Kultur

«Der Purist sagt: Diese Wörter brauchen wir nicht»

Interview: Philippe Zweifel. Aktualisiert am 22.12.2009

Serie «Die Nuller-Jahre»: «It-Girl», «Zickenalarm» oder «Servicepoint»: Was das Institut für Deutsche Sprache über die Berechtigung von neuen Wörtern und Anglizismen denkt.

1/10 It-Girl
Als It-Girl (zu deutsch: Mädchen mit dem gewissen Etwas) wird eine zumeist junge Frau bezeichnet, die durch stetige Medienpräsenz auffällt. Zu den bekanntesten Vertreterinnen des Genres gehören etwa Paris Hilton oder Nicole Ritchie.

   

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Zur Person

Doris Steffens ist Mitarbeiterin des Instituts für Deutsche Sprache in Mannheim (IDS). Sie hat verschiedene Arbeiten über Neologismen und Anglizismen publiziert. Das IDS besteht seit 1964 und ist eine Einrichtung zur Erforschung und Dokumentation der deutschen Sprache in ihrem gegenwärtigen Gebrauch und in ihrer neueren Geschichte.

Frau Steffens, Sie untersuchen von Berufs wegen neue Wörter. Was ist Ihr Lieblingswort der Nuller-Jahre?
Das ist «aufbrezeln». Das Wort ist zwar schon Ende der 90er-Jahre aufgekommen, aber es ist wortbildungsmässig so putzig. Da ist ja die Brezel die Wortbildungsbasis. Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, wie dieses Wort entstanden ist – was die Faszination zusätzlich steigert.

In den 90ern hat die Computersprache unser Vokabular beeinflusst. Welche Lebensbereiche haben die Nuller-Jahre geprägt?
Es ist ja nicht so, dass mit der Dekadengrenze auch ein Sprachwandel einhergeht. Computersprache und das Internet haben auch die Nuller-Jahre beeinflusst. Dazu kommen Begriffe aus dem Sport («Nordic Walking», «Kitesurfen») und der Freizeit («Afterworkparty», «Fanmeile») sowie der Unterhaltungsbranche («Castingshow», «Gerichtsshow»). Und wie immer wurden viele Begriffe zusammen mit den Neuerungen aus dem US-Sprachraum übernommen. Diese Beispiele sind natürlich auch Folgen der Globalisierung. Eine Ausnahme ist hier der Bereich des Gesellschaftlichen, wo Begriffe wie «Ich-AG» oder «Regenbogenfamilie» entstanden sind.

In der Schweiz gabs den Scheininvaliden…
Aha, das Wort ist im Deutsch der Bundesrepublik nicht geläufig. Was in den Nuller-Jahren auch aufkam, waren Wörter, die mit dem demographischen Wandel zu tun haben. Also «Riester-Rente» oder «Mehrgenerationenhaus».

Ist man in den Nuller-Jahren sprachlich experimentierfreudiger geworden? Immerhin wird getwittert und gesimst.
Im Vergleich zu den 90ern nicht unbedingt. Schon damals brachte man die kreative Leistung fertig, aus «inlineskaten» «inlinen» zu machen. Bloss mit der Konjugation von «downloaden» hatte man seine Schwierigkeiten und verwendet stattdessen lieber die deutsche Übersetzung «herunterladen».

Verzeihen Sie den Neologismus, aber: Welche neue Wörter sind «nachhaltig»?
Das hängt stark mit der Relevanz des Begriffs zusammen. Wenn die Sache nicht mehr aktuell ist, verschwinden auch die Wörter wieder, zum Beispiel «Golden Goal».

Wie entstehen neue Wörter?
Die Voraussetzung dafür ist ein Bedarf für ein neues Wort. Der Bedarf wird befriedigt, indem Wörter mit Mitteln der deutschen Wortbildung neu gebildet (z. B. «Dreiliterhaus», «Zickenalarm») oder aus anderen Sprachen entlehnt («Alcopop», «Sudoku») werden, seltener über Phraseologisierung («Generation 50 plus») oder über Neubedeutungen («Klammeraffe»).

Ist tatsächlich immer ein Bedarf gegeben, wenn ein neues Wort entsteht? Dinge wie «Job-Center» oder die «Ich-AG» könnte man auch herkömmlich ausdrücken.
Das stimmt natürlich, aber bei der Bildung neuer Wörter spielt eben auch der Zeitgeist mit. Abgesehen davon werden auch oft neue Wörter gebildet, um eine semantische oder stilistische Differenzierung vorzunehmen, «entschleunigen» ist etwa neu neben «verlangsamen» getreten. Die Jugendsprache bedient sich häufig neuer, auffälliger Bildungen, um sich von der Mehrheit der Sprachteilnehmer abzugrenzen und verwendet Begriffe wie «stylish» oder «Location». Da würde der Purist sagen: diese Wörter brauchen wir nicht.

Was sagen Sie?
Nun, Anglizismen haben ihre Berechtigung, wenn sie – besonders in der fach- und gruppensprachlichen Kommunikation – eine Benennungslücke schliessen (z. B. «bloggen», «Mobbing»), noch mehr, wenn sie zur Bedeutungsdifferenzierung beitragen und somit den den deutschen Wortschatz bereichern, z. B. «walken» neben «gehen». Der Verein Deutsche Sprache hat seinerzeit eine Liste herausgegeben, in der Wörter, die vermieden werden sollen, «korrekte» Entsprechungen bekommen haben. Bei «chatten» steht zum Beispiel «plaudern, schwatzen». Doch das trifft den Sachverhalt eben nicht. Um «chatten» exakt zu beschreiben, bräuchte man drei deutsche Sätze. Das ist der Vorteil der Anglizismen: Sie sind kurz, knapp und kommunikativ eindeutig.

Gibt es überhaupt unnötige Neologismen?
Um die Jahrtausendwende wurde in Deutschland eine hitzige Diskussion geführt, was den Anglizismengebrauch angeht. Zu Recht, es gab tatsächlich Auswüchse. Etwa bei der Bahn und der Telekom, wo man mit Wörtern wie «Citycall», «Servicepoint» Weltläufigkeit demonstrieren wollte. An diesen Wörtern entzündete sich der Zorn, weil bestimmte Sprachteilnehmer, besonders ältere Menschen, aus der Kommunikation einfach ausgegrenzt werden. (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.12.2009, 10:39 Uhr


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