Kultur
Verbotene Liebe zu peinlichen Vorabendserien
Von Miriam Lenz. Aktualisiert am 10.02.2010 3 Kommentare
«Ich schaue GZSZ seit zwölf Jahren»
Sie sollen sich nicht länger verstecken müssen: Prominente, die Vorabendserien verfallen sind oder zumindest einmal waren. Um 18.40 Uhr moderiert Nicole Berchtold (29) jeweils die Sendung «Glanz und Gloria» auf SF1. Haargenau eine Stunde später beginnt auf RTL ihre Lieblingsserie «Gute Zeiten, schlechte Zeiten», kurz GZSZ. «Diese Serie schaue ich seit zirka zwölf Jahren», gesteht Berchtold. «Am Anfang, weil ich sie so schlecht fand und weil hin und wieder irgendwelche Mikrofone ins Bild ragten.» Mittlerweile, findet sie, habe sich die Serie stark entwickelt. Der amtierende Mister Bern Christoph Bacher (21) kennt dafür «Verbotene Liebe». Mit seiner Mutter habe er die Serie früher regelmässig geschaut. «Und natürlich habe ich dabei sehr viel fürs Leben gelernt», sagt der Interlakner und lacht.
Und auch harte Rocker haben mal schwache Zeiten und schauen wie Stämpf (41), Gitarrist und Sänger der Funpunker QL, «Gute Zeiten, schlechte Zeiten». «Früher war ich mal ein halbes Jahr lang süchtig nach dieser Serie», sagt er. mia>
Sagt Ihnen der Name Leon Moreno etwas? Oder klingelts vielleicht bei Thorsten Fechner oder Rolf Jäger? Dann haben wir Sie bereits entlarvt – als Junkie sogenannt peinlicher Serien wie «Gute Zeiten, schlechte Zeiten», «Marienhof» oder «Unter uns».
Warum ausgerechnet die deutschen Vorabendserien gemeinhin als uncool, schlecht gespielt und oberlangweilig gelten, ist unklar. Selbst Serienexperte Robert Blanchet, Doktorand am Filmwissenschaftlichen Institut der Uni Zürich, sieht nicht so ganz dahinter. Er selber konsumiere diese Art von Unterhaltung nie, betont er mehrmals. Blanchet versucht trotzdem zu begründen: «Die deutschen Serien sind halt kitschig, übertrieben und naiv», sagt er. «Nur ein naives Publikum nimmt diese Geschichten ernst und identifiziert sich gar mit deren Figuren.» Klar, zu dieser Gruppe will natürlich niemand gehören.
Doch geschaut wird trotzdem – heimlich, hinter vorgezogenen Gardinen. Extreme, anonyme Süchtige gehen zwischen 18 und 20 Uhr nicht einmal ans Telefon und entschuldigen ihre Abwesenheit im Anschluss mit einem Besuch im Fitnesscenter oder einem wichtigen Kundenessen – könnte ja sein.
Die Hausfrauen nerven
An einer internationalen Tagung des Instituts für Filmwissenschaften der Uni Zürich haben Experten vergangene Woche über das Serienphänomen diskutiert. Im Mittelpunkt standen allerdings US-Serienknüller wie «Dr. House», «Die Sopranos» oder «Desperate Housewives». Serien also, als deren Fans man sich mit gutem Gewissen outen darf. Weil die Serien erfolgreich sind, trendy und anspruchsvoller als deutsche Soaps. Meint auch Robert Blanchet: «Diese amerikanischen Serien bieten alles andere als einfache Unterhaltung», sagt er. Sie seien komplexer und hätten interessantere, ausgefeiltere Charaktere und Handlungen.
Einzig bei «Desperate Housewives» kann der Serienkenner den Hype nicht so ganz verstehen. Für ihn gehört diese Sendung wie «Marienhof» oder «GZSZ» ganz klar in die «Guilty pleasures»-Schublade. Zu denjenigen Serien also, die nur mit schlechtem Gewissen zu geniessen sind.
«Ich sehe nicht ein, wie man sich mit auch nur einer einzigen dieser Frauen identifizieren kann», sagt Blanchet. Gekoppelt mit übertriebenen Storys und kitschigem Brimborium sei diese Soap ganz einfach «nervig». Trotzdem schaut er dem Treiben in der Mysteria Lane zusammen mit rund 200000 weiteren Schweizerinnen und Schweizern regelmässig zu – natürlich der Freundin zuliebe. Oder weil er es liebt, die Charaktere zu hassen. «We love to hate» heisst dieses Phänomen im Filmjargon.
Schlechtes fasziniert
Zurück zu den deutschen Serien, die zu schauen man sich schämt und ohne die Millionen von Menschen offensichtlich trotzdem nicht leben können. Sagen zumindest folgende Zahlen des deutschen Online-Nachrichtendienstes «News Adhoc»: 4 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer fiebern täglich mit den Stars von «Gute Zeiten, schlechte Zeiten». Rund 1,8 Millionen schalten bei «Unter uns» ein und ein paar wenige mehr bei «Marienhof». Und die wollen sich alle dafür schämen?
Möglich. Dass sie trotzdem Vorabend für Vorabend vor der Kiste sitzen, kann in den Augen von Robert Blanchet nur einen Grund haben. Er erklärt ihn in den Worten des schwedischen Regisseurs Ingmar Bergman, der über die 80er-Jahre-Serie «Dallas» gesagt haben soll: «Es ist so faszinierend schlecht, dass ich keine Folge versäume. Die Handlung ist abstrus und unlogisch, die Kameraführung grauenhaft, die Regie entsetzlich, und unglaublich viele Schauspieler und Schauspielerinnen spielen unglaublich schlecht. Aber es ist irre faszinierend.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 10.02.2010, 12:41 Uhr




Robert Herz
Ich schaue Lindenstrasse, ist nicht ganz so schlecht wie GZSZ. Ich finde, man kann das Niveau ganz klar unterscheiden, wenn man schon sieht, dass die Stories unglaubwürdig und die SchauspielerInnen schlecht sind. Und Desperate HW ist ganz einfach so schön böse und drum sehenswert - die Story ist gut, nicht die Schauspieler. Antworten