Niemand ist vergessen

Pirmin Meier hat vor zwanzig Jahren ein Buch über Bruder Klaus geschrieben. Jetzt ist er ein gefragter Mann.

«Insel der Gottesfreundschaft». Pirmin Meier vor dem Wandgemälde des heiligen Nikolaus in der Kirche von Lausen.

«Insel der Gottesfreundschaft». Pirmin Meier vor dem Wandgemälde des heiligen Nikolaus in der Kirche von Lausen. Bild: Christian Jaeggi

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Die Bücher liegen auf dem Beifahrersitz, auf der Rückbank, im Kofferraum, überall. Der rote Honda Jazz von Pirmin Meier ist eine Bibliothek auf Rädern. Meier ist nach Heiligkreuz im Entlebuch gekommen, um einen Vortrag über Bruder Klaus zu halten. Er nimmt die Bücher vom Beifahrersitz und wirft sie nach hinten, wo sie an der Heckscheibe abprallen und im Kofferraum landen. «Vita sine libris mors est», sagt er, das Leben ohne Bücher ist der Tod. Und dann: «Steigen Sie ein! Wir müssen noch jemanden abholen.»

Pirmin Meier, 70, ist ein historio­grafischer Schriftsteller und pensionierter Gymnasiallehrer. Vor zwanzig Jahren hat er ein dickes Buch über Bruder Klaus geschrieben, jetzt tourt er als Festredner durch das Land. Bruder Klaus, eigentlich Niklaus von Flüe, ist der ­Nationalheilige der Schweiz, ge­­boren 1417, vor sechshundert Jahren. Weil kein Geburtsdatum überliefert ist, dauern die Feierlichkeiten das ganze Jahr über, und Pirmin Meier ist immer irgendwie involviert. Er hält Vorträge und gibt Interviews, er schreibt Zeitungsartikel und geht auf Gedenk­wanderungen.

Müsste man ihn mit einem Wort beschreiben, es lautete «übrigens». Sein Wissen ist enzyklopädisch, ein Stichwort führt ihn zum nächsten, er hat alles memoriert, Namen, Jahreszahlen, Zitate, und wenn er redet, verwandelt er dieses Wissen in ein grosses Assoziationsspiel. «Übrigens müssen Sie wissen», sagt er und redet bald von der Reformation, bald vom Philosophen Karl Popper. Aus einer kurzen Autofahrt macht er ein kleines Studium generale.

Ein Ohr für Differenzen

Es ist Aschermittwoch, zehn vor drei Uhr nachmittags. Wir sind jetzt in der Wallfahrtskirche von Heiligkreuz, und Pirmin Meier will «kurz, nur kurz», wie er sagt, die Legende der heiligen Helena erzählen, die hier auf einem Wand­gemälde dargestellt ist. Neben ihm steht Marianne Binder-Keller, die Präsidentin der CVP Aargau. Sie sagt: «Pirmin, wir müssen in zehn Minuten im Kurhaus sein.» Sie kennt ihn, sie weiss, wo ein solcher Exkurs enden kann.

Eingeladen hat ein CVP-naher Verein, ins Kurhaus nebenan, wobei Kurhaus mondäner klingt, als die Szenerie sich präsentiert: links vom Eingang eine rustikale Gaststube, wo der Entlebucher Anzeiger aufliegt, rechts die sogenannte Pilgerstube. Dort sitzen 150 Leute bei saurem Most und Rivella, die meisten aus Luzern, aber es ist auch eine grös­sere Gruppe aus Nidwalden angereist. Zwei Mädchen spielen Klarinette und Schwyzerörgeli, auf den Tischen liegen Flyer der Veranstaltung: «600 Jahre Bruder Klaus – Verpflichtung und Vermächtnis». Der Ton ist feierlich, die Musik heiter. Ein kleines Volksfest.

«Ein säligen guten Tag ihr lieben Lüt und ihr lieben Volk», ruft Meier in die Stube. Es ist ein Zitat von Bruder Klaus, mit dessen Namen er seinen Vortrag beginnt: Niklaus, nach dem heiligen Nikolaus von Myra. Die Mutter nannte ihn Glais, der Vater rief ihn Glois, sie war eine Nidwaldnerin, er ein Obwaldner. Am Tisch, wo die Nidwaldner sitzen, nicken einige. Man hat hier ein Ohr für solche Differenzen.

Geboren wurde Niklaus von Flüe in Sachseln, Obwalden, als Sohn freier Bauern. Zwei Brüder soll er gehabt haben, sicher ist es nicht, ohnehin liegt vieles im Dunkeln, was seine ersten fünf Lebensjahrzehnte betrifft. Als junger Mann zog er mehrmals in den Krieg, später heiratete er Dorothee Wyss und hatte mit ihr zehn Kinder, fünf Buben und fünf Mädchen. Mit 50 verliess er die Familie, wurde Eremit und ass nichts mehr, wie es hiess. 1481 stiftete er zwischen den ­zerstrittenen Eidgenossen den Frieden von Stans, was ihn zur Helden­figur werden liess. 1487, mit 70, starb er in Flüeli­-Ranft, Obwalden. Eine Schweizer Heiligengeschichte.

