Kultur
Blut, Bits und Tränen
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 17.12.2009 2 Kommentare
Eigentlich sollte ein weltweiter Computerabsturz das neue Jahrzehnt einläuten. Doch es kam ganz anders. Statt des Millenium-Bugs bescherte uns das Jahr 2000 explosionsartig wachsende Internet-Gemeinschaften. Die totale digitale Vernetzung der Gesellschaft hatte begonnen. Vor allem der einzelne Mensch glaubte von der schönen neuen Online-Welt zu profitieren. «DU bist die Person des Jahres», titelte das «Time Magazin» im Jahr 2006: «Weil du zusammen mit Millionen von Menschen das Informationszeitalter beherrschst».
Zu verdanken hatte man die neue Weltordnung dem Breitband-Internet. Seit Beginn des Jahrzehnts flutscht man beim Surfen mit berauschendem Tempo durch den Cyberspace. Und weil Handys nun auch Kameras sind, heisst die logische Konsequenz: Youtube. Plötzlich war nichts leichter, als der ganzen Welt Videos aus seinem Party- und Urlaubs- oder Liebesleben vorzuführen. Oft lernte man auf Online-Portalen sogar - noch aufregender! - Fremde kennen, die ähnliche Interessen hatten. Dass diese sich bisweilen als Cyberstalker oder Pädophile entpuppten, nahm man in Kauf. Exhibitionismus wurde zum Mainstream-Ethos.
Virtuelle Alter Egos
Wo dem Exhibitionismus gefrönt wird, ist der Voyeurismus freilich nicht weit. Es ist das Prinzip, auf dem Youtube basiert und das unzähligen Nobodys über Nacht kurzfristige Prominenz eingebracht hat. Einer dieser «Webstars» war das Star Wars Kid oder Tricia Walsh. Die Amerikanerin stellte ihren Mann, der sich von ihr trennen wollte, auf Youtube als impotenten Versager bloss. Mit dem «Kultclip» (eine weitere Wortschöpfung der Nuller-Jahre) schaffte es Walsh bis in die TV-Nachrichten. Früher brauchte es dazu noch einen Amateur-Film, der Kennedys Ermordung dokumentierte.
Und wer hätte damals gedacht, dass wir Musik und Filme innert Minuten aus dem Netz heruntersaugen und dafür - wenigstens in der Schweiz - nicht einmal bezahlen müssen? Dass wir unsere Texte, Fotos und Filme, sprich unser halbes Leben, auf winzige USB-Sticks speichern? Und dass viele Menschen dank Social Networks wie Facebook ( 31.91 -3.39%) mehr Freunde online haben, als in der realen Welt?
Unglaublich: Bereits wurde diskutiert, was eigentlich mit der virtuellen Identität passiert, wenn jemand stirbt. Wird diese gelöscht? Oder soll man versuchen, Erinnerungen und Charakterzüge auf virtuelle Alter Egos, so genannte Avatare, zu übertragen? Am Horizont winkt die Unsterblichkeit auf den Festplatten eines Servers. Bis dahin dauert es wohl noch eine Weile, der Traum vom Zweitleben im Netz hingegen wurde schon gelebt: Second Life hiess die Parallelwelt, die Mitte der Nuller-Jahre für Schlagzeilen sorgte.
«Das Internet vermanscht unser Hirn»
Auch das ist typisch Nuller: Alle sind immer auf dem Sprung, jetzt hier, gleich da. Es ist alles wahnsinnig schnell geworden. Der Kopf kommt kaum mit, man will - oder muss - oft drei Sachen gleichzeitig machen. «Das Internet vermanscht unser Hirn», so Frank Schirrmacher kürzlich in einem viel beachteten Interview. Der «F.A.Z.»-Mitherausgeber ist sich sicher: Das Bombardement aus Online-News, E-Mails, SMS, Tweets, Facebook und iPhone-Push-Nachrichten ist zu viel für das bisschen Inhalt in der Schale namens Schädel: «Die Informationsflut ist so etwas wie Körperverletzung.» Bereits erklären Soziologen die neu entdeckten Familienwerte mit der Sehnsucht nach Entschleunigung.
Ob Multitasking Fluch oder Segen ist, sei hier dahingestellt. Sicher ist, dass das Internet in diesem Jahrzehnt unser Bewusstsein der Welt verändert hat - ob wir wollen oder nicht. Es ist zum digitalen Teil der Realität geworden – das schliesst uns mit ein. So wie Sprache mündlich und schriftlich zum Ausdruck kommt, existiert auch der moderne Mensch in zwei Versionen: aus Fleisch und Bits.
Bezeichnend dafür ist die Anekdote, die der deutsche Kommunikationsexperte Peter Figge über seinen Sohn erzählt. Der Siebenjährige hat das Kunststück fertiggebracht, die Nuller-Jahre mit einer Frage zu definieren: «Papa, wie sind die Menschen ins Internet gekommen, bevor es Computer gab?»
Ja, wie eigentlich? (baz.ch/Newsnet)
Erstellt: 17.12.2009, 11:26 Uhr
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2 Kommentare
Wohnend in einem kleinen dorf ist man schon froh durch internet mit der welt verbunden zu sein. Aber man sollte sich selber schon kontrolieren und sich auch fragen was brauche ich wirklich davon, wie weit will ich das das internet mein leben beeinflusst. Wie heisst es so schoen: Zeit ist unser hoechstes gut. Antworten
Was auch immer das Internet sonst gebracht hat, mir hat es meinen zukünftige Frau gebracht. Ohne das Internet hätte ich sie NIE kenengelernt. Sie ist meine Traumfrau. Einer meiner besten Freunde ist schon seit gut 2 Jahre glücklich verheiratet. Auch er hat seine Frau im Internet gefunden, wie auch eine gute Freundin von mir ihren Partner gefunden hat, mit dem sie nun glücklich zusammenlebt. Antworten
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