Kultur
«Lost»
Von Simone Meier. Aktualisiert am 26.04.2010
Info
«Lost» im TV: Die 5. Staffel läuft sonntags 22.30 Uhr auf SF 2, donnerstags 21.15 Uhr auf Kabel 1 (immer zwei Folgen).
«Lost» auf DVD: Staffeln 1 bis 4 (alle auch auf Deutsch), Staffel 5 ist ab 4. März auf Deutsch erhältlich. Pro Box 40 bis 50 Fr.
Stichworte
Dies ist die Serie, die es geschafft hat, dass Barack Obama eine Rede verschieben musste. «Ich sehe schwarz für ein Szenarium, in dem die Millionen von Zuschauern, die hoffen, endlich Lösungen in ‹Lost› zu finden, vom Präsidenten mit Beschlag belegt werden», sagte der Sprecher des Weissen Hauses. Und so kam es, dass Obamas Rede zur Lage der Nation auf den 27. Januar 2010 vorgezogen wurde, denn am 2. Februar startete die 6. und letzte Staffel von «Lost».
Seit es «Lost» gibt, also seit 2004, versteht noch immer kein Mensch, was es eigentlich auf sich hat mit dieser seltsamen südpazifischen Insel mit dem wahnsinnig gewordenen Magnetkern im Innern, auf der ein paar schrullige Alteingesessene hausen: «The Others», «The Hostiles» und die Mitarbeiter der «Dharma Initiative», obskure Forscher in Bunkern. Sie werden gleich zu Beginn um ein paar ganz normale Menschen, die einen Flugzeugabsturz überlebt haben, ergänzt: darunter der Arzt Jack, die Bankräuberin und sympathische Vatermörderin Kate (Evangeline Lilly, so schön und mittlerweile so berühmt, dass sie das neuste L’Oréal-Gesicht ist), der Betrüger Sawyer, der gelähmte John Locke, der übergewichtige Lottogewinner Hurley, der irakische Folterer Sayid.
Sie haben auf der Insel die Chance zum sozialen Neustart und können ihre Team- und Führungsqualitäten ausprobieren. Doch was immer sie versuchen, es ist seit Jahrzehnten vorbestimmt, ihre Geschichten sind längst miteinander verquickt. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft fallen auf der Insel in eins, die Zuckungen ihres nervösen Magnetherzens werfen ihre Bewohner - manchmal im Fünfminutentakt - um Jahre zurück oder vorwärts. Manche begegnen sich selbst als Kind oder den längst toten Eltern als Jugendliche, es ist eine Albtraumkonstruktion sondergleichen und das Ende jeder narrativen Logik. «Lost» ist das kühnste, überraschendste Unternehmen des Serien-Universums, quasi Postmoderne pur, alles ist jederzeit möglich.
Erstaunlicherweise dankt das Publikum dem «Lost»-Erfinder J. J. Abrams (er hat Regie geführt bei «Mission Impossible III» und «Star Trek») die Serie gewordene Überforderung frenetisch. Vielleicht, weil «Lost» den Ehrgeiz der Zuschauer anspornt. Weil sie sich so durch die Serie bewegen müssen wie durchs Internet: gewandt und mit sich ständig multiplizierenden Informationen versorgt.
«Lost» ist Abenteuer und Mysterium ohne Ende, ist die Dekonstruktion von Wissenschafts- und Wirtschaftsmacht, ist Jean-Jacques Rousseau (eine Figur ist nach ihm benannt) und Philipp K. Dick in einem. Gesellschaftliche Konstrukte sind hinfällig, am härtesten geht «Lost» mit der Familie an sich ins Gericht, alle Eltern sind böse, zeigt uns die Serie. Für eine Produktion aus dem Hause Disney ist das eine geradezu halsbrecherische These.
Jetzt, in der 6. Staffel, sollen also alle Rätsel gelöst werden, Kate soll sich zwischen Jack und Sawyer entscheiden, das furchterregende «Rauchmonster» soll schon in der ersten Folge ausgelüftet worden sein, der hinterfotzige Oberfiesling Ben (Michael Emerson, er hat dafür einen Emmy gewonnen) wird hoffentlich irgendwann bestraft. All das ist so weltbewegend, dass «Spiegel online» gleich drei Mitarbeiter abbeordert hat, um jede Woche die neuen Folgen aus Amerika per Blog zu kommentieren. Unter die Top-Ten-«Lost»-Blogs dieser Welt haben sie es allerdings noch nicht geschafft. Simone Meier
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.04.2010, 16:21 Uhr
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