Um das Erbe des Friedenstifters ist im Jubiläumsjahr ein kleiner Streit entbrannt. Der Bundesrat verzichtet auf eine offizielle Feier, was vielen Konservativen in der CVP missfällt. Ebenso stört sie, dass ein SVP-naher Verein im August einen Gedenkanlass in Flüeli­-Ranft durchführen wird. Meier sagt: «Ich finde diesen Streit etwas kleinlich, aber er schürt das Interesse an Bruder Klaus, und das ist gut.» Er kommt in seinem Vortrag indirekt auf das Thema zu sprechen. Bruder Klaus gehöre nicht der CVP, sagt er, wie er überhaupt ein, zwei Spitzen gegen die Partei platziert. Einmal warnt er sie vor einem «Familien­fetischismus». Das Publikum reagiert verhalten. Meier ist einer von ihnen – und doch anders.

Er war einmal Delegierter der CVP, es ist 30 Jahre her. Noch früher verkehrte er mit James Schwarzenbach, dem Vater der Überfremdungs-Initiative, bis er sich mit ihm zerstritt. Als er in den frühen Neunzigern an einer Biografie des humanistischen Gelehrten Paracelsus arbeitete, zog er sich von ­seiner Familie zurück – und kehrte nicht wieder. Heute lebt Meier eine «radikal unbürgerliche Existenz», wie die Luzerner Zeitung kürzlich schrieb. Seine Mansarde in Rickenbach (LU) ist voll­gestellt mit Büchern und Notizen, sogar der Kühlschrank dient ihm als Regal. Ein Leben ohne Bücher? Der Tod.

Denken in Jahrhunderten

70 Jahre alt ist Meier im Februar geworden. Er hat nun das Alter, in dem Bruder Klaus starb – und grosse Pläne: Ein Standardwerk über Schweizer Mystiker will er schreiben. Zum Schreiben kommt er aber nur wenig in diesen Tagen. Überall soll er von Bruder Klaus erzählen, und er macht es gerne, wie es scheint. Wer ihn beobachtet in Heiligkreuz, sieht einen herzlichen, manchmal überschwänglichen Menschen. Wenn Meier sich freut, klopft er dem Gegenüber auf die Schultern. Alte Bekannte umarmt er. Er ist ein Büchermensch ohne Menschenscheu.

Einige Tage nach Aschermittwoch schickt er eine Mail – Betreff: «Nichts ist vergessen und niemand ist vergessen.» Er hatte versprochen, nochmals in Ruhe zu reden, und er schlägt vor, nach Lausen ins Baselbiet zu fahren. Der Ort war wichtig für Niklaus von Flüe.

Wir treffen uns an einem trüben Nachmittag am Bahnhof in Liestal. Als Meier vorfährt, regnet es in Strömen. Er hat das Fenster geöffnet und winkt. Weil er die falsche Autobahnausfahrt genommen hat, ist er etwas verspätet. «Ich toure in diesem Jahrtausend erstmals in dieser Gegend», sagt er zur Begrüssung. Er denkt nicht in Minuten, eher in Jahrhunderten.

Wir fahren nach Lausen, und Meier staunt über das Siedlungswachstum: «Ich komme mir vor wie Martin Salander im Roman von Gottfried Keller. Man kehrt nach Jahren an einen Ort zurück und erkennt ihn nicht wieder.» Wir suchen die Kirche und finden sie nicht auf Anhieb. Plötzlich ruft Meier: «Da, der Turm!» Tatsächlich steht hinter zwei, drei Abzweigungen eine alte Kirche in einem Wohnquartier: ein mittelalterlicher Komplex, von Neubauten eingehegt. «Sehen Sie sich das an», sagt Meier, «eine Insel der Gottesfreundschaft.» Er wirkt ehrlich ergriffen.

Niklaus von Flüe war 50 Jahre alt, als er seine Familie verliess. Er litt unter Absenzen, Appetitlosigkeit und Schlafstörungen, er hatte einen Ekel vor der Politik, er war unglücklich. Heute würde man vielleicht von Midlife-Crisis oder Burn-out sprechen. Von aussen betrachtet war alles in bester Ordnung: Er hatte eine liebe Frau, tüchtige Kinder, einen florierenden Bauernhof, und manche sahen in ihm einen kommenden Landammann. Es war das höchste Amt, das Obwalden zu vergeben hatte. Aber Klaus wollte etwas anderes: ein Leben als Pilger, ganz Gott zugewandt.

Dass er fortzugehen plante, war für die Familie ein Schock. Frau und Kinder mochten ihn nicht ziehen lassen, aber als sie sahen, wie ernst ihm war, gaben sie ihn frei. Sie waren versorgt, die ältesten Söhne konnten den Hof übernehmen, materielle Not bedrückte sie nicht. Im Oktober 1467 verliess Niklaus von Flüe seine Familie – für immer, wie er glaubte.

Er zog nach Nordwesten und kam an der Kirche in Lausen vorbei, wo wir nun stehen, fünfeinhalb Jahrhunderte später. «Er hat sie bestimmt besucht», sagt Meier. «Ein frommer Pilger ging nicht von Beiz zu Beiz, sondern von ­Heiligtum zu Heiligtum und von Kapelle zu Kapelle.» Wir treten ein, es ist eine reformierte Kirche, ohne viel Schmuck, bis auf die mittelalterlichen Wand­gemälde in blasser Farbe. Eines zeigt die Legende des heiligen Nikolaus von Myra, wie er drei arme Mädchen mit Goldkugeln beschenkt, damit sie sich nicht prostituieren müssen. Meier erzählt und erklärt, und es ist ein bisschen, als verwandelte sich ein Schwarz-Weiss-Film in Farbe.

Der Magen als Verwandler

Hier, ganz in der Nähe, hatte Niklaus von Flüe eine Vision: Er sah Liestal in feuriges Abendrot getaucht und traute sich nicht, das Städtchen zu betreten. Er traf auf einen Bauern, der ihm empfahl, nach Hause zurückzukehren. Klaus ­verbrachte die Nacht im Freien, und als er einschlief, war ihm, als dringe ein Lichtstrahl vom Himmel her kommend in seinen Bauch. Da entschloss er sich zur Heimkehr. Er baute sich eine Hütte in Flüeli-Ranft, nur zehn Minuten entfernt von Familie und Hof, und lebte dort zwanzig Jahre lang als Eremit, angeblich ohne je wieder zu essen. Er nannte sich nun: Bruder Klaus.

Es ist der Aspekt des Fastens, der Meier fasziniert. Er beschäftigte sich damit bereits in seinem Buch über Paracelsus, und als er die Biografie von Niklaus von Flüe recherchierte, fastete er selbst einige Monate lang, um zu ­verstehen, wie es sich anfühlt: «Manchmal verfällt man in deliriumsähnliche Zustände», sagt Meier. Zwanzig Kilogramm habe er abgenommen. «Der Magen ist der grosse Verwandler.»

Das Gerücht des fastenden Eremiten reiste bald durch das ganze Land. Klaus wurde beobachtet, aber niemand konnte erkennen, dass er ass oder auch nur trank. Der zuständige Bischof von Konstanz schickte den Weihbischof, seinen Stellvertreter, um zu kontrollieren, ob alles mit rechten Dingen zuging in Flüeli-Ranft. Ein Mensch, der weder ass noch trank: Was sollte der sein? Ein lebender Heiliger? Der Teufel? Der Weihbischof nötigte Klaus, ein Stück Brot zu essen, worauf er zu bluten begann, wie eine Quelle berichtet. Nach einem weiteren Bissen war er dem Tod nahe, vor dem dritten Bissen gab der Weihbischof nach. Klaus war fortan der Mann, «der als heilig gilt, weil er nichts isst», wie ein zeitgenössischer mailän­discher Diplomat nach Hause schrieb.

Die Menschen strömten nun zu ihm, er war ein «Magnet der Eidgenossen», wie Meier sagt. Sie wollten ihn berühren und suchten seinen Rat, so auch die Gesandten der eidgenössischen Orte, die 1481 an der Tagsatzung in Stans einen schweren Streit beizulegen hatten. Und tatsächlich: Der Streit wurde beigelegt, und man erklärte es sich mit dem Charisma des fastenden Eremiten, was Meier für übertrieben hält. Er sagt aber: «Der Magen von Klaus war das Zentrum der Eidgenossenschaft.» Der grosse Verwandler, der Eintracht schuf, wo Zwietracht war.

Wir verlassen die Kirche, draussen ist es noch immer grau, aber es regnet nicht mehr. «Gehen wir noch in eine Beiz?», fragt Meier. Wir fahren zurück zum Bahnhof Liestal und sitzen bald in einer Pizzeria bei Apfelschorle und Cola. Meier erzählt vom Journalisten Niklaus Meienberg, den er gut gekannt hat, von ehemaligen Schülern, die ihn beeindruckt haben, von einer Springprozession in Luxemburg, die ihn fasziniert – fast vergisst er die Zeit. Nach einer Stunde muss er los, der Abgabetermin für einen Artikel drängt. Er steht auf und ruft der Kellnerin zu, er werde wiederkommen, um hier eine Pizza zu essen. Draussen vor der Tür verabschiedet er sich. Sein letzter Gruss ist ein freudiges Schulterklopfen. (Basler Zeitung)

Erstellt: 22.03.2017, 12:16 Uhr

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