Kultur

Das ZDF peppt die Nachrichten auf

Von Marc Brupbacher. Aktualisiert am 21.07.2009 9 Kommentare

Die ZDF-Sendungen «Heute» und «Heute-Journal» senden seit Freitag aus einem neuen Studio. Angekündigt war eine visuelle Revolution. Das Resultat ist tatsächlich ziemlich abgehoben – und umstritten.

Futuristisch: Das neue ZDF-Nachrichtenstudio (Quelle: ZDF).

Seit Freitag senden die ZDF-Nachrichtensendungen aus einem 30 Millionen teuren, 700 Quadratmeter grossen Studio in Mainz, das von den Mitarbeitern «grüne Hölle» genannt wird - wegen der Farbe der Wände. Die Farbe gibt den Technikern die Möglichkeit, die Moderatoren vor jedem beliebigen virtuellen Hintergrund auftreten zu lassen. Mit elektronischen Tricks sollen die Dinge noch besser erklärt und damit für die Zuschauer leichter begreifbar werden. Das Studio gilt nach Angaben des Senders als modernster Newsroom Europas.

Ziel des futuristischen Nachrichtenauftritts ist es, dem starken Rückgang der Zuschauerzahlen entgegenzuwirken und das Publikum zu verjüngen. Das Durchschnittsalter der «Heute»-Zuschauer liegt gegenwärtig bei 64 Jahren. Kamera-Roboter ermöglichen dynamische Kamerafahrten, die der Sendung mehr Schwung verleihen und die verloren gegangene Internet-Generation zum ZDF locken sollen.

Radikaler Neuanfang

Doch wenn man sich bei den Jungen anbiedere, bestehe die Gefahr, die treue Stammkundschaft zu vergraulen, warnt die deutsche Zeitung «Welt». «Die Entscheidung zu einem radikalen Neuanfang dürfte die Sehgewohnheiten der überwiegend älteren Stammzuschauer des ZDF auf eine harte Probe stellen.»

Ungeachtet der Unkenrufe zeigt sich das ZDF nach der Ausstrahlung der ersten Sendung im neuen Format begeistert. So hätten sich bereits während der Sendung zahlreiche Zuschauer telefonisch und per E-Mail gemeldet und nicht mit Lob gespart. Vor allem die neuen Erklärmöglichkeiten mit dreidimensionalen Animationen hätten gut gefallen, klopft sich der TV-Sender selber auf die Schulter.

Die Reaktion der Presse ist – milde gesagt – weniger euphorisch. So sieht die «Welt» die Gefahr einer visuellen Reizüberflutung. Die Zeitung schreibt in ihrer Onlineausgabe: «Da das menschliche Hirn stark von seinen visuellen Wahrnehmungen dominiert wird, können allzu hektisch bewegte Bilder dazu führen, dass nur noch die optischen Reize, nicht aber die vom Sprecher parallel dazu vermittelten Informationen vom Zuschauer registriert werden.»

ZDF-Moderator Claus Kleber versucht zu beruhigen: «Es kommt darauf an, dass wir die neuen technischen Möglichkeiten redaktionell vernünftig nutzen.»

«Effekthascherei»

Doch die medialen Reaktionen vermag der ZDF-Anchorman mit solchen Aussagen nicht abzukühlen: Von «Effekthascherei» und «Gebührenverschwendung» ist die Rede. Die «Süddeutsche Zeitung» schreibt: In den ersten zwei Ausgaben der neuen «heute»-Sendung schienen die technischen Möglichkeiten die ZDF-Redakteure regelrecht zu verleiten, Nachrichten grösser aufzublasen als sie waren. Das Fazit des Blattes: Der Erkenntnisgewinn der Projektionen sowie ihr eigentlicher Nachrichtenwert tendiere gegen Null.

Wegen der harten Kritik sah sich am Samstag der stellvertretende Chefredakteur des ZDF, Elmar Thevessen, noch einmal genötigt zu erklären, warum sein Sender 30 Millionen Euro für ein Nachrichtenstudio ausgegeben hat: «Wir wollen die verständlichsten Nachrichten Deutschlands produzieren», sagte er. Und er schrieb: «Wir wollen frisch, cool und auch mit einem Schuss ,spacey' daher kommen.»

Völlig benebelt

Die «Süddeutsche» macht in ihrem Artikel mit viel Häme darauf aufmerksam, dass Elmar Thevessen mit dem Attribut «spacey» (deutsch: benebelt) nicht ganz richtig liege – er habe wohl eher spacig (toll; abgehoben) gemeint. Den Freud'schen «Verschreiber» nahm die Zeitung aber dankbar auf und gab dem Artikel zum neuen Nachrichtenstudio den Titel «Irgendwie benebelt».

«Spiegel online» bilanziert zum Schluss der eigenen Kritik: «Ob die Jugend so zurück zur Nachricht findet, bleibt fraglich. An der Optik kann es jedenfalls nicht mehr liegen.» (baz.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.07.2009, 10:34 Uhr

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9 Kommentare

Pasqual Weibel

21.07.2009, 10:01 Uhr
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Ich bin beeindruckt, klasse Umsetzung der modernen Technologie! Weshalb sollte man es nicht nutzen? Antworten


Tobias Heinze

21.07.2009, 09:27 Uhr
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Man muss schon zwischen der neuen Technik und dem neugewählten Design unterscheiden. Die Technik gibt den Machern die Möglichkeit, das neue Design fast beliebig (bis auf den Tisch) anzupassen und abzuändern. Wenn einem das neue Design nicht gefällt, bedeutet das daher nicht, dass die Investition in neue Technik verschenktes Geld wäre. Antworten



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