Kultur

Blamiert eine «Schlampe» den grossen Dieter Bohlen?

Von Simone Matthieu. Aktualisiert am 30.04.2009

Die Jury hasst sie, Dieter Bohlen nennt sie «Schlampe». Doch «Deutschland sucht den Superstar»-Kandidatin Annemarie kommt Runde um Runde weiter. Ist Bohlen doch nicht so mächtig? Oder ist das Skandälchen einfach nur gut orchestriert?

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Protestiert gegen ihr Ausscheiden: Annemarie Eilfeld bei «Deutschland sucht den Superstar».
Bild: Keystone

   

Halbfinal-Sendung

«Deutschland sucht den Superstar», Samstag, 20.15 Uhr, RTL

Annemarie Eilfeld, Kandidatin der diesjährigen Staffel von «Deutschland sucht den Superstar» (DSDS), spaltet die deutsche Nation. Die einen lieben sie, die andern hassen sie. Zu Letzteren gehört auch die «DSDS»-Jury, allen voran Dieter Bohlen. Um beim Ober-Juror endlich auf Gehör zu stossen, machte ihm Annemarie heute in der «Bild-Zeitung» ein Friedensangebot – mit einer überdimensionalen Dieter-Kette um den Hals.

Wie kam es soweit, dass Annemarie öffentlich um Bohlens Zuneigung betteln muss? Die 18-Jährige aus Sachsen-Anhalt hat mit ihrer direkten Art und ihrem unverholenen Ehrgeiz den Zorn ihrer Mitmenschen auf sich gezogen. Was musste sie sich nicht alles anhören: Sie sei eine falsche Schlange, fand Konkurrentin Sarah Kreuz, 19. «Sie ist hinterfotzig» und «Ich hasse dieses Weib», lautet das Urteil des dritten Halbfinalisten, Daniel Schuhmacher, 21.

Alles noch harmlos gegen die verbalen Tiefschläge, die Annemarie von Dieter Bohlen einstecken muss. Vor laufender Kamera nennt er sie «Schlampe» und mit Voten wie «Es gibt Leute, bei denen hört sich Deutsch nicht gut an. Bei denen hört sich aber auch Englisch nicht gut an!» oder «Jede Tanzkapelle bei mir zu Hause in Tötensen singt besser als du», spricht er ihr jegliches Gesangstalent ab.

Manipulationsvorwürfe kommen wieder auf

Trotz allem hat es Annemarie ins Halbfinale der RTL-Castingshow vom kommenden Samstag geschafft. Oder gerade deshalb? Ist es überhaupt möglich, Superstar ohne Bohlens Zustimmung zu werden? Oder ist das Theater um Annemarie einfach nur gut inszenierte Propaganda für die TV-Show?

Manipulationsvorwürfe im Umfeld von «DSDS» werden immer wieder laut. So fand sich beim Internet-Händler Amazon letzte Woche unter dem Stichwort «Daniel Schuhmacher» eine CD mit dem Titel «Deutschland sucht den Superstar - Sieger-Single 2009». Unter den Stichworten Annemarie Eilfeld und Sarah Kreuz fand sich nichts. Sofort wurde die Frage laut, ob Amazon den «DSDS»-Gewinner schon kenne und die ganze Show ein Schwindel sei. Der Patzer wurde inzwischen ausgebügelt. Zurzeit findet man unter allen drei Kandidaten-Namen besagten CD-Titel.

Ein Fall Annemarie ist für einen TV-Sender allerdings fast zu schön um wahr zu sein. Was könnte die Quoten besser in die Höhe treiben, als Annemarie-Hasser, die nur auf Bohlens vernichtende Kritik lauern? Oder Bohlen-Hasser und selbst ernannte Kreuzritter, welche die Haue, die das Mädchen einstecken muss, zum Finger-Wund-Wählen für Annemarie motiviert?

Böse Annemarie – ein TV-Märchen?

Und jetzt, kurz vor dem grossen Showdown bietet die «Bild-Zeitung», die jedes «DSDS»-Skandälchen in seiner ganzen möglichen Breite ausschlachtet, Hand zur Versöhnung. «Es ist eine tolle Geste – und eine absolute Überraschung: Annemarie Eilfeld reicht in ‹Bild› Dieter Bohlen die Hand!», freut sich die Zeitung über ihren eigenen Coup. Die absolute Überraschung? Wohl kaum.

