam. Was zuerst mit braven sozialistischen Wortmeldungen aus dem Publikum begann, eskalierte bald in unsozialistischer Manier: Zwischenrufe, Kreischen, Proteste, man forderte mehr Freiheit für die Kultur, Hermlin selber monierte, dass seine Gedichte, die zwar nicht mehr gut waren, seit Langem nie mehr im Neuen Deutschland, dem Zentralorgan der Obrigkeit, veröffentlicht worden waren, – bis auf der Balustrade irgendein Zuschauer, vielleicht bestellt, ausrief: «Hier ­entsteht ein Petöfi-Klub!»

Raunen im Saal, Angst auf der Bühne, Hermlin zerstört: Sándor Petöfi, der ungarische Dichter, der 1848 für die ungarische Revolution gegen die Habsburger gefallen war, und dessen Name 1956 berühmt werden sollte, als sich ein Petöfi-Klub gebildet hatte, um die Herrschaft der Betonkommunisten in Budapest zu brechen – dieser Begriff stand für die «Konterrevolution». Wenn Hermlin nun nervös wurde, dann mit Recht. Nichts klang bedrohlicher in der DDR als dieser Vorwurf, nichts wirkte so schnell wie dieses Gift, wen diese Kritik traf, sah sich bald im «Ministerium für Staatssicherheit» wieder, dem Überwachungsapparat der DDR, wo man ihn entweder gleich in irgendein Gefängnis weiterreichte oder sein Leben auf immer zermalmte. Hermlin versuchte zu retten, was zu retten war, unmöglich: «Ich warne Sie! Hier findet keine gelenkte Diskussion statt! Hier findet eine ganz sachliche! ruhige! lebendige! und parteiliche! Aussprache statt!» Hermlin, 1915 in Chemnitz geboren als Rudolf Leder, Sohn eines jüdischen Unternehmers, Schriftsteller, Kommunist, Verfolgter der Nazis, Exilant, dann Rückkehrer und Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei (SED), der Staatspartei der DDR, Leiter der «Sektion Dichtung und Sprachpflege» an der Akademie der Künste, einstiger Freund Erich Honeckers, dem späteren Generalsekretär des Zentralkomitees der SED, also Chef des Landes: Dieser Hermlin war am Ende. Nach dem Vorfall wurde er von allen Ämtern entfernt. Er verlor sein festes Salär. Nur Kommunist blieb er.

Die Partei hielt ihm nicht nur vor, dass er eine vermeintlich «gelenkte» Diskussion, will heissen: von Konterrevolutionären unterwanderte Debatte, nicht erkannt und unterbunden hatte, sondern Hermlins tiefer Fall lag auch an einem Gedicht, das Wolf Biermann an jenem Abend selber vorgetragen hatte. Nie, so schien es den regierenden Kommunisten in Ostberlin, hatten sie sich ein Gedicht anhören müssen, das frecher, das brutaler, das gröber, das menschenverachtender, das konterrevolutionärer die Errungenschaften des Sozialismus, also ihre Lebensleistungen, infrage stellte als dieses Gedicht des jungen Kommunisten Wolf Biermann. Es hiess «An die alten Genossen» und ging – unter anderem – so:

Seht mich an, Genossen
Mit euren müden Augen
Mit euren verhärteten Augen
Den gütigen
Seht mich unzufrieden mit der Zeit
Die ihr mir übergebt

Etwas weiter unten trieb es Biermann noch bunter:

Drum seid mit meiner Ungeduld
Nicht ungeduldig, ihr alten Männer;
Geduld
Geduld ist mir die Hure der Feigheit
Mit der Faulheit steht sie auf Du und Du
Dem Verbrechen bereitet sie das Bett
Euch aber ziert Geduld –
Setzt eurem Werk ein gutes Ende
Indem ihr uns
Den neuen Anfang lasst!

Dies war auch der Anfang vom Ende der Karriere von Wolf Biermann in der DDR. 1965 mit einem Publikations- und Auftrittsverbot belegt, das man nie wieder aufhob, wurde Biermann 1976 ausgebürgert, als er sich auf einer Tournee in der Bundesrepublik befand, oder besser: in der BRD, wie man damals unter Linken sagte. Vor Kurzem achtzig geworden, hat Biermann nun seine Memoiren vorgelegt – woher diese Ostberliner Geschichte auch stammt –, ein Buch, das ich über Weihnachten in einem Zug gelesen habe, als wäre ich am Verdursten. Und vielleicht stimmt das ja: Es fehlen uns solche Schriftsteller und Liedermacher wie Biermann. Männer und Frauen, die ans ganz Grosse geglaubt haben, um unter Schmerzen zu erkennen, dass sie sich irrten, und die sich trauten, daraus die nötigen Schlüsse zu ziehen, auf die Gefahr hin, bei alten Freunden anzuecken. «Wenn sich die Fakten ändern, ändere ich meine Meinung. Was tun Sie?», soll John Maynard Keynes, der britische Ökonom, einmal gesagt haben – was ähnlich klingt wie Biermann, der sang: «Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.» 1953 war er von Hamburg, seiner Heimatstadt, nach Berlin gezogen, um den Sozialismus aufzubauen. Nie mehr würde sich Biermann heute als Kommunisten bezeichnen.

Sehnsucht nach den Büffeln

Es sind Leute, die uns fehlen, weil sie sehr rar geworden sind, besonders unter Linken, Männer wie Rudolf Strahm auch, einstiger Nationalrat der SP, der diese Woche in einem bemerkenswerten Interview mit der Basler Zeitung aufzeigte, wie taub, blind und blasiert die heutigen Linken meiner Generation auf eine neue Welt reagieren, die sich nicht so verhält, wie sie sich das damals mit fünfundzwanzig in der Marx-Lesegruppe vorgenommen haben. Ich sass in manchen dabei. In welchem Ausmass taub, blind und blasiert, erfährt man oft erst, wenn man sich unter Linken umhört, wie sie über einen wie Strahm etwa sprechen: mit «Sprechen» hat das nicht mehr viel zu tun, es sind un-­zitierbare Beschimpfungen. Was trifft, trifft zu – auch dieses Bonmot stimmt, daran musste ich häufig denken, als ich Biermanns Autobiografie las.

Denn das war eine zweite Einsicht: Auf den ­ersten Blick wirkt es ja grotesk, wodurch sich die alten Genossen in Ostberlin provozieren liessen: Mehr Geduld mit den Ungeduldigen, verlangte der junge Biermann, lasst uns auch einmal etwas anfangen, darum bettelte er – und bereits war der Teufel los, und Hermlin in der Hölle. Konterrevolution? Wer so empfindlich auf die schwächste Kritik reagiert, hat schwache Argumente, wer sich von solchen Gedichten bedrängen lässt, muss tief in der ­Defensive stecken: Und natürlich waren sie in der Rücklage, in einer säkularen, zivilisatorischen Rücklage, die Kommunisten. Eben war es nötig gewesen, die Mauer zu bauen, damit die Einwohner des deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staates nicht alle davonliefen. Deutlicher kann man ­Politikern nicht vermitteln, dass sie versagt haben. Kurz, wer Kritik abwürgt, wer sie sich verbittet, wer sie für unanständig und stillos hält, hat ein ­Problem, nicht der Kritiker.

Wenn die Lektüre von Biermanns Buch beunruhigt, dann auch deshalb, weil das, was er beschreibt, so unvertraut nicht ist. Gewiss, in der DDR leben wir im Westen noch lange nicht. Doch gewisse Deformationen haben wir übernommen, als hätten wir den Kalten Krieg verloren und nicht die Sozialisten: Diese krankhafte Überschätzung von Worten, diese Sprachpolizei im Namen der politischen Korrektheit und diese Unart, Kritik zu denunzieren als «konterrevolutionär» oder sonst wie sündhaft, wofür man heute selbstverständlich andere Schimpfworte wählt, wie «populistisch» oder «rassistisch» oder «isolationistisch». Gemeinsam ist diesen Methoden, dass der Kritisierte dem ausweicht, worauf er nicht eingehen will: einer Kritik, die womöglich trifft, weil sie zutrifft.

Die Epoche der Mutlosen

Mut. Das brauchte Biermann, um sein Leben in der DDR auszuhalten. Mut brauchte es auch, um sich davon zu lösen, worauf die DDR in erster Linie beruhte: dem Sozialismus und damit einer Sicht auf diese Welt, die gut gemeint war, aber tödlich falschlag. Mut bräuchten auch wir mehr: den Mut zur freien Rede, den Mut zum Widerspruch, den Mut, unsere Regierung hart zu kritisieren, den Mut, uns zu wehren. Lasse ich die Debatten Revue passieren, die wir im vergangenen Jahr auch in diesem Land geführt haben oder eben nicht: über Trump, über den Brexit, über die Masseneinwanderungs-Initiative – wo so viele Verbote ausgesprochen wurden wie selten zuvor und besonders die Journalisten so oft schrieben, was die Regierenden gerne hörten, als wären sie kleine Stephan Hermlins –, dann ergreift mich der realsozialistische Trübsinn. Wir haben uns weit davon entfernt, ein wirklich liberales Land mit mutigen Bürgerinnen und Bürgern zu sein.

Hermlin sah übrigens seinen Fehler ein. Er schien den Behörden fast dankbar, dass sie ihn entlassen hatten. In einer Besprechung des Politbüros mit ein paar Autoren und Künstlern sagte er: «Diese Entscheidung war richtig, und ich war nicht der richtige Mann am richtigen Platz ... Der wirkliche schwere Fehler, den ich beging, bestand darin, dass ich den zweiten Teil des Abends, eine Aussprache, schlecht leitete, dass ich diese Aussprache und weitere Gedichte, die einige Autoren vortrugen, nicht im Zusammenhang mit der Situation sah, in der der Abend stattfand...» markus.somm@baz.ch

Wolf Biermann: Warte nicht auf bessre Zeiten! Die ­Autobiographie. Ullstein Verlag, Berlin 2016, 543 Seiten. (Basler Zeitung)

Erstellt: 07.01.2017, 08:25 Uhr

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