H&M, M.I.A. und neuer Ramsch aus alten Lumpen

Diese Woche wird die World Recycle Week gefeiert. Sie ist eine Aktion von H&M mit einer Hymne der Rapperin M.I.A. Ein alter kapitalistischer Witz.

Tanzt für H&M auf den Müllhalden der Welt: Rapperin M.I.A. mit «Rewear It». (Quelle: Youtube / H&M)


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

An dieser Stelle hätten wir auch einen abgetragenen Text wiederverwerten können. Schliesslich feiern wir vom 18. bis 24. April die World Recycle Week. Die Weltwoche der Wiederaufbereitung wurde nicht von der Unesco ausgerufen und auch nicht von irgendwelchen NGOs, sondern von der Textilienkette H&M. Seit Schnapsbrenner zum mässigen Konsum von Alkohol ermahnen und der Schnellimbiss mit Apfeltaschen wirbt, ist auch der Witz daran nicht mehr ganz neu. Aber er ist noch gut.

Sämtliche H&M-Filialen dieser Erde, alle 3600, fordern ihre Kunden dazu auf, ihre gebrauchte Garderobe nicht wie üblich zu entsorgen, Flüchtlingen zu spenden oder in die Dritte Welt zu schicken, sondern wieder abzuliefern – gegen einen Preisnachlass auf alle Neueinkäufe. Tausend Tonnen Lumpen möchte H&M in neuen Ramsch verwandeln lassen. In den asiatischen Fabriken für das Wohl der nähenden Kinder dort.

Der Witz geht allerdings noch weiter: H&M verspricht nicht nur auf seiner Homepage, «damit in der Modewelt einen neuen Trend zu setzen». Es gibt auch ein Video dazu. Darin singt M.I.A. das Lied «Rewear It». M.I.A. gilt als berühmteste Tamilin, als politischste Rapperin und als populärste Vertreterin des Radical Chic im 21. Jahrhundert.

Immer wieder lustig

Für «Rewear It» tanzt sie auf den Müllhalden der Welt, auch dort, wo H&M den Ärmsten etwas Arbeit, Lohn und Brot gibt; sie tanzt im verschmutzten Wasser und vor Schutzhütten aus Altkleidern. Der «Vogue» hat M.I.A. ein Interview gewährt, in dem die Modehersteller von ihr zum Umdenken bewegt werden. Sie selbst erzählt davon, dass sie auf einer Insel von natürlichen Ressourcen lebe, Regenwasser sammle und ihre Garderobe mehrfach trage.

Man kann in der World Recycle Week also zu H&M rennen und den Verkäufern wieder alles vor die Füsse werfen. Man kann sich ganz nachhaltig vorkommen. Man kann die Bigotterie beklagen, sich moralisch fühlen und den Kopf schütteln. Nur kommentieren kann man nichts auf Youtube, die Funktion ist nicht verfügbar. Und man kann, wie schon gesagt, darüber lachen.

Der alte Witz des Kapitalismus

Wie man Windmotoren lustig finden kann, die einem heute überall den freien Blick verstellen, weil der freie Windmotorenmarkt so überhitzt ist, nachdem uns der freie Kernkraftmarkt zu heikel wird. Wie man sich über Yogastudios freuen kann, wo Menschen ihre Seelen, die sie auf dem Arbeitsmarkt entsorgt haben, versuchen zu recyceln und den Sinn des Lebens wieder aufbereiten.

Es ist nur die Ironie dieses Systems, der alte Witz des Kapitalismus, den im Übrigen die Popmusik immer vertont hat, dass der Markt alles, was gegen ihn spricht, in eine Geschäftsidee verwandelt. Selbst den Müll. Die Wertschöpfung geht auch mit Werten. Dieser Witz mag einen Bart haben wie alle, die heute die Bomberjacken ihrer Väter auftragen und M.I.A. für eine Aktivistin halten, die sich ins System hineinbegibt, um das System von innen zu bekämpfen. Es gibt Witze, die man immer wieder neu erzählen kann. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.04.2016, 16:23 Uhr

Artikel zum Thema

Mit Pop an unserer Seite

M.I.A. choreografiert Flüchtlinge, Antony erwärmt das Klima im Club, und Kate Tempest ruft schon mal den Aufstand aus: Drei spektakuläre neue Songs schliessen das politischste Popjahr seit langem ab. Mehr...

Wie ein in LSD getunkter Kaugummi

Kritik Gewagt und genial: Das neue Grimes-Album «Art Angels» verspricht einen knallig musikalischen Trip und lässt uns tanzen. Mehr...

Werbung

60anni Primitivo Di Manduria

Qualitätswein und ein attraktiver Preis müssen sich nicht widersprechen. Jetzt im OTTO’S Webshop!

Kommentare

Blogs

Sweet Home Ganz schön unordentlich

Die Welt in Bildern

In einem Land vor unserer Zeit: In einer abgelegenen Küstenregion Westaustraliens finden Forscher Spuren von verschiedenen Dinosauriern. (27. März 2017)
(Bild: University of Queensland / Damian KELLY) Mehr...