Dass das Versöhnungsangebot Annemaries Idee war, ist schwer zu glauben. Vor allem, wenn man weiss, dass die «Bild» keinen Artikel über Dieter Bohlen publiziert, der nicht von diesem höchstpersönlich abgesegnet ist. Mehr noch: Bohlen sitzt jeweils im Büro der Chefredaktion und brütet mit den Journalisten über Stories, mit denen er wieder mal für Furore sorgen könnte. Ob er dabei als Gutmensch oder Bösewicht dasteht, ist einerlei. Auch jeder Negativ-Bericht in der «Bild» ist mit ihm abgesprochen. Der Impact zählt – das weiss Bohlen so gut wie kein Zweiter.

«Bild» und RTL arbeiten in Sachen «DSDS» Hand in Hand. Die Charaktere, die RTL den Gesangsküken aufdrückt, werden von der «Bild» fleissig weitergetragen. Mit viel Gespür für den schier grenzenlosen Voyeurismus der Zuschauer, führen die TV-Macher in den sonst eher langweiligen Vorcastings sogar körperlich Gehandikapte vor. Dass eine 40-Jährige im Rollstuhl für Rührung vor den Bildschirmen sorgen wird, ist Kalkül, dass man dieser Frau nie den Traum vom Auftritt vor der grossen Masse erfüllen wird, ebenso.

Die Kandidaten, gleichen sich wie ein Ei dem anderen, schliesslich sollen sie sich so lange wie möglich im glamourösen, seit Jahren in seiner Gleichförmigkeit dahindümpelnden Musikbusiness halten, ihre Halbwertszeit ist kurz genug. Um etwas Unverwechselbarkeit ins Einerlei der Auserwählten zu bringen, werden diese als für alle verständliche Archetypen ins Licht gerückt: Daniel Küblböck, der Verrückte, Alexander Klaws, der Traumschwiegersohn. Oder eben: Annemarie, die Zicke.

Perfektes Kalkül

So berichtete zum Beispiel Nevio Passaro, Kandidat der dritten «DSDS»-Staffel, dass ihn RTL zu negativen Aussagen über seine Kollegen ermuntert habe. Die positiven Kommentare, die er ebenfalls abgegeben habe, seien hingegen im Nachhinein herausgeschnitten worden. Man habe ihn als «arroganten Arsch» darstellen wollen. Nevio erzählt von einer weiteren Beobachtung: Der Notar von «DSDS», der jeweils überprüfen soll, dass die Zuschauer-Votings mit rechten Dingen zugehen, befand sich bereits vor Ende der Abstimmung mit dem Ergebnisumschlag hinter der Bühne.

«Das ist alles Schiebung. Es wird nie nach Quoten abgestimmt. RTL und der Produzent der Show werden sich nie einen Kandidaten vorschreiben lassen», sagt sogar Dieter Bohlens langjähriger Berater, Gerd Graf Bernadotte, in der «Berliner Morgenpost». Grund war das überraschende Ausscheiden von «DSDS 2007»-Favorit Max Buskohl. Der sei von Anfang an unbequem gewesen, schon deshalb, weil er eine Band habe und das Format einen Solokünstler suche. «Am Ende wird wohl Mark Medlock gewinnen, weil er bequem und leicht zu formen ist», so Bernadotte weiter. Er sollte recht behalten.

Auch Annemarie ist sich offenbar bewusst, dass der Sender ihr die Rolle der Zicke mit aufgedrückt hat. «Meine Kommentare werden so zusammengeschnitten, wie es RTL gerade passt. Ich kann nur versuchen, das auszuhalten», sagt sie. Und vermutet weiter, dass die Jury ihre Auftritte gezielt mit äusserst harten Worten kritisiert, damit aus Mitleid erst recht für sie angerufen wird. Und sich damit RTLs Kassen füllen.

Das Kalkül ging bislang prächtig auf. Annemarie hat es unter die letzten drei bei «DSDS 2009» geschafft. Und die «Bild-Zeitung» verlost in einem aktuellen Wettbewerb 10'000 Euro unter all jenen, die am Samstag für Annemarie anrufen und ihr so eine Runde weiterhelfen. «The Show must go on.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.04.2009, 17:45 Uhr